Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 8°C

Wissenstransfer zwischen Jung und Alt: Dem demografischen Wandel auf der Spur

Wie gehen Unternehmen der chemischen Industrie mit dem Altern von Mitarbeitern um? Das zeigt eine Tagung der Initiative Gesundheitsindustrie Hessen. Neben Arbeitszeitmodellen ging es um den Wissenstransfer zwischen Alt und Jung im Betrieb.
Staatsminister Axel Wintermeyer Foto: Arne Dedert (dpa) Staatsminister Axel Wintermeyer
Wiesbaden. 

Tatjana Senin hat den Moment der Ablehnung gespürt, als sie als Nachfolgerin ihres erfahrenen Kollegen vorgestellt wurde. Doch der war nicht nur erfahren, sondern auch bemüht, seine junge Kollegin gut einzuarbeiten. „Er hat ein großes Netzwerk aufgebaut und darauf geachtet, dass ich in der Community akzeptiert werde“, erzählt Senin. Gelernt hat er das bei Lilly Deutschland. Dort achtet man darauf, dass ausscheidende Fach- und Führungskräfte all das Wissen weitergeben, das sie gesammelt haben. In einem Jahr soll Senin den Job dann alleine erledigen.

Wie Lilly Deutschland machen es viele Unternehmen. In sogenannten Tandem-Modellen finden junge und alte Mitarbeiter in Teams zusammen. Da geht es häufig nicht nur um das Teilen von Fachkenntnissen, sondern auch um Kontakte oder darum, wie man mit Aktionären umgeht. Andere Modelle, wie zum Beispiel beim Pharmaunternehmen Merck aus Darmstadt, betonen den Transfer von Wissen über Digitalisierung: Im „Reverse Mentoring“ coachen junge Mitarbeiter die Älteren.

Chancen für Wachstum

Wie bedeutend der demografische Wandel in den kommenden Jahren noch wird, betont Axel Wintermeyer, Chef der Hessischen Staatskanzlei, bei der Tagung „Arbeit am Übergang zur dritten Lebensphase“ der Initiative Gesundheitsindustrie. Die hat die Hessische Landesregierung mit Unternehmen der Gesundheitsindustrie, der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie Hessen-Thüringen und Vertretern aus Wissenschaft und Forschung 2013 gegründet. „2050 wird jeder Sechste älter als 80 sein“, warnte Wintermeyer. „Das Rentenalter der Babyboomer-Generation wird den Fachkräftemangel noch verschärfen.“ Aber: 42 Prozent der über 65-Jährigen engagieren sich laut Wintermeyer im bürgerschaftlichen Bereich. Hier gebe es Chancen für Wachstum der Gesundheitsindustrie.

Sparen auf Vorruhestand

Mit dem Wissenstransfer setzt sich auch der Pharmakonzern AbbVie auseinander: „Mit dem altersbedingten Ausscheiden von Führungskräften verlieren wir wertvolle Erfahrungswerte und fundiertes Wissen, das sich über die Jahre angesammelt hat“, beschreibt Apostolos Klisiaris-Welle von AbbVie Deutschland die Situation. „Gleichzeitig rücken demografiebedingt immer weniger junge Fachkräfte nach.“ Das Unternehmen antwortet mit zwei Konzepten. Einmal werden Mitarbeiter frühzeitig, das heißt zweieinhalb Jahre vor Rentenbeginn, für die Übergabe innerhalb der eigenen Abteilung geschult und auf den Ruhestand vorbereitet. In einem zweiten Konzept ist es das Ziel, Führungskräfte auch nach dem Ausscheiden als beratenden „Think Tank“ im Rahmen von Projekten oder als Mentor für jüngere Kollegen ans Unternehmen zu binden.

Auch kennt die chemisch-pharmazeutische Branche besondere Tarifregelungen zum Thema Demografie. Der sogenannte Demografie-Beitrag, den Arbeitgeber für jeden Tarifbeschäftigten zahlen, liegt derzeit bei rund 600 Euro im Jahr. Diesen Betrag können die Unternehmen auszahlen. Viele – darunter Fresenius, Abbott oder Merck – bieten ihren Beschäftigten aber auch die Möglichkeit, ihn auf einem Langzeitkonto anzusparen. Das Guthaben kann dann als freie Zeit für ein Sabbatical oder den Vorruhestand genommen werden. „Das stellt auch den Betrieb vor Herausforderungen, wenn so viel Freistellung angesammelt wurde, dass der Mitarbeiter schon fünf Jahre vor Rentenbeginn aus dem Unternehmen ausscheiden kann“, sagt Bernd Koch von Abbott.

Oder der Demografie-Beitrag fließt im Rahmen des Modells „reduzierte Vollzeit mit 80 Prozent Arbeitszeit“, kurz RV 80. Das Modell sieht vor, dass der Arbeitnehmer vor der Rente die Möglichkeit hat, nur noch vier Tage in der Woche zu arbeiten, dafür aber 100 Prozent seines Lohns weiter erhält. Das Unternehmen Engelhard Arzneimittel hat sich dem Modell schrittweise angenähert: Ab dem 57. Lebensjahr wird die Wochenarbeitszeit um zweieinhalb Stunden reduziert, „das hat einen positiven Einfluss auf die Gesundheitsquote. Als kleines Unternehmen mit 400 Mitarbeitern ist es unser Ziel, die Arbeitskraft bis zur Rente zu erhalten, wir brauchen die Mitarbeiter auch in der dritten Lebensphase“.

Zur Startseite Mehr aus Wirtschaft

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse