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Finanzminister Schäfer in London: Darum ist Frankfurt der Brexit-Gewinner

Von Der hessische Finanzminister Schäfer ist überzeugt, dass Frankfurt einer der Brexit-Gewinner wird. Gespräche in Dublin und London haben ihn darin bestärkt.
Hessens Finanzminister Thomas Schäfer während seiner jüngsten Reise vor der Londoner Wertpapierbörse. Hessens Finanzminister Thomas Schäfer während seiner jüngsten Reise vor der Londoner Wertpapierbörse.
Frankfurt. 

Auf gepackten Koffern sitzen die Banker im Londoner Finanzdistrict zwar noch nicht. Doch die Institute, die nach dem Brexit-Votum der Briten nach Alternativen in Kontinentaleuropa Ausschau halten, gehen langsam in die heiße Phase über. So lässt sich die Erkenntnis von Hessens Finanzminister Thomas Schäfer nach seiner einwöchigen Reise mit einer 20-köpfigen Delegation von Landtagsabgeordneten des Haushaltsausschusses nach London und Dublin kurz zusammenfassen. „In den kommenden drei bis sechs Monaten werden die Verlagerungspläne beschlossen“, sagte er gestern in Frankfurt. „Derzeit wird mit Hochdruck an diesen Szenarien gearbeitet. In den Sommerferien wird es konkret.“

Doch es sei nicht davon auszugehen, dass sich die Banken wie Lemminge nur in eine Richtung bewegten. Dafür seien deren Interessen viel zu unterschiedlich. Der CDU-Politiker ist aber fest davon überzeugt, dass Frankfurt Zuzug erhalten wird. Die Schätzungen reichen bis zu 20 000 Neu-Banker in der Mainmetropole. Doch dieser Art von Kaffeesatzleserei verweigert sich der Minister. „Wir werden sehen, ob es sich um eine hohe vierstellige oder eine fünfstellige Zahl handelt“, blieb er vage.

Starke Konkurrenz

Fakt ist, dass die Finanzinstitute, die künftig innerhalb der Europäischen Union Bankgeschäfte betreiben wollen, eine Lizenz für diesen Wirtschaftsraum benötigen. Dazu ist es unabdingbar, auch einen Standort mit Entscheidungsbefugnis innerhalb der EU zu unterhalten. Hoffnung machen sich derzeit viele Städte in den 27 EU-Ländern. Doch ernsthafte Konkurrenten für Frankfurt dürften lediglich eine Handvoll sein: Paris, Madrid, Amsterdam, Dublin oder Mailand.

Anders als bei der Standortsuche vieler amerikanischer und asiatischer Kreditinstitute nach Ausweichquartieren auf EU-Territorium dürfte die Entscheidung über den künftigen Sitz der Europäischen Bankenaufsicht EBA wohl allein zwischen Frankfurt und Paris entschieden werden. Die Franzosen haben ihren Hut frühzeitig in den Ring geworfen. Doch die besseren Argumente habe eindeutig die Metropole im Rhein-Main-Gebiet, unterstrich Schäfer, der auch mit EBA-Präsident Enria ein Gespräch geführt hat. Schließlich sei dort die Europäische Zentralbank beheimatet, die die Aufsicht über die Institute in der Eurozone innehat.

Kuhhandel bei der EBA?

Die EBA mit ihren 180 Mitarbeitern müsse in spätestens zwei Jahren, wenn die Brexit-Verhandlungen abgeschlossen sind, der britischen Hauptstadt den Rücken gekehrt haben. Am Ende entscheidet der Europäische Rat. Und ein politische Kuhhandel, der selten die beste Lösung hervorbringt, ist in der Geschichte Europas nicht selten vorgekommen. Überraschungen sind nicht auszuschließen.

Auch mit seinen Standort-Qualitäten jenseits der EZB brauche sich Frankfurt gegenüber keinem Konkurrenten zu verstecken, sagt der hessische Finanzminister mit großem Selbstbewusstsein. Ein stabiler, verlässlicher Rechtsrahmen sei ein Wert, den Finanzinstitute besonders schätzten. Damit könne Deutschland punkten. Für Frankfurt spreche auch die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal – „ganz wichtig“.

Als zweischneidiges Schwert betrachten viele Menschen im Rhein-Main-Gebiet die Wohnungssituation. Der Zuzug in Frankfurt ist seit Jahren schon sehr stark. Die Nachfrage nach Wohnungen ist riesig. Folge: Die Preise für Neubauten sind explodiert. Viele fürchten eine nochmaligen Preisschub, sollten gut verdienende Banker als Nachfrager auf dem städtischen Immobilienmarkt auftreten. Das ist nicht von der Hand zu weisen.

Vorteil bei Immobilien

Im internationalen Vergleich seien die Frankfurter Miet- und Immobilienpreise aber eher ein Vorteil, glaubt Schäfer. Anderswo werde noch weitaus mehr für Wohnraum hingeblättert. Als Beispiel führt er die Docklands in Dublin an, wo der Quadratmeterpreis drei- bis viermal so hoch wie am Main sei.

Ein Thema gilt in der hessischen Politik derzeit als besonders heikel: eine Änderung des deutschen Arbeitsrechts. Im Gespräch ist nämlich, für hochbezahlte Banker mit über 500 000 Euro Jahreseinkommen den Kündigungsschutz außer Kraft zu setzen. Das ermöglicht deren Arbeitgebern auch kurzfristiges Feuern – was in dieser Gehaltsklasse international geübte Praxis ist. Doch dazu müsse das Arbeitsrecht, also ein Bundesgesetz geändert werden. „Das wird vor der Bundeswahl im September ganz sicher nicht mehr über die Bühne gehen können“, ist sich Schäfer sicher. Er hält diese Ausnahmeregelung grundsätzlich aber für zielführend.

20 Minuten in die City

Dass Frankfurt mit seiner zentralen Lage mitten in Europa und einem internationalen Flughafen, von dem in nur 20 Minuten Fahrzeit vom Bankenviertel und City zu erreichen sind, punkten könne, sei hinlänglich bekannt, so Schäfer. Insgesamt sieht der Minister große Chancen für Frankfurt, einer der Brexit-Gewinner zu werden.

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