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Störung der Lieferketten: Brexit: Verbraucher sind die Verlierer

Von Der Austritt der Briten aus dem EU-Binnenmarkt könnte die Lieferketten in der Industrie erheblich stören. Folge: höhere Preise.
Auch die Produktion im Mini-Werk des BMW-Konzerns im britischen Oxford ist von Vorleistungen aus Deutschland abhängig. Foto: BMW (BMW) Auch die Produktion im Mini-Werk des BMW-Konzerns im britischen Oxford ist von Vorleistungen aus Deutschland abhängig.
Frankfurt. 

Große Lager sind bei Unternehmen aus der Mode gekommen, sie lassen sich die Einzelteile für ihre Produkte lieber „just in time“ anliefern. Schon geringfügige Störungen können in den globalisierten Lieferketten die Fertigung erheblich ausbremsen oder gar zum Erliegen bringen. Ein Auto bzw. seine mehr als 30 000 Einzelteile haben im Schnitt 15-mal Ländergrenzen überquert, bevor sie ausgeliefert werden – zum Beispiel aus dem Mini-Werk im britischen Oxford. Der sich abzeichnende „harte“ Brexit könnte diese Lieferketten leiden lassen und die Wirtschaft auf beiden Seiten des Kanals stark treffen, wie eine aktuelle Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW, Köln) ergeben hat.

Viele deutsche Industrieunternehmen sind auf Vorleistungen aus dem Ausland angewiesen – und häufig sitzen die Partner in Großbritannien. 2014 lieferten die Briten Vorleistungen im Wert von rund 202 Milliarden Dollar in die 27 anderen EU-Staaten, davon entfielen fast 36 Milliarden auf Deutschland. In umgekehrter Richtung flossen Vorleistungen für rund 230 Milliarden Dollar, die EU erzielte also einen Überschuss von 28 Milliarden Dollar. Größter Lieferant für Vorleistungen ins Vereinigte Königreich war ebenfalls Deutschland.

Chemie und Auto

Der Brexit gefährdet diese enge Zusammenarbeit oder macht sie durch Zölle und andere Kosten zumindest teurer, sollten sich die Partner nicht auf ein Freihandelsabkommen einigen. Allein die deutsche Chemie- und Pharmabranche lieferte (Stand 2014) Vorleistungen im Wert von elf Milliarden Dollar nach Großbritannien, der Maschinenbau (inklusive Datenverarbeitungsgeräte) für 8,4 Milliarden, die Automobilindustrie für 6,3 Milliarden. In die Gegenrichtung flossen weniger Waren und Dienstleistungen, diese erreichten aber ebenfalls den Wert vieler Milliarden.

Schon geringe Zölle würden die Preise nach oben treiben. „Die komplexen Lieferketten könnten durch den Brexit schlimmstenfalls gesprengt werden“, warnt IW-Wissenschaftler Berthold Busch. Wie eine Rechnung des Instituts zeigt, sind vor allem der sonstige Fahrzeugbau (beispielsweise Luft- und Raumfahrt), Metallbearbeitung und Chemieindustrie auf Vorleistungen von den britischen Inseln angewiesen. Auch in der Automobilbranche sind englische Zulieferer wichtig für die deutschen Partner. Umgekehrt sind der britische Automobilbau und die Chemieindustrie besonders stark von Lieferungen aus Deutschland abhängig.

„Die deutsche Industrie würde ohne ein Freihandelsabkommen empfindlich getroffen“, sagt Busch. Auch auf der anderen Seite des Kanals sieht es nicht besser aus: Zittern müssen dort vor allem die Dienstleistungsunternehmen, die viel Geschäft mit Deutschland und der EU machen. Einigen sich die Partner nicht auf zollfreien Handel und möglichst geringe nichttarifäre Handelshemmnisse (das sind zum Beispiel unterschiedliche Normen und Vorschriften), könnten die Kosten für die Industrie nachhaltig steigen und dadurch auch die Preise anziehen. „Am Ende würden dann die deutschen Verbraucher die Zeche zahlen“, fürchtet Busch.

Zölle drohen

Ohne Freihandelsabkommen würden im Handel zwischen den beiden Wirtschaftsräumen künftig die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) gelten. Zwar liegt der durchschnittliche Außenzolltarif der EU bei relativ geringen 5,1 Prozent (Stand 2015). Gut ein Drittel der britischen Exporte gehen jedoch in Branchen, in denen die EU deutlich höhere Zölle erhebt: Autos, Chemie, Bekleidung, Nahrungsmittel und Tabak. Die deutsche chemische Industrie rechnet mit jährlichen Zollbelastungen von 200 Millionen Euro, wenn die Briten als Gegenmaßnahme Zölle auf dem Niveau der heutigen EU-Außenzölle erhöben. Dienstleistungen sind zudem in Freihandelsverträgen meist kaum erfasst – so enthält der CETA-Vertrag mit Kanada keine Regelung zu Bankdienstleistungen, die britischen Institute wären also in jedem Fall schlechter gestellt.

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