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Statt großer Innovationen gibt’s nur noch Fusionen: Chemiebranche: Der Lack ist ab

Von Die riesige Fusionswelle in der chemischen Industrie ist nicht darauf ausgerichtet, neue Kassenschlager auf den Markt zu spülen. Es geht vor allem um Kostensenkungen und Verhandlungsmacht.
War die Strumpfhose von Mrs. Robinson im Film „Die Reifeprüfung“ noch aus Seide oder schon aus Nylon? In den 60ern feierte die Chemie ihren Siegeszug. Foto: Bert Reisfeld (Bert_Reisfeld) War die Strumpfhose von Mrs. Robinson im Film „Die Reifeprüfung“ noch aus Seide oder schon aus Nylon? In den 60ern feierte die Chemie ihren Siegeszug.
Frankfurt. 

Erinnern Sie sich an den US-Spielfilm-Klassiker „Die Reifeprüfung“ aus dem Jahr 1967? Dustin Hoffman spielt da den orientierungslosen College-Absolventen Benjamin Braddock, der zunächst eine Affäre mit der älteren und verheirateten ’Miss Robinson’ eingeht und sich dann in deren Tochter verliebt. Um seinen Abschluss zu feiern, geben seine Eltern ihm zu Ehren eine Party. Welche berufliche Karriere er denn nun einschlagen werde, wird Benjamin dort von Mr. McGuire, einem Freund seiner Eltern, gefragt. Die Antwort gibt McGuire dem 21-Jährigen gleich selbst: „Kunststoff, mein Junge! Kunststoff hat eine große Zukunft. Denk darüber nach!“

Verblasster Glanz

Zwar sollte die Szene die Klaustrophobie des damaligen bürgerlichen Lebens vermitteln. Aber McGuire hatte Recht: Zu der Zeit gehörte Kunststoff tatsächlich die Zukunft: Die 60er Jahre waren voller Innovationen: Materialien wie Kevlar und Gore-Tex wurden erfunden, Neil Armstrong spazierte in Stiefeln auf dem Mond, die mit neuartigem Silikon-Gummi besohlt waren. Und auf dem berühmten Filmposter sah man Mrs. Robinson, wie sie eine Strumpfhose über ihr Bein zieht, die vielleicht aus Seide oder aber auch aus Nylon des US-Chemie-Giganten DuPont gefertigt war. Künstliche Materialien auf Erdöl-Basis ersetzten damals Seide und Baumwolle und wurden zunehmend für industrielle und medizinische Produkte verwendet. Benjamin hätte also gut daran getan, dem Ratschlag von Mr. McGuire zu folgen.

Aber das ist lange her. Inzwischen ist der alte Glanz der Chemie-Industrie verblasst. Große Innovationen sind sehr rar geworden und das organische Wachstum der Unternehmen ist stark geschrumpft. Statt dessen quellen die Konzernkassen über mit Geld, von dem die Vorstandschefs offenbar nicht so recht, wie sie es investieren sollen.

Wäre es anders, würde nicht seit anderthalb Jahren die Fusionitis in der Chemie-Branche grassieren, die zuletzt auch den US-Konzern Huntsman und dessen Schweizer Wettbewerber Clariant angesteckt hat. Der unterhält in Sulzbach seine Europazentrale und in Frankfurt-Höchst seinen größten Produktions- und Forschungsstandort weltweit. Marktwert des künftigen Konzerns „Huntsman Clariant“: rund 20 Milliarden Euro. Aber damit steht dieser Zusammenschluss bei weitem nicht an der Spitze der weltweit größten Transaktionen. Zuvor hatten sich unter anderem die US-Riesen Dow Chemical und DuPont das Ja-Wort gegeben – Transaktionsvolumen: 69 Milliarden Dollar; die chinesische Chemchina übernahm die schweizerische Syngenta für 46 Milliarden Dollar; und die Bayer AG verleibte sich den US-Konzern Monsanto für 66 Milliarden ein – die bis dato größte Übernahme eines deutschen Unternehmens überhaupt. Auch deutsche Firmen wie BASF, Evonik und Lanxess haben Milliarden für Zukäufe ausgegeben.

Insgesamt stemmte die Chemieindustrie im vergangenen Jahr Fusionen und Übernahmen im Wert von 264 Milliarden Euro. Damit stellte die Branche den Rekord des Vorjahres schon wieder ein: Da waren schon bemerkenswerte 180 Milliarden Euro über die Ladentheke gegangen – drei Mal so viel wie im langjährigen Durchschnitt.

Tatsächlich geht es bei diesen „chemischen Verbindungen“ zumeist um schiere Größe: Die bietet zum einen die Chance, Kosten im neuen Konzern zu senken, indem Überlappungen in der Verwaltung, Forschung und Produktion beseitigt werden. Zum anderen setzen die Chemiker darauf, mit größerer Marktmacht bessere Preise bei den Verhandlungen mit Zulieferern und Kunden zu erzielen. Auch Clariant. „Wir sind überzeugt davon, dass in den nächsten Jahren solche Firmen den Ton angeben werden, die mindestens 13 bis 14 Milliarden Euro Dollar Umsatz erzielen“, sagt Vorstandschef Hariolf Kottmann. 400 Millionen Dollar will er von 2019 an jährlich einsparen: über Skalen-Effekte bei der Beschaffung, über Kostensenkungen bei der Logistik und Lagerung sowie Einschnitte in der Verwaltung.

Zentimeterarbeit

Heißt: Auch bei Clariant und Huntsman geht es viel mehr um Finanzgeschäfte als um neue chemische Verfahren und Produkte. Da sind in der Chemiebranche statt der Quantensprünge der Vergangenheit nur noch kleine Schritte zu sehen. McKinsey hat dafür den Begriff der „Zentimeterarbeit“ (Game of inches) geprägt. „Mit Ausnahme des Pflanzenschutzes fällt es uns schwer, einen chemischen Verkaufsschlager zu nennen, der in den vergangenen zehn Jahren entwickelt wurde“, heißt es in einer kürzlich erschienenen Studie der Unternehmensberatung.

So warnt auch der Verband der Chemischen Industrie (VCI ) seine Mitglieder davor, sich auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen. Vor allem die Konkurrenz in China habe ihre Forschungsaktivitäten massiv verstärkt, gibt Thomas Wessel zu bedenken: „China wird seinen Anteil an der globalen Chemieforschung von zwei Prozent im Jahr 2000 bis 2030 auf 15 Prozent aufgestockt haben“, so der Evonik-Manager, der im VCI den Ausschuss für Forschung, Wissenschaft und Bildung leitet. „Da stehen auch deutsche Unternehmen unter einem massiven Innovationsdruck.“ Ziel müsse es sein, die Entwicklungsarbeit in Wachstum zu verwandeln. Zwar hätten die Chemiebetriebe hierzulande seit 2005 die Forschungsausgaben um ein Drittel gesteigert. Gleichzeitig aber sei die Produktion um nur vier Prozent gewachsen. Da hilft nach Experten-Ansicht die reine Fusionitis langfristig nicht weiter. Zumal Synergien auf Kosten- und Ertragsseite allzu rasch verpuffen würden.

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