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Studie: Der Brexit trifft Hessen weniger als den Rest Deutschlands

Von Der Austritt Großbritanniens aus der EU wird die deutsche Wirtschaft nur wenig belasten. Hessen kommt noch glimpflicher davon, meint das Ifo-Institut.
Viele Autos der Opel-Schwestermarke Vauxhall sind in Wirklichkeit „Made in Hessen“ – daher trifft der Brexit die Rüsselsheimer hart. Foto: Ben Birchall (PA Wire) Viele Autos der Opel-Schwestermarke Vauxhall sind in Wirklichkeit „Made in Hessen“ – daher trifft der Brexit die Rüsselsheimer hart.
Frankfurt. 

Vom „Brexit-Schock“ war die Rede, die Kommentatoren überboten sich mit Horror-Szenarien, Lobbyisten hofften auf 10 000 neue Banker-Jobs für Frankfurt. Mittlerweile sind knapp zwei Jahre vergangen, seit die Briten für den Austritt aus der EU gestimmt haben – und hat einer nüchterneren Betrachtung Platz gemacht. Gestern legte das Münchner Ifo-Institut eine neue Studie zu den Brexit-Auswirkungen vor. Zentrales Ergebnis ist nach Aussage des renommierten Außenhandels-Ökonomen Gabriel Felbermayr: Die Folgen sind äußerst überschaubar, und in Hessen sind sie noch geringer als im Bundesdurchschnitt. Als Begründung nannte der Wirtschaftsforscher die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen, die flexibel auf Störungen reagieren. Und speziell in Hessen sind (Finanz-)Dienstleister stärker und die Industrie schwächer vertreten als deutschlandweit.

Zwei Szenarien

Wie der Brexit genau aussehen wird, ist bisher noch nicht klar. Die Münchner Forscher haben daher zwei Szenarien durchgerechnet, den „harten“ und den „weichen“ Brexit. Im Fall eines „harten“ Brexit, nach dem die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) gelten würden, schrumpft die Wirtschaftsleistung (BIP) in Hessen binnen eines Jahrzehnts um voraussichtlich 0,17 Prozent. Bundesweit fällt das Minus mit 0,23 Prozent des BIP höher aus. Denn in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet profitieren die Finanzdienstleister, deren BIP gegen den Negativ-Trend sogar um 0,22 Prozent zulegen soll. Banken, Versicherer und Unternehmensdienstleister steuern rund 15 Prozent zur hessischen Jahreswirtschaftsleistung von 300 Milliarden Euro bei, es könnten also 125 Millionen Euro hinzukommen. Auf der anderen Seite verlöre die wichtigere Industrie 0,71 Prozent, so dass Hessens Wirtschaft insgesamt eine halbe Milliarde Euro Wirtschaftsleistung einbüßen würde.

Besonders betroffen von neuen Zöllen oder Handelshemmnissen wären Automobil-, Chemie- und Pharmahersteller. Bei vielen Modellen der Opel-Schwestermarke Vauxhall sei „in Wirklichkeit Rüsselsheim drin“, sagte Mathias Müller, Präsident der IHK Frankfurt. Felbermayr: „Ich warne daher davor, im Interesse Frankfurts auf einen harten Brexit zu setzen. Für die gesamte Wirtschaft in Hessen bleibt ein weicher Brexit die vorteilhaftere Variante!“ Selbst wenn Banken Arbeitsplätze nach Frankfurt verlagern sollten, werde dies lange dauern, während die Job-Verluste in der Industrie höher ausfallen und schneller vonstatten gehen dürften. Ohnehin rechnet Felbermayr nur mit zusätzlichen Banker-Stellen „im einstelligen Tausender-Bereich“. Teilt man die geschätzten BIP-Auswirkungen fürs Rhein-Main-Gebiet durch die mittlere Produktivität eines Bankers, kommt man eher auf 1000 Arbeitsplätze. Banken brauchen für Angebote in der EU eine Tochtergesellschaft in einem Mitgliedsstaat. Bisher von London aus tätige Institute – meist amerikanische und japanische Häuser – haben zum Teil schon entschieden, ihr Geschäft in Frankfurt auszubauen.

Insgesamt stuft Felbermayr die Verluste durch den britischen EU-Austritt bundesweit als „nicht dramatisch“ ein – das Wachstum von möglicherweise 1,5 Prozent im Jahr fiele lediglich um 0,02 Prozentpunkte niedriger aus. Wichtiger für die Konjunktur seien die EZB-Geldpolitik, die Fiskalpolitik in Berlin, der Ölpreis oder die Wechselkurse. Zur Einordnung: Großbritannien verliert durch einen harten Brexit laut Ifo-Rechnung immerhin 1,73 Prozent des BIP.

Noch geringer fallen die Auswirkungen im Szenario „weicher“ Brexit aus, in dem sowohl Deutschland als auch das Rhein-Main-Gebiet/Hessen lediglich 0,1 Prozent einbüßen; einen statistisch relevanten Unterschied konnte das Ifo nicht ermitteln. „Die britische Finanzbranche bliebe im Rennen, die Vorteile für Frankfurt verschwinden“, nennt der Ifo-Forscher als Hauptgrund. Allerdings verliert das Vereinigte Königreich immer noch 0,57 Prozent seines BIP. Felbermayr warnte vor Standort-Politik als Reaktion auf den Brexit: „Ein teurer und potenziell destabilisierender Wettbewerb um Unternehmen über Besteuerung oder Regulierung wäre schlecht.“

Viertgrößter Exportmarkt

Zwar sinkt die Bedeutung des Vereinigten Königreichs als Außenhandelspartner Hessens seit Jahren, doch noch sind die beiden Volkswirtschaften eng verflochten. Die hessischen Exporte nach Großbritannien beliefen sich im Vorjahr auf 4,1 Milliarden Euro. Das waren 6,5 Prozent aller Ausfuhren, obwohl sie seit 2015 um ein Zehntel eingebrochen sind. Die Briten waren damit viertwichtigster hessischer Exportmarkt. Bei den Importen des Bundeslandes liegt Großbritannien mit 3,9 Prozent auf Rang zehn. Die hessischen Direktinvestitionen summieren sich dort auf knapp 21 Milliarden Euro, hessische Firmen beschäftigen im Vereinigten Königreich 39 000 Mitarbeiter. Umgekehrt arbeiten 60 000 Beschäftigte für britische Firmen in Hessen. In der aktuellen IHK-Umfrage beurteilen die Unternehmen die derzeitige Geschäftslage mit Großbritannien als noch einigermaßen zufriedenstellend, bei den weiteren Aussichten sind jedoch die Pessimisten in der Mehrheit. Allerdings beantworten neun von zehn Firmen die Frage nach möglichen Standortverlagerungen mit Nein. Müller begründete das mit den hohen Investitionen, die in bestehende Fabriken geflossen sind. Der IHK-Präsident fordert, die Politik müsse die Zeit bis Ende 2020 nutzen, um ein umfassendes Freihandelsabkommen mit den Briten zu verabreden.

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