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Beschäftigung in Hessen: Bundesagentur für Arbeit: Kein flächendeckender Fachkräftemangel

Von In Hessen sind immer weniger Menschen arbeitslos, die Zahl der Beschäftigten soll auch in den nächsten beiden Jahren zulegen. Fachkräftemangel herrscht nicht.
In Hessen wird die Beschäftigung auch 2018 wachsen – lediglich Banken und Versicherer bauen Stellen ab. In Hessen wird die Beschäftigung auch 2018 wachsen – lediglich Banken und Versicherer bauen Stellen ab.
Frankfurt. 

Der Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, Frank Martin, ist ein besonnener Wiesbadener und früherer McKinsey-Berater. Doch wenn Kammern oder Verbände seiner Meinung nach unseriöse Behauptungen aufstellen, kann er laut werden: „Die Welt hat sich nicht grundlegend gewandelt – wir haben definitiv keinen flächendeckenden Fachkräftemangel.“ Es gebe natürlich Bedarf an Fachkräften – und zwar in einzelnen Regionen, Branchen und Betrieben stärker als in anderen. Aber eine Zahl möchte Martin nicht nennen, schon gar nicht die von den hessischen IHKs genannte 100 000: „Diese Zahl ist nicht meine.“ Ihm falle keine seriöse Methode ein, die zu einer solchen Schätzung komme. Denn Stellen, für die es tatsächlich an Bewerbern mangele, würden den Arbeitsagenturen oft gar nicht gemeldet.

Prof. Alfons Schmid vom Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur der Goethe-Universität Frankfurt verweist auch auf das Potenzial von geschätzt 300 000 bis 400 000 Menschen in Hessen und fünf bis sechs Millionen bundesweit, die in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Auch die „Wirtschaftsweisen“ hatten mehr Ausbildungsanstrengungen und bessere Kinderbetreuung gefordert. Und auch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden könnte laut Schmid noch deutlich gesteigert werden, etwa durch ein gesetzliches Recht auf Vollzeit.

Die Demografie

Martin nennt Fakten: Rund 55 400 freie Stellen gibt es im November in Hessen (also rechnerisch nur für jeden dritten Arbeitslosen eine). Kleinere Betriebe haben eher Probleme bei der Stellenbesetzung als Großunternehmen, ebenso Branchen, wo Arbeitsbedingungen oder Bezahlung nicht stimmen (etwa Erziehung oder Pflege). Und in Nordhessen werde sich die demografische Entwicklung viel früher bemerkbar machen, „während im Rhein-Main-Gebiet für Jahrzehnte kein Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung zu erwarten“ sei. Und der Flüchtlingszustrom? „Ja, das wird zur Minderung der Problematik beitragen, primär im Bereich Nachwuchskräfte“, sagt Martin.

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Insgesamt jedoch dürften in den nächsten Jahren nur knapp 50 000 Flüchtlinge den hessischen Arbeitsmarkt erreichen – also weniger, als jedes Jahr neue Stellen geschaffen werden. Zuletzt (Stand September) stieg die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung um 2,5 Prozent – und damit etwas kräftiger als im Bundesdurchschnitt – auf 2,57 Millionen. Für 2018 geht das Forschungsinstitut der Bundesagentur, das IAB Hessen, von einem Wachstum um 2,0 Prozent aus. Die Zahl der Arbeitslosen soll im nächsten Jahr um 3,4 Prozent auf 160 200 sinken, nachdem das Minus schon 2017 bei 4,1 Prozent liegen dürfte.

Außer in Wiesbaden soll die Zahl überall in Hessen sinken, am stärksten in Bad Hersfeld, Fulda und Kassel. Unter anderem profitiert das Bundesland von der guten Entwicklung im Bereich Mobilität/Verkehr, während die kriselnde Stahlindustrie kaum vertreten ist. Die Auswirkungen des Brexit werden nach Martins Worten vom Ergebnis der Austrittsverhandlungen abhängen; unter einem „harten“ Brexit litten vor allem die eng mit der britischen Wirtschaft verbundenen Regionen – „und da zählt Hessen dazu“.

Im Rhein-Main-Gebiet (inklusive Mainz und Aschaffenburg) wird die Gesamtbeschäftigung laut aktueller IWAK-Betriebsbefragung bis Ende nächsten Jahres um 2,1 Prozent und 2019 um weitere 2,7 Prozent zulegen. 2018 dürften die Zuwächse bei sonstigen Dienstleistungen (Zeitarbeit, Wachdienste), im Gastgewerbe sowie in den Bereichen Gesundheit und Verkehr am höchsten sein, während Banken und Versicherungen sogar Stellen abbauen wollen. 2019 wollen die Banken dann wieder Jobs schaffen, auch die positive Entwicklung in Gastgewerbe und Verkehr hält an. Relativ wenige Jobs entstehen in den nächsten zwei Jahren in Verwaltung, Industrie und Energieversorgung.

Kleinbetriebe legen zu

Die stärksten Beschäftigungszuwächse gibt es in Kleinbetrieben, während Großunternehmen kaum zusätzliche Stellen schaffen. Schmids Fazit: „Es gibt weiterhin einen ausgeprägten sektoralen Strukturwandel. Aber insgesamt liegt die Beschäftigung im Plus, was die Bewältigung dieses Wandels natürlich erleichtert.“

Doch bleiben regionale Unterschiede. Im November 2017 hat der Landkreis Fulda mit 2,6 Prozent weiterhin die niedrigste Arbeitslosenquote, die Stadt Offenbach mit 9,5 Prozent immer noch die höchste – sie leidet unter den Strukturproblemen eines alten Industriestandorts und hat einen hohen Migranten-Anteil. Gut entwickelt hat sich im mittelfristigen Vergleich die Stadt Kassel als ehemaliges Schlusslicht, die von Konzernen wie VW oder SMA Solar profitiert. Landesweit ist die Zahl der Arbeitslosen im Jahresvergleich um 4,5 Prozent auf 156 440 gesunken, die Quote liegt damit bei 4,7 Prozent.

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