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Abwarten und Tee trinken: Der Brexit bereitet den meisten hessischen Unternehmen keine Angst

Von Für die hessische Wirtschaft ist Großbritannien ein wichtiger Handelspartner, der Brexit folglich ein Thema, das die Unternehmer beschäftigt. Bei einer Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Frankfurt zeigte sich, dass die hessischen Unternehmen Ruhe bewahren.
Am 29. März unterschrieb die britische Premierministerin Theresa May den Antrag auf Austritt aus der EU. Foto: Christopher Furlong (PA Wire) Am 29. März unterschrieb die britische Premierministerin Theresa May den Antrag auf Austritt aus der EU.
Frankfurt. 

Stephan Welp sieht dem Brexit gelassen entgegen. Er ist der geschäftsführende Gesellschafter von Microbox. Ein mittelständisches Unternehmen aus Bad Nauheim, das qualitativ hochwertige Scanner herstellt. Mit den Geräten können historische Bücher einer breiten Leserschaft in Lesesälen zugänglich gemacht werden. Ein Kunde des weltweit agierenden Unternehmens ist die British Library in London, die größte Bibliothek der Welt.

Mit einer Exportquote von 65 Prozent und Handelspartnern in USA, Türkei und Russland ist das Unternehmen „routiniert im Troubleshooting“, wie Welp am Mittwochabend bei der Informationsveranstaltung zum Thema Brexit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt deutlich machte. Die Geschäfte liefen gut, das werde auch nach dem Brexit der Fall sein, sagte er. Aber die Scanner könnten durch Zölle und die damit verbundenen Formalien für die Briten teurer werden. Eine Konkurrenz aus UK (United Kingdom) fürchtet er nicht.

Diese neutrale Einschätzung teilt der Geschäftsführer mit 62 Prozent aller vom Wirtschaftsministerium befragten hessischen Firmen. Bei denen, die bereits Geschäftsbeziehungen mit den Briten pflegen, sind es 50 Prozent. 39,9 Prozent schätzen die Auswirkungen eher negativ ein. Eindeutig negativ äußerten sich nur 5,7 Prozent. Abwarten ist die Devise. „Ich fliege momentan nur auf Sicht“, bestätigt der Microbox-Chef diesen Eindruck. Vieles könne man gerade einfach nicht vorhersehen.

Wichtiger Partner

Der drohende Brexit stellt die hiesigen Unternehmen vor eine Herausforderung. Für die hessische Wirtschaft zählt das Vereinigte Königreich zu den wichtigsten Handelspartnern. Das Handelsvolumen belief sich im Jahr 2015 auf insgesamt 7,8 Milliarden Euro. Damit ist Großbritannien der fünftwichtigste Außenhandelspartner für das Bundesland. Fahrzeuge und Fahrzeugteile im Wert von 1500 Millionen Euro wurden nach Großbritannien verkauft. Chemische und pharmazeutische Produkte brachten den hessischen Unternehmen 872 Millionen Euro ein.

Der Pharma-Riese Merck aus Darmstadt betrachtet deshalb die Entwicklungen „mit großer Aufmerksamkeit“, wie sich Frank Gotthard, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit äußert. Für den Konzern ist UK nicht nur ein Markt, sondern auch ein Produktionsstandort. Er fürchtet mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU Einreisebeschränkungen für Forscher, die zwischen den Standorten hin- und her reisen. Allein in Darmstadt arbeiten 70 Briten bei Merck. Die Themen Freizügigkeit und des Aufenthaltsrechts sind für das älteste pharmazeutisch-chemische Unternehmen der Welt drängende Fragen. „Ich glaube nicht, dass der Brexit für die Briten gut ausgeht“, so der PR-Chef abschließend.

Es herrscht Unsicherheit

Gerade die Unsicherheit und die vielen offenen Fragen, die der Brexit verursacht, ärgern Mathias Müller, Präsident der IHK Frankfurt. „Wirtschaft ist im hohen Maße Psychologie“, sagt er. Die abwartende Haltung, die viele Firmen nun gezwungenermaßen einnehmen müssten, führe zu eingefrorenen Investitionen und zu „Bremsspuren in den Bilanzen kleiner- und mittelständischer Unternehmen“. Und auch der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) betonte, dass er die Austritts-Entscheidung der Briten für eine kurzfristige Denkweise hält.

Es war also kein leichter Termin für Nick Leake an diesem Abend in Frankfurt. Der britische Diplomat musste die Austrittsentscheidung vor den hessischen Unternehmern verteidigt. „Seit der Gründung der Europäischen Union vor 25 Jahren sind wir immer als Problemkind der EU angesehen worden“, sagte Leake. Der Austritt sei da nur eine logische Konsequenz. Gleichwohl hofft er aber auf eine weiterhin „besondere und tiefe Partnerschaft“ zwischen Europa und Großbritannien, auch auf wirtschaftlicher Ebene. Die Aufgabe, die neuen Handelsbeziehungen zwischen Europa und dem Vereinigten Königreich neu zu gestalten, sieht auch er als eine Herausforderung für Europa. Das Gros der Anwesenden sah aber vor allem Großbritannien in der Bringschuld.

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