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Der Bedeutungsverlust Europas: Brexit lässt Anteil an Weltwirtschaft weiter sinken

Von Neun Monate nach dem Brexit-Referendum wird es ernst: Die Verhandlungen über den EU-Austritt der Briten starten. Was ist deutschen Unternehmen dabei wichtig? Es geht um Hunderttausende von Jobs.
<span></span> Bilder > Foto: Martin Keene (PA Wire)
London. 

Die Scheidung wird unumkehrbar: Die britische Premierministerin Theresa May will heute den Austrittsantrag ihres Landes aus der Europäischen Union in Brüssel einreichen. Mit dem erstmaligen Ausscheiden eines Mitglieds wird sich der schon länger laufende, schleichende Bedeutungsverlust der EU beschleunigen. Das „Europa der 27“ wird ohne die Briten im Ranking der Wirtschaftsmächte auf Rang drei hinter den USA und China zurückfallen.

Nach Zahlen der Industrieländer-Organisation OECD kamen 2015 die 28 EU-Staaten zusammen noch auf eine jährliche Wirtschaftsleistung von 19 700 Milliarden Dollar. China lag mit 19 780 Milliarden Dollar knapp vorn, dahinter folgten die USA mit 18 040 Milliarden Dollar. Ohne Großbritannien werden der EU rund 2800 Milliarden Dollar Bruttoinlandsprodukt (BIP) fehlen.

Warnung vor Wirrwarr

Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling warnt vor einem Flickenteppich an Regulierungen nach einem „harten Brexit“. Ohne einen Beschluss, verschiedene Finanzmarktregelungen als gleichwertig anzuerkennen,

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Bei den Dienstleistungsexporten dominierten die Europäer weltweit – mit einem Anteil von 25 Prozent, wozu allerdings Großbritannien einen ganz wesentlichen Anteil beitrug, vor den USA mit 18 Prozent und China mit sechs Prozent. Mit 15 Prozent an den weltweiten Warenexporten rangierte die EU zuletzt auf Rang zwei knapp hinter China mit 16 Prozent; hierzu trug natürlich Deutschland maßgeblich bei.

Weitere Rückgänge

Die deutschen Ausfuhren auf die britische Insel schrumpften schon im Vorjahr um 3,5 Prozent. Wenn der Brexit tatsächlich Fakt ist, wird das nach Einschätzung der deutschen Unternehmen den Handel von Waren und Dienstleistungen weit stärker beeinträchtigen. „In den kommenden Monaten ist mit weiteren Rückgängen beim Handel zu rechnen“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Vier von zehn Unternehmen erwarten laut einer DIHK-Umfrage schlechtere Geschäfte. Zudem plant jedes zehnte Unternehmen schon jetzt, noch bevor die Austrittskonditionen bekannt sind, die Verlagerung von Investitionen in andere Länder. Rund die Hälfte dieser Firmen wollen Investitionen nach Deutschland zurückverlagern.

Großbritannien ist unser fünftwichtigster Handelspartner mit einem Güteraustausch von 122 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Als Markt für deutsche Ausfuhren lag das Land mit 86,1 Milliarden Euro auf Rang drei im Länderranking. Rund 750 000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen am Geschäft mit Großbritannien.

Bei den anstehenden Austrittsverhandlungen steht der Erhalt eines freien Warenverkehrs ganz oben auf der Prioritätenliste deutscher Firmen. Für 88 Prozent der befragten Unternehmen ist das wichtigste Thema, dass zwischen beiden Seiten keine Zölle und Importsteuern erhoben werden. Dicht dahinter rangiert mit 83 Prozent die Furcht vor bürokratischen Hürden bei der Abwicklung des Handels. Der Erhalt des freien Kapital- und Zahlungsverkehrs ist für 67 Prozent der Befragten besonders wichtig, gefolgt von einer zügigen Umsetzung des Brexit und der Sicherung der Personenfreizügigkeit zwischen EU und Großbritannien.

Aktuell sieht es allerdings eher nach einem „harten“ Brexit aus, da London keinesfalls eine weitere Zuwanderung aus der EU hinnehmen will und dafür auch bereit ist, den gemeinsamen Binnenmarkt zu opfern.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) fordert, dass die Brexit-Verhandlungen die EU nicht weiter schwächen dürfen. Gleichzeitig müsse der wirtschaftliche Schaden durch den Brexit für beide Seiten möglichst gering gehalten werden, sagt VCI- Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann: „Mit Partnerschaft erreichen wir mehr als mit Protektionismus.“

Sollte die britische Regierung dagegen Chemie- und Pharmazölle auf Höhe der heutigen EU-Außenzölle einführen, würden jährliche Zollzahlungen von 200 Millionen Euro für Deutschlands drittgrößte Branche anfallen. Weitere Belastungen für die chemisch-pharmazeutische Industrie seien zu erwarten, wenn künftig die Regulierung zwischen der Rest-EU und dem Vereinigten Königreich verschiedene Pfade einschlage – sei es bei der europäischen Chemikalienverordnung Reach, der Zulassung von Medikamenten und Pflanzenschutzmitteln oder auch bei der Kreislaufwirtschaft.

Großbritannien ist nach den Niederlanden und Frankreich wichtigster Handelspartner in der EU für Deutschlands chemisch-pharmazeutische Industrie. 2016 verkaufte die Branche Produkte im Wert von 11,7 Milliarden Euro dorthin (6,6 Prozent aller Exporte). Den größten Anteil machten Spezialchemikalien und Pharmazeutika aus. Gleichzeitig importierten deutsche Chemieunternehmen Erzeugnisse für 6,2 Milliarden Euro, vor allem pharmazeutische Vorprodukte und Petrochemie.

Großbritannien spielt aber auch als Produktions- und Vertriebsstandort eine wichtige Rolle für die Branche. Derzeit sind 63 Tochtergesellschaften deutscher Chemieunternehmen in Großbritannien aktiv. Sie beschäftigen 6000 Mitarbeiter und erwirtschaften einen Umsatz von 4,1 Milliarden Euro. Der Bestand an Direktinvestitionen auf der Insel beläuft sich auf 1,6 Milliarden Euro. Britische Investoren sind mit gut 2 Milliarden Euro in der deutschen Chemie engagiert.

Zügige Verhandlungen

Der Verband der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) wiederum fordert ebenfalls zügige Verhandlungen, wendet sich aber gegen einseitige Zugeständnisse. „Eine Sonderrolle als Trittbrettfahrer darf es für Großbritannien nicht geben“, verlangt VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann; der Erhalt des Binnenmarktes sei wichtiger. Auch müsse unbedingt vermieden werden, in zwei Jahren ohne ein Abkommen dazustehen, so Brodtmann. Das Land ist viertwichtigster Exportmarkt für die Branche – mit Ausfuhren im Wert von 7,4 Milliarden Euro im Vorjahr – und sechstwichtigster Investitionsstandort des Maschinenbaus im Ausland.

Für die deutsche Automobil-Industrie ist das Vereinigte Königreich sogar der wichtigste Exportmarkt überhaupt – knapp ein Fünftel der gesamten Auto-Ausfuhren geht dorthin. Der Marktanteil der deutschen Marken liegt bei über 50 Prozent der Neuzulassungen – mit rund 800 000 Autos; weitere 216 000 Neuwagen kamen aus lokaler Fertigung deutscher Konzerne.

Nun könnte es zu einer Verlagerung von Investitionen kommen: „Wenn es einen ,harten Brexit‘ gibt, werden wir eine Wendung in Richtung Mittel- und Südosteuropa bekommen“, sagt der Präsident des Branchenverbands VDA, Matthias Wissmann, vorher. Kein Autohersteller würde derzeit in Großbritannien investieren, denn das Aushandeln eines Freihandelsabkommens mit der EU innerhalb von nur zwei Jahren sei unrealistisch. In Polen oder der Slowakei seien die Löhne niedriger – und die Länder sind EU-Mitglied. Bisher gehen mehr als drei Viertel der auf der Insel produzierten Neuwagen in den Export, davon wiederum mehr als die Hälfte in andere EU-Länder.

Der verbleibende Binnenmarkt sei wichtiger als das eine ausscheidende Land, dem man kein „Rosinenpicken“ erlauben dürfe, meint auch Wissmann – die Hoffnungen der May-Regierung, dass sich deutsche Exporteure aus Eigeninteresse für Zugeständnisse an London stark machen dürften, könnte also trügen.

Banken verlagern Jobs

Ohnehin wenig Hoffnung auf starken Lobby-Rückhalt hat die Branche der Finanzdienstleister. Die Banken warnen jedoch vor großen Verwerfungen, sollte nicht bald Klarheit über die Bedingungen des Ausscheidens herrschen. Banken von außerhalb der EU, also etwa aus den USA, wissen bisher nicht, welche Regeln künftig für sie gelten. Alles hänge an einer Frage: „Wie hart wird der Brexit sein?“, sagt der Präsident des Verbandes der Auslandsbanken, der UBS-Manager Stefan Winter: „Solange wir das nicht wissen, wissen wir auch nicht, welche Geschäfte wir an andere Standorte verlagern müssen.“ Auch inländische Institute wie die Deutsche Bank dürften ihre Präsenz in London verringern.

Verlässt Großbritannien wie angekündigt den EU-Binnenmarkt, hätten in London angesiedelte Auslandsbanken ein Problem: Sie benötigen für Einlagen- und Kreditgeschäft rechtlich selbstständige Tochterbanken mit Sitz in einem EU-Staat, also eine Banklizenz zum Beispiel in Deutschland. Frankfurt buhlt um Banker aus London und hofft auf neue Jobs – doch der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken (BdB), Michael Kemmer, bleibt skeptisch und geht davon aus, dass durch den EU-Austritt der Briten „alle verlieren werden“.

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