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Der Kranich soll noch mehr abspecken

Von Eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer. Jetzt müssen die Lufthansa-Mitarbeiter erfahren, dass ein guter Sommer noch lange kein Grund zur Hoffnung ist – jedenfalls nicht beim gelben Kranich. Ihr Konzernvorstand verstärkt den Druck auf die Kostenbremse. Von Panagiotis Koutoumanos
Beobachtet von seinem Kommunikationschef Klaus Walther (rechts), redet sich der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Christoph Franz geradezu in Rage. Beobachtet von seinem Kommunikationschef Klaus Walther (rechts), redet sich der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Christoph Franz geradezu in Rage.
Frankfurt. 

Die Quartalszahlen, die die Lufthansa gestern vorlegte, können sich durchaus sehen lassen: Von Juli bis September steigerte Europas größte Fluggesellschaft den Umsatz um 6,2 Prozent auf 8,312 Milliarden Euro. Trotz der Streiks der Flugbegleiter und der weiter gestiegenen Kerosinpreise kletterte das operative Ergebnis im Vorjahresvergleich ebenfalls um 6,2 Prozent auf 648 Millionen Euro. Ein überraschender Anstieg, der vor allem auf die insgesamt verbesserte Wirtschaftlichkeit im Passagiergeschäft zurückzuführen ist, das aus der Lufthansa Passage, der Swiss und der Austrian Airlines besteht. Der Nettogewinn machte sogar einen Sprung von 494 auf 642 Millionen Euro – ein sattes Plus von 30 Prozent. Und weil die Zahlen alle höher ausfielen als von den Finanzmärkten erwartet, griffen die Anleger gestern auch beherzt zu: Die Aktie legte in der Spitze um mehr als sieben Prozent auf 11,855 Euro zu und war damit klarer Tagessieger im Dax.

Gleichwohl war dem langfristig denkenden Konzernvorstand der Lufthansa gestern nicht zum Jubeln zumute. Für den Vorstandschef Christoph Franz und seine neue Finanzchefin Simone Menne ist das dritte Quartal nur ein Ausreißer nach oben gewesen, wie beide klarstellten. Besonders besorgniserregend ist für den Vorstand die Situation in der Lufthansa Passage – dem Kerngeschäft im Konzern. Die Gewinnschwelle in der Passage sei noch nie so spät erreicht worden wie in diesem Jahr, hieß es. Und der Anteil der zahlungskräftigen First- und Businessclass-Passagiere sei im dritten Quartal auf knapp 50 Prozent zurückgegangen. In den gesamten neun Monaten halbierte sich das operative Ergebnis der Lufthansa Passage auf mickrige 64 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr rechnet der Konzernvorstand nun sogar mit einem Verlust in dieser Sparte. Auch die Lufthansa Cargo erlitt von Januar bis September einen Ergebniseinbruch von 61,8 Prozent auf 66 Millionen Euro.

Dass der operative Konzerngewinn nach neun Monaten mit 628 Millionen Euro nur um 13,3 Prozent unter dem Vorjahreswert lag, ist vor allem den Ergebnisverbesserungen bei den Service-Töchtern zu verdanken. Insgesamt verschlechterte sich die vergleichbare operative Marge auf 3,1 Prozent – "das ist noch weit entfernt von unserem Ziel einer gesunden Marge", wie Menne anmerkte. Franz hatte unlängst 8,0 Prozent als Zielmarke ausgegeben. Die hat aber nur die Techniksparte erreicht. Die Lufthansa Passage kam gerade mal auf 0,8 Prozent. "Dieses Ergebnisniveau werden wir nicht als dauerhaften Zustand dulden", warnte Menne. Der Nettogewinn stieg in den ersten neun Monaten zwar deutlich um 64,4 Prozent auf 474 Millionen Euro. Aber das ist nur dem Verkauf des Verlustbringers British Midland geschuldet.

Für die nahe Zukunft sehen Franz und Menne nach eigener Darstellung keinen Lichtblick im Fluggeschäft. "Wir rechnen nicht damit, dass die Treibstoffpreise kurzfristig zurückgehen werden", sagte Menne, "und für die kommenden Wintermonate müssen wir von einer Abschwächung der Buchungen im Passagiergeschäft ausgehen." Deshalb habe die Lufthansa ihren Winterflugplan weiter eingestampft – der falle nach den derzeitigen Planungen nun drei Prozent kleiner aus als im Vorjahr – und könne weiter schrumpfen. Im Gesamtjahr 2012 wird das Flugangebot in der Passage damit insgesamt nur um 0,5 Prozent wachsen. Ursprünglich sollte es um zwölf Prozent ausgeweitet werden.

Im Frachtgeschäft hat das Management ähnliche Einschnitte vorgenommen. Während zu Jahresbeginn noch ein deutlicher Kapazitätsausbau avisiert worden war, schrumpft das Angebot der Lufthansa Cargo im Vergleich zum Vorjahr um 7,5 Prozent. Mit einer Erholung der Nachfrage im Frachtgeschäft rechnet die Lufthansa-Spitze "nicht vor Mitte 2013".

Weitere 1250 überflüssig

Die Folgen führte Franz gestern deutlich vor Augen: "Wir werden bis Jahresende 34 Flugzeuge weniger einsetzen als geplant. Das heißt auch: etwa 2000 Flugbegleiter und rund 500 Piloten weniger als geplant." Da der Konzern entgegen ursprünglicher Planungen rund die Hälfte davon gar nicht erst eingestellt habe, hieße das, dass nun in der Kabine und im Cockpit 1250 Mitarbeiter überflüssig seien. Für diese müsse man mit den Gewerkschaften nach Lösungen suchen. "Wir haben strukturell zu viele Mitarbeiter an Bord", betonte Franz. Folgerichtig wird die Lufthansa-Flugschule in Bremen im kommenden Jahr keine neuen Schüler aufnehmen, wie Menne ergänzte. Die Lufthansa habe aktuell auch keine Absolventen der Schule übernommen und weniger Flugbegleiter ausgebildet. Menne: "Wir stellen uns nachhaltig auf nicht wachsende Kapazitäten ein."

Neben den 1250 Beschäftigten an Bord der Lufthansa-Maschinen sucht der Konzern im Rahmen seines Sparprogramms "Core" bereits seit längerem Lösungen für Tausende von Mitarbeitern in der Verwaltung. Da will das Management bis Ende 2014 von weltweit 16 800 Stellen 3500 streichen – 2500 sollen allein in Deutschland wegfallen, wo 11 500 Menschen in der Administration beschäftigt sind.

Eine Ergebnisverbesserung von 1,5 Milliarden Euro soll Score bis Ende 2014 bringen – den Großteil davon über Kostensenkungen. Diese Senkungen müssen schon angesichts der rasant gestiegenen Treibstoffpreise nun noch größer ausfallen als ursprünglich geplant, wie Franz gestern ausführte. "Wir haben ein Programm aufgelegt, das sich im richtigen Leben entwickelt", erklärte der Vorstandschef. So werde der Konzern in diesem Jahr zwar deutlich mehr einsparen als die avisierten 280 Millionen Euro. Eine Ergebnisverbesserung werde man trotzdem nicht erreichen.

Die Restrukturierungskosten im Rahmen des Score-Programms bezifferte Menne für dieses Jahr mit rund 100 Millionen Euro. Diese seien in der Ergebnis-Prognose für 2012 nicht enthalten. Demnach erwartet der Vorstand für 2012 bei einem Umsatzwachstum weiterhin ein operatives Ergebnis "im mittleren dreistelligen Millionenbereich". Für den Nettogewinn wollte Menne auch gestern keine Prognose wagen. Entsprechend blieb auch offen, ob die Lufthansa ihren Anlegern für das laufende Geschäftsjahr eine Dividende zahlen will. 2011 war das operative Ergebnis auf 820 Millionen Euro gesunken, das Nettoergebnis mit minus 12,0 Millionen Euro in die Verlustzone gerutscht.

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