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Lufthansa: Der Kranich erlebt sein blaues Wunder

Von Europas größte Fluggesellschaft verpasst sich ein neues Design – und verabschiedet sich dabei von ihrem berühmten „Spiegelei“ auf dem Leitwerk.
Neues Kranich-Logo der Lufthansa. Foto: Axel Heimken Foto: dpa Neues Kranich-Logo der Lufthansa. Foto: Axel Heimken
Frankfurt. 

Erwarten Sie, in einem Fünf-Sterne-Restaurant ein Spiegelei vorgesetzt zu bekommen? Eben. Das wird sich auch Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr gedacht haben. Drei Jahre lang ließ er vor allem in der First- und Businessclass der Lufthansa-Maschinen Komfort, Sicherheit und Service verbessern, damit sein langgehegter Wunsch endlich in Erfüllung gehen kann: für die Fluggesellschaft mit dem Kranich den fünften Stern zu ergattern – als erste europäische Fluggesellschaft. Im vergangenen Dezember ist sein Traum in Erfüllung gegangen, hat die Londoner Beratungsgesellschaft Skytrax der Lufthansa den Status einer „Fünf-Sterne-Airline“ verliehen.

Nach welcher Methodik die Briten – die für die Nutzung ihres Sternen-Systems Geld kassieren – arbeiten, verraten sie nicht. Und eine allgemein anerkannte, seriöse und mit Autorität ausgestattete Instanz zur Bewertung von Fluggesellschaften gibt es nicht. Aber ob der fünfte Stern nun völlig aus der Luft gegriffen ist oder nicht, kann Spohr letztlich egal sein: Dank dieses branchenweit anerkannten und von der Lufthansa groß beworbenen Ritterschlags kann er von den gut betuchten Kunden nun höhere Ticketpreise verlangen.

Eine Ära geht zu Ende: Seit 1967 fliegt  der blaue Kranich in der gelben Kreisfläche, dem „Spiegelei“. Bild-Zoom Foto: Boris Roessler (dpa)
Eine Ära geht zu Ende: Seit 1967 fliegt der blaue Kranich in der gelben Kreisfläche, dem „Spiegelei“.

Und zu solch einer Premium-Airline passt ein Spiegelei nach Ansicht der Lufthansa-Führung nun mal nicht. Auch nicht am Heck der Flieger. Selbst wenn das „Spiegelei“ – wie die Lufthanseaten die gelbe Kreisfläche auf dem Leitwerk nennen – da schon seit 51 Jahren prangt. 1967 schuf Otl Aicher von der Ulmer Hochschule für Gestaltung das Erscheinungsbild des blauen Kranichs auf gelbem Grund am blauen Leitwerk, das längst zu einer Designer-Ikone geworden ist.

Diese Ära geht nun zu Ende: Dem Kranich, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, geht es zwar nicht an den Kragen. Aber das Umfeld des Wappentiers verändert sich: Das Heck gibt’s künftig nur noch in weiß und blau – wie den Himmel. „Lufthansa hat sich verändert, ist moderner und erfolgreicher denn je. Das soll nun durch ein neues Design äußerlich sichtbar werden“, erklärt Spohr. Das neue edle Blau bringe „das Premium-Verständnis der Lufthansa perfekt zum Ausdruck“.

Kunden kriegen den Blues

Das sehen viele Kunden allerdings ganz anders: Beim Anblick des neuen Logos kriegen sie den Blues: „Es gibt doch für eine Marke nichts Stärkeres als eine Farbe, die jedermann mit ihr verbindet. Bei der Deutschen Telekom ist das Magenta, bei der Lufthansa eben Gelb. Zeigen Sie irgendjemandem das Lufthansa-Gelb, selbst ohne Kranich und Schrift, und er wird Ihnen sagen: Das ist die Lufthansa. Wer ohne Not auf einen so hohen Wert in der Wiedererkennung verzichtet, versteht von Marketing offenbar sehr wenig“, schreibt beispielsweise Sven Schöniger bei Facebook. Tom Recht postet dort: „Ich hätte zu einem Design geraten, dass nicht schon seit Jahrzehnten von Qantas und FedEx benutzt wird – und seit einigen Monaten auch durch die neue Air-France-Billigtochter Joon.“ Mike Nowak resümiert bei Facebook: „Liebe Lufthansa, egal in welchem Forum ich lese, komme ich zu dem Schluss das ca. 95 Prozent der Leser und Betrachter euer überarbeitetes Design für extrem misslungen halten. Was es ehrlich gesagt auch ist.“ Und Tobias van Schneider hat enttäuscht getwittert: „Eine meiner allerliebsten Marken verabschiedet sich von ihrem einzigartigen und stärksten visuellen Vermögenswert.“ (Anmerkung der Redaktion: übersetzt aus dem Englischen).

Beschäftigte enttäuscht

Auch ein Teil der Beschäftigten zeigt sich alles andere als glücklich darüber, dass das Management ihre „Herzensfarbe“ Gelb vom Heck verbannt hat. „Das bisherige gelb-blaue Kranich-Logo war unverwechselbar und stand für eine Qualitätsmarke wie Nivea oder Tempo“, meint Susan Behnke, seit 23 Jahren Flugbegleiterin bei der Lufthansa. „Außerdem konnte man einen LH-Jet vom Boden aus sehr gut erkennen. Dieses Erkennungsmerkmal geht mit dem neuen blau-weißen Logo verloren, denn es ist viel beliebiger.“

Experten zweifeln

Dass Kunden und Beschäftigte nicht von einer unerklärlichen „Gelbsucht“ befallen sind, wird durch die Zweifel des Markt-Psychologen Gert Gutjahr bestätigt: Für ihn macht die Maßnahme der größten europäischen Fluglinie keinen Sinn – denn das bisherige Erscheinungsbild sei bereits perfekt gewesen. Der wissenschaftliche Leiter des Instituts für Marktpsychologie in Mannheim hält die Idee sogar für riskant: „Vertrauen ist bei Flugzeugen für viele Menschen ein ganz entscheidender Faktor.“ Vertrauenserweckend sei aber in erster Linie das, was lange bekannt ist. Lufthansa riskiere nun ihr gutes Image, so Gutjahr. Auch Klaus-Dieter Koch, Marken-Experte und Gründer der Management-Beratung Brandtrust äußert sich kritisch. „Blau gilt zwar als elegante Farbe, „und es ist momentan in Mode, eher mit großen Flächen zu arbeiten als mit vielen verschiedenen Farben. Aber abgrenzen könne man sich durch Blau kaum, sei sie doch noch vor Rot die beliebteste Marken-Farbe der Welt. Und der hannoversche Kommunikationsdesigner Achim Schaffrinna. bemängelt: „Mit dem Gelb opfert die Lufthansa nicht nur eine Farbe, die für Wärme und Herzlichkeit steht, sondern auch ein identitätsstiftendes Merkmal.“

Das alles ficht die Lufthansa-Führung naturgemäß nicht an. Bis Ende des Jahres sollen bereits 40 Jets entsprechend umlackiert sein. Bis alle Lufthansa-Maschinen sich im neuen Outfit präsentieren, werden laut Spohr allerdings noch bis zu sieben Jahre vergehen – „weil wir die Flugzeuge in den Zyklen lackieren, in denen sie ohnehin zum Check gemusst hätten“, so der Vorstandschef. „Der Designwechsel wird nicht mit der finanziellen Brechstange durchgeführt.“ Und Gebrauchsgegenstände wie Briefpapier würden verbraucht und dann im neuen Design nachbestellt.

Wie viele Millionen Euro sich der Konzern den neuen Marken-Auftritt kosten lassen will, verrät Spohr nicht. Lufthansa-Kunde Thomas Schmid meint aber: „Mit dem Geld, welches die Airline in die „Ummalerei“ steckt, könnte man vielen Kunden bei Ihren Regressansprüchen entgegenkommen.“

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