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Interview mit Commerzbank-Bereichsvorstand Holtkemper: "Dem Sparer droht die Enteignung"

Die Commerzbank hat sich im Privatkundengeschäft ehrgeizige Wachstumsziele vorgenommen – und setzt dabei auch auf die vermögende Klientel. Welche besonderen Wünsche haben diese Kunden? Mit dem zuständigen Bereichsvorstand der zweitgrößten deutschen Bank, Gustav Holtkemper, sprach Wirtschaftsredakteur Thomas Baumgartner.
Gustav Holtkemper ist für vermögende Privatkunden zuständig. Foto: Alexandra Lechner Gustav Holtkemper ist für vermögende Privatkunden zuständig.

Droht den deutschen Sparern die Enteignung?

Klares Ja. Die Inflation geht wieder nach oben, Einlagen und Rentenpapiere geben nach wie vor keine Verzinsung her. Also droht dem normalen Sparer die schleichende Enteignung. Wer genug Geld hat, um seine Anlagen breit streuen zu können, ist weniger betroffen. Allerdings ist der Beratungsbedarf enorm gestiegen. Mehr Menschen müssen sich mit Aktien befassen, weil mit konservativen Anlagestrategien der Vermögenserhalt kaum noch möglich ist.

Kaufen denn wirklich mehr Menschen Aktien?

Ja, eindeutig. Kunden, die früher viel Geld gespart haben, investieren nun vermehrt in den Kapitalmarkt. Um Inflation, Steuern und Gebühren aufzufangen, brauchen Sie heute eine Rendite von 3,0 bis 3,5 Prozent – das können wir auch jedes Jahr erwirtschaften. Allerdings geht das nicht ohne Risikobereitschaft des Anlegers.

Und sollten Anleger trotz Dax auf Rekordstand jetzt noch einsteigen?

Generell sind die Renditen am Aktienmarkt überlegen. Aber natürlich haben die aktuell hohen Kursniveaus auch Gründe, die nichts mit der Konjunktur zu tun haben, sondern mit der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Wer schon länger investiert ist, sollte jetzt durchaus überlegen, ob er Kursgewinne absichern oder auch mitnehmen möchte. Die Entscheidung muss aber jeder Kunde selbst fällen. In der Vermögensverwaltung nutzen wir natürlich auch Absicherungs-Instrumente, schließen aber einen weiteren Kursanstieg nicht aus.

Der Ehrgeiz der Wealth-Management-Sparte zeigt sich an mehr Filialen.

Wir haben die Zahl der Standorte von einst 43 mehr als verdoppelt auf nun insgesamt 100. Neu sind beispielsweise Bad Soden, Darmstadt oder Neu-Isenburg. Das war ein Kraftakt, auch weil neue Mitarbeiter für den Bereich ausgebildet werden mussten, die wir intern geworben haben. Die Zahl unserer Berater stieg um 350 auf 1100. Aber das war gerechtfertigt, denn anhand der Zahlen zeigt sich: Das Geschäft entwickelt sich weiter. Nicht viele Segmente im Bankgeschäft entwickeln sich so dynamisch, aber im Wealth Management legt der Markt jedes Jahr um vier bis fünf Prozent zu. Unser Anspruch ist, stärker zu wachsen.

Woher kommen die neuen Kunden?

Von sämtlichen Wettbewerbern. Besonders viele natürlich von den Sparkassen und Volksbanken, aufgrund ihres Marktanteils. Und nur dort können wir das Wachstum, das wir brauchen, gewinnen – nicht allein bei kleinen Privatbankhäusern.

Wie sehen die Zahlen im einzelnen aus?

Wir haben im Vorjahr bundesweit netto 2200 neue Kunden im Wealth Management gewonnen, nun sind es 160 000. Davon kam jeder fünfte aus der Firmenkundenwelt zu uns. Das zeigt, wir spielen uns die Bälle zu. Daneben setzen wir bei der Neukundenansprache auf Empfehlungen und geeignete Veranstaltungen – möglichst solche, die man sich nicht kaufen kann, denn Geld haben unsere Kunden. Das verwaltete Kundenvermögen ist 2016 netto um 5,5 Prozent gewachsen. Mit 85,5 Milliarden Euro im Bestand sind wir nun ganz klar die Nummer zwei in Deutschland (die Red.: hinter der Deutschen Bank), mit deutlichem Abstand vor der Nummer drei. Früher lag die Grenze für das Wealth Management bei einer Million Euro Anlagevermögen; heute orientieren wir uns mehr am Beratungsbedarf. Besonders stark haben wir auch im Kreditgeschäft zugelegt, das in Zeiten niedriger Zinsen an Bedeutung gewonnen hat, weil viele Wohlhabende in Immobilien investieren.

Droht hier nicht eine Blase?

Ich glaube, man ist immer gut beraten, einen Teil des Vermögens in Immobilien anzulegen. So wie es auch Sinn macht, einen Teil in Dollar oder Gold zu streuen. Eine „Immobilienblase“ sehe ich derzeit nicht. Weder werden Käufe exzessiv über Kredit finanziert noch liegen die Bauinvestitionen über dem langjährigen Durchschnitt. Also sollten die Preise nicht drastisch fallen. Und das Haus oder die Wohnung, wo man lebt, sollte man möglichst als Eigentum besitzen – da helfen die niedrigen Zinsen eher.

In bestimmten Ballungsräumen warnt sogar die Bundesbank vor einer Überbewertung von Immobilien.

Es mag sein, dass in einzelnen Gegenden die Preise zehn bis 15 Prozent zu hoch sind, auch Frankfurt zählt mit Sicherheit dazu. Aber eine „Blase“ sieht anders aus. Und der Brexit könnte dafür sorgen, dass weitere Arbeitsplätze ins Rhein-Main-Gebiet verlagert werden. Das spricht nicht dafür, dass sich die Preise hier nach unten entwickeln.

Sie raten also nicht von Käufen in bestimmten Regionen ab?

So pauschal nicht. Sicherlich muss man an manchen Orten genauer hingucken. Aber nicht dort, wo die Preise hoch sind, sondern eher wo die demografische Entwicklung kritisch ist. Der Trend hält an, dass Menschen in die Großstädte streben.

Befeuert der Niedrigzins das Thema nachhaltige Anlagen?

Daran gibt es deutlich mehr Interesse als noch vor drei oder fünf Jahren. Allerdings versteht jeder Kunde unter „Nachhaltigkeit“ etwas anderes: Der eine möchte nicht in Rüstungsfirmen investieren, der andere will nachhaltig fünf Prozent Rendite im Jahr. Wir zeigen den Kunden die Optionen auf.

Nun legt die Commerzbank Teile der Mittelstandbank mit dem Privatkundengeschäft zusammen. Was ändert sich dadurch?

Wenn kleinere Unternehmer zu uns kommen, wird die Betreuung aus einer Hand einfacher. Wir machen Angebote wie Vermögensverwaltung, Risikoanalyse oder Erbfolgeplanung. Unternehmer berücksichtigen gedanklich immer sowohl den Bedarf in der Firma als auch ihre private Situation.

Nordrhein-Westfalen und reiche Kunden – wie passen ausgerechnet diese beiden Aufgaben zusammen?

Das passt sehr gut zusammen. Es gibt viele Vermögende in Düsseldorf, Köln, Essen oder auch in Ost-Westfalen. Industrielle haben dort große Konzerne aufgebaut, die Familien bleiben häufig in der Gegend – in der natürlich aber auch soziale Brennpunkte existieren.

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