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Wettbewerb: Der Kampf ums preisgebundene Buch

Von Bits & Bytes statt Bücher; immer mehr Serien-Junkies statt Leseratten. Die Digitalisierung der Medienwelt macht auch dem Buchhandel schwer zu schaffen: 6,4 Millionen Käufer – 18 Prozent der Kunden – hat die deutsche Buchbranche seit 2013 verloren. Und jetzt will die Monopolkommission bei den Buchpreisen auch noch die Kräfte des freien Wettbewerbs loslassen.
Im vergangenen Jahr ist der Umsatz im Buchhandel um 1,6 Prozent auf 9,1 Milliarden Euro gesunken. Foto: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild) Im vergangenen Jahr ist der Umsatz im Buchhandel um 1,6 Prozent auf 9,1 Milliarden Euro gesunken.

Achim Wambach hat es kommen sehen: „Nun dürfte auch die Buchpreisbindung nicht mehr ohne weiteres zu halten sein“, hatte der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Oktober 2016 vorausgesagt – damals entschied der Europäische Gerichtshof (EuGH), dass ausländische Versandapotheken auch hierzulande verschreibungspflichtige Medikamente mit Rabatten anbieten dürfen. Nun tobt seit einer Woche tatsächlich ein Kampf um die seit 130 Jahren geltende Buchpreisbindung. Und die wird besonders von ihren Verteidigern mit solch harten Bandagen geführt, als drohe das Ende des Abendlandes.

Die Anti-Regulierungskeule

Hellseherischer Fähigkeiten bedurfte es allerdings nicht, damit Wambach recht behält. Denn als Vorsitzender der Monopolkommission ist er es, der die Anti-Regulierungskeule schwingt. Sein Ziel: die Abschaffung der Preisbindung. Eine entsprechende Empfehlung hat das fünfköpfige Beratergremium der Bundesregierung Ende Mai formuliert – auf Basis eines 90-seitigen Sondergutachtens, dass dieses Gremium aus eigenem Antrieb erstellt hat. Dessen Fazit: „Die Buchpreisbindung stellt einen schwerwiegenden Markteingriff dar, dem mit dem Kulturgut Buch ein nicht klar definiertes kulturelles Schutzziel gegenübersteht und dessen Auswirkungen ambivalent bzw. unklar sind.“ Dass es sich beim „Schutz des Kulturguts Buch um ein legitimes Ziel handelt, bedeutet nicht, dass dasselbe für den Schutz von Verlagen und Buchhandlungen gilt“, so die Autoren – vier Ökonomen und ein Jurist. Soll heißen: Die Preisbindung ist eine Mogelpackung, mit der wirtschaftliche Interessen hinter einem kulturpolitischen Anliegen versteckt werden.

Deshalb empfehlen die Berater der Regierung, sich mit dem Thema zu befassen, bevor sich der EuGH der Sache annimmt und es zum juristischen Showdown kommt – wie vor zwei Jahren bei der Arzneimittel-Preisbindung, deren Sinn die hiesige Apotheker-Lobby nicht nachweisen konnte.

Gegen diesen Angriff auf die Buchpreisbindung laufen die Buchhändler Sturm. Die Monopolkommission habe sich bei ihrem Gutachten auf alte Daten aus dem Jahr 2000 gestützt, beklagte gestern Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in Frankfurt. „Ich halte es für äußerst fragwürdig, aufgrund schlampiger Analysen ein Kulturgut in Gefahr zu bringen, dass einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leistet.“ Die Preisbindung garantiere die Vielfalt und Qualität, für die der deutsche Buchmarkt weltweit Vorbild sei. Sie schaffe die Voraussetzungen dafür, dass die Bundesbürger „über ein filigranes Buchhandelsnetz breiten Zugang zu Büchern erhalten“, argumentierte Skipis im Frankfurter „Haus des Buches“. Dass dieses Argument mit Blick auf den Online-Handel mit seiner kurzen Lieferzeit und seinem riesigen Sortiment antiquiert erscheint, ficht den Hauptgeschäftsführer nicht an.

Stattdessen betonte der Börsenverein, es sei mitnichten so, dass nach der Abschaffung der Buchpreisbindung die Preise insgesamt sinken würden. Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Vereins und Geschäftsführer der Buchhandelskette Osiander, verwies gestern auf Großbritannien, wo die Preisbindung in den 90er Jahren abgeschafft wurde: „Billiger geworden sind dort nur die großen Bestseller, die vor allem in Supermärkten gekauft werden“, so Riethmüller. „Um mitzuhalten, bieten auch die Buchhändler diese Bestseller mit Rabatten an – im Gegenzug sind deshalb aber die Preise der vielen Bücher gestiegen, die nur eine kleine Anzahl von Käufern finden.“ Die Folge sei, dass die Vielfalt im britischen Buchmarkt viel kleiner geworden sei – wie auch die Zahl der Buchhandlungen: Gerade mal 868 seien es noch. Letztlich überlebe, so das Unisono der Branche, nur das, was hohe Verkaufszahlen garantiere, so dass die Bürger keine ausreichende geistige Nahrung mehr erhielten.

Aussagen, die Gegner der Buchpreisbindung aber folgendermaßen interpretieren: Die Verlage verkaufen – gemessen an der Nachfrage – qualitativ minderwertige Bestseller zu teuer, um mit dem Überschuss kulturell hochstehende Nischenprodukte leichter an die Leser zu bringen. In 18 von 32 Ländern Europas gebe es keine Buchpreisbindung, so die Kritiker. Und es ließen sich keine Indizien dafür finden, dass die Bürger dieser Länder weniger gebildet wären. Dabei verweisen sie besonders auf die Schweiz, wo die Preisbindung 2007 abgeschafft wurde und wo sich 2012 in einer Volksabstimmung 56 Prozent der Bürger gegen deren Wiedereinführung aussprachen.

Gegengutachten

Im Kampf um das preisgebundene Buch steht also Aussage gegen Aussage. Und wenn auch nach Ansicht Skipis’ die Politik mehrheitlich hinter der Branche steht, verwundert es nicht, dass der Börsenverein den Angriff auf die Preisbindung sehr ernst nimmt und es nicht beim kulturellen Katzenjammer belässt. Denn in ihrem Arzneimittel-Urteil kreideten die EuGH-Richter der hiesigen Apotheken-Lobby an, dass die positiven Preisbindungseffekte nur behauptet, aber nicht nachgewiesen seien. Also hat der Börsenverein nun seinerseits zwei Gutachten in Auftrag gegeben, die den gesellschaftlichen Nutzen der Buchpreisbindung belegen sollen. Bis zu 300 000 Euro lässt sich der Verband die Argumentationshilfen kosten, die der Volkswirtschaftsprofessor Georg Götz von der Uni Gießen und der Kartellrechtler Andreas Fuchs von der Uni Osnabrück liefern sollen – viel Geld für den unter hohen Spardruck stehenden Börsenverein.

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