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"Hessen-Champion": Dank dieser Frankfurter Firma können Sie im Flugzeug atmen

Von Haben Sie sich schon mal gefragt, warum Sie im Flugzeug in zwölf Kilometern Höhe noch atmen können? Die Antwort finden Sie im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim. Mit „Nord-Micro“ sitzt dort eines der wichtigsten Unternehmen der Luftfahrt – und kaum jemand kennt es.
An diesen Tischen schrauben die Ingenieure der Nord-Micro die Kabinen-Bedruckungssysteme zusammen. An diesen Tischen schrauben die Ingenieure der Nord-Micro die Kabinen-Bedruckungssysteme zusammen.

Manchmal zählt Kai Liebig, 53, von seinem Büro aus die Flugzeuge, die sich über Frankfurts Skyline hinab senken. Eins, zwei, drei, vier – schade. Liebig ist einer der Geschäftsführer der Nord-Micro GmbH. Seine Firma rüstet weltweit vier von fünf Flugzeugen mit ihrer Technologie aus. Airbus und Boeing sind die größten Kunden. Wenn Liebig dem Landeanflug zusieht, weiß er, was kaum ein Passagier an Bord ahnt: dass Fluggäste und Crew in diesem Moment atmen und bei Bewusstsein sind, verdanken sie Handarbeit aus Bergen-Enkheim.

Frankfurt, ein Industriegebiet zwischen Supermarkt und Sanitätshaus, eine unscheinbare Industriehalle: Drehschlüssel hängen von der Decke, Werkzeuge liegen fein aufgereiht in Reihe, an einem Tisch steht etwas, das aussieht wie ein Mini-U-Boot. „Kabinen-Bedruckungssyteme“ heißt in der Fachsprache das, was die Mechaniker und Ingenieure hier aus Röhren, Klappen und Computer-Boxen zusammenschrauben. Ihre Apparaturen regeln den Druck in der Flugzeugkabine. Die Nord-Micro ist mit dieser Technologie Weltmarktführer auf dem Gebiet der Großraumflugzeuge.

Abzapfluft für Kabinen

Das Mini-U-Boot in der Produktionshalle ist in Wirklichkeit eine kleine Druckkammer. Mit ihr testen die Tüftler verschiedene Luftdruck-Szenarien an ihren Geräten. Aber was genau macht ihr System eigentlich? Geschäftsführer Liebig zückt einen Stift. „Je höher das Flugzeug steigt, desto dünner wird die Luft, der Luftdruck nimmt ab“, erklärt er und malt eine Kurve. In mehreren tausend Kilometern Höhe könnte deshalb niemand mehr überleben. Er zieht einen Strich. Vom Triebwerk des Flugzeugs wird Abzapfluft in die Kabine geleitet und „bläst“ den Innenraum auf. Der Druck in der Kabine ändert sich. Die Sensoren der Nord-Micro regeln den Abstrom der Luft gleichzeitig so, dass Passagiere und Flugzeug jederzeit sicher, komfortabel und effizient reisen.

Zufrieden setzt Liebig den Stift ab. Früher war er selbst Ingenieur, er hat mehr als sein halbes Leben bei Nord-Micro verbracht. Viele der 481 Mitarbeiter in Frankfurt hat die Firma selbst großgezogen und ausgebildet. Seit der Gründung 1964 durch den italienischen Flugzeugausrüster Microtecnica ist man in Bergen-Enkheim ansässig. Die Mitarbeiter fühlten sich, wie Liebig sagt, dem Standort verbunden.

Militärische Vergangenheit

Angefangen hatte Nord-Micro in den 60er Jahren als Reparaturwerkstatt für die Starfighter-Jets der Luftwaffe. Heute zeugt in den Räumen des Industrieunternehmens kaum noch etwas von dieser Vergangenheit. Das Unternehmen schäme sich nicht, für das Militär gearbeitet zu haben, sagt Geschäftsführer Liebig. Aber die Nord-Micro konzentriere sich schon lange auf andere Geschäftsfelder. Seit fast 30 Jahren arbeitet die Nord-Micro fast ausschließlich für die zivile Luftfahrt. Mit der Bundeswehr ist inzwischen auch der letzte große militärische Auftraggeber ausgeschieden. Für die Frankfurter läuft es dennoch so gut wie nie zuvor. 126 Arbeitsplätze sind in den vergangenen Jahren entstanden. 2016 hat das Unternehmen 169 Millionen Euro umgesetzt – mehr als doppelt so viel wie vor zehn Jahren.

Aber wie wurde das Unternehmen Weltmarktführer? In den 80er Jahren ging die Zeit der analogen Flug-Steuerungssysteme zu Ende. Digitale Anwendungen waren jetzt gefragt – eine der letzten großen Innovationen in der Branche. Die Nord-Micro war damals frischer Teil des US-Konzerns UTC Aerospace, zu dem sie noch heute gehört. Sie stieg in das digitale Geschäftsfeld ein und überflügelte schnell alle Mitbewerber. Der Airbus A 320 rollte schon 1988 mit der ersten digitalen Drucksystem-Steuerung überhaupt auf die Startbahn – made in Bergen-Enkheim.

Über die Jahre hat die Nord-Micro ihr Portfolio ausgebaut. So kommt es, dass im A380 knapp einhundert Komponenten-Teile aus Frankfurter Hause verbaut sind. Kabinen-Bedruckungssyteme bleiben aber das Kerngeschäft. Sie werden von dem Team in Frankfurt entwickelt, gebaut und gewartet. Ein Rund-um-Service für Fluglinien.

Gibt es ein Erfolgsgeheimnis? Geschäftsführer Liebig grübelt: Die Nord-Micro lebe davon, Produkt und Produktion immer weiter auszufeilen. „Wir bauen Geräte, wie sie andere Branchen schon lange nicht mehr bauen“, sagt Liebig. Während andere Unternehmen ihre Produkte auf Kurzlebigkeit bauen, um das neueste Modell verkaufen zu können, setzen wir auf die Langlebigkeit – und somit Kundenbindung.“

Für ihren Erfolg wurde die Nord-Micro nun ausgezeichnet. Beim Wettbewerb „Hessen-Champions 2017“ des Landes Hessen sicherte sich die Firma den ersten Rang in der Kategorie „Weltmarktführer“. Begründung der Jury: „Mit 80 Prozent Weltmarktanteil an Kabinendruck-Regelsystemen ist Nord-Micro ein echter Weltmarktführer aus Hessen. Und heute von einem Hidden-Champion zu einem Hessen-Champion geworden.“

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