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Automatisiertes Fahren: Der Mensch wacht, der Wagen macht

Von Das Wettrennen der Roboter-Autos ist in vollem Gange – zumindest in den Entwicklungsabteilungen der Hersteller. Einen Etappensieg scheint nun Audi mit seiner neuen Luxuslimousine A 8 errungen zu haben. Aber das Konzept, auf das die Ingolstädter dabei setzen, stößt auch auf Kritik – denn es sieht immer noch den Menschen am Steuer vor.
Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner traut sich: Während der Audi A8 über das „digitale Testfeld Autobahn“ fährt – ein Abschnitt der A9, der mit Radar-Sensorik und Landmarkierungsschildern ausgerüstet ist –, unterhält sie sich ungezwungen mit den Insassen auf der Rücksitzbank. Foto: (AUDI AG) Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner traut sich: Während der Audi A8 über das „digitale Testfeld Autobahn“ fährt – ein Abschnitt der A9, der mit Radar-Sensorik und Landmarkierungsschildern ausgerüstet ist –, unterhält sie sich ungezwungen mit den Insassen auf der Rücksitzbank.
Frankfurt. 

Stellen Sie sich vor: Ihr Wagen steuert Sie selbstständig durch den dichten Verkehr auf der Autobahn, während Sie selbst ein Buch lesen. Plötzlich schrillt ein Alarmsignal, das Ihnen bedeutet: Sie müssen die Kontrolle über das Fahrzeug übernehmen. Sie schauen hoch, lassen das Buch fallen und greifen zum Lenkrad. Aber können Sie schnell genug reagieren?

Die Frage, wie sich in gefährlichen Situationen die Fahrzeug-Übergabe vom Computer auf den Menschen bewerkstelligen lässt, quält die Entwickler autonomer Autos seit Jahren. Nicht nur die innovationsgetriebenen Heißsporne der kalifornischen Firma Tesla – auch die vielen Automobil-Hersteller, die hierzulande an dieser Mobilität von morgen arbeiten. Denn die Vision vom autonomen Fahren ist verbunden mit der „Vision Zero“. Heißt: Die neue Technologie soll die Zahl der Verletzten und Verkehrstoten langfristig auf null herunterfahren.

2018 beginnt Realitätstest

Bald kann diese Technologie in der Realität getestet werden: Mitte vergangenen Monats hat Audi sein neues Flaggschiff präsentiert – vollgestopft mit der neuesten Technologie in punkto autonomes Fahren. Die Luxuslimousine A 8, die im Spätherbst auf den Markt kommen soll, darf laut Bundesgesetz ab 2018 auf Deutschlands Straßen zeigen, was sie alles drauf hat: Sie kann auf Knopfdruck einparken, und der Staupilot managt Anfahren, Beschleunigen, Lenken und Bremsen. So kann der Fahrer des A8 auf der Autobahn bis 60 km/h die Hände vom Lenkrad nehmen. Und dabei muss der Fahrer das Auto nun nicht mehr permanent überwachen, sondern „nur“ noch in der Lage sein, wieder das Steuer zu übernehmen, wenn das System ihn dazu auffordert. Damit ist dieser Wagen das erste Serienauto, das autonomes Fahren nach Level 3 beherrscht. „Das wird unsere Mobilität komplett verändern“, versichert Vorstandschef Rupert Stadler. Das Fahrzeug mache seinen Passagieren „mit Hilfe künstlicher Intelligenz das Leben leichter und die Fahrt sicherer“, sagt er.

Stimmt das wirklich? Das Audi-Konzept steht zwar im Einklang mit dem von Bundestag und Bundesrat im Frühjahr verabschiedeten Straßenverkehrsgesetz für automatisiertes Fahren, das 2018 in Kraft tritt. Demnach muss der Fahrer „so wahrnehmungsbereit sein, dass er die Steuerung wieder übernehmen kann, wenn er vom System dazu aufgefordert wird“. Der Fahrer wird also nicht während der gesamten Fahrt durch den Computer ersetzt – das wäre erst beim autonomen Fahren der Fall, bei dem alle Insassen nur noch Passagiere sind.

Kritik der Wissenschaft

Aber genau dies stößt bei Wissenschaftlern auf Kritik. „Wir forschen seit 25 Jahren auf diesem Gebiet“, sagt Professor Neville Stanton von der Universität Southhampton in Südengland. „Und nach unseren Studien benötigt ein Fahrer bis zu 30 Sekunden, um die volle Kontrolle über sein Fahrzeug zu erlangen, wenn er zuvor auch nur zehn Minuten lang auf eine andere Tätigkeit fokussiert gewesen ist – zum Beispiel ein Buch gelesen oder ferngesehen hat.“ Zu ähnlichen Erkenntnissen sind schwedische Wissenschaftler und eine Studie der Unfallforschung gekommen: Im Schnitt dauerte es 15 Sekunden, bis ihre Probanden die aktuelle Verkehrssituation realisierten – fünf Sekunden mehr als beim konventionellen Fahren. „Wenn Sie Pilot eines Flugzeuges sind und vom Autopiloten die Kontrolle übernehmen, dauert es relativ lange, bis die Maschine vielleicht ins Meer stürzt. Aber ein Autofahrer hat zumeist nur wenige Sekunden, um angemessen zu reagieren“, gibt Stanton zu bedenken.

Diese Kritik will Audi nicht gelten lassen: „Der Computer bleibt nur aktiv, solange die Sensoren des Fahrzeugs die Spur-Markierungen auf der Fahrbahn und die Leitplanken erkennen“, sagt ein Unternehmenssprecher. „Nach unseren Erkenntnissen ist das für eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h völlig ausreichend.“

Auch BMW plant zunächst mit Fahrer. Die Münchner haben sich den Chiphersteller Intel und den israelischen Kamera-Spezialisten Mobileye als Partner ausgesucht, um bis 2021 ein entsprechendes Auto auf den Markt zu bringen. „Der BMW I-Next wird ein großer Schritt zum vollautonomen Fahren im Level 5 sein“, sagt Vorstandschef Chef Harald Krüger. „Gerade arbeiten wir daran, die Technik für die Level 3 und 4 zu beherrschen, in denen das Auto zwar schon selbstständig fährt, der Mensch aber als Backup an Bord aufmerksam bleibt.“ Völlig überflüssig wird der Fahrer erst ab Level 5.

Andere fahren durch

Doch viele andere Autobauer teilen die Bedenken der Wissenschaft: „Level 3 lassen wir auf dem Weg zum autonomen Fahren aus, weil wir dieses Konzept als potenziell gefährlich erachten“, sagt Jan Ivarsson, Chef der Abteilung Assistenz-Systeme bei Volvo. „Wenn der Fahrer letztlich verantwortlich für das Fahrzeug sein soll, muss der Fahrer auch in die Lage versetzt werden, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Und das sehen wir nicht gewährleistet.“

Die Verantwortlichen bei Ford sehen das genauso. Die US-Amerikaner arbeiten an einem gänzlich autonom fahrenden Fahrzeug, dass auch schon 2021 auf den Markt kommen soll und dann gar kein Lenkrad mehr besitzen wird. Auch Jaguar Land Rover und Google-Schwester Waymo planen inzwischen ohne Menschen am Steuer.

Lizenz zum Fahren

Der Opel-Fachmann für elektrische Systeme, Burkhard Milke, glaubt sogar: „Irgendwann wird es unverantwortlich sein, selbst zu fahren.“ Nicht zuletzt, weil die Ausfallwahrscheinlichkeit der Systeme in etwa so gering sei wie die Chance, vom Blitz getroffen zu werden. Rational betrachtet, führe menschliches Versagen zu viel mehr Unfällen. Es brauche zwar Zeit, Bedenken abzulegen. Dass dies aber geschehen wird, dessen ist sich Milke gewiss. Einen solchen Wandel zeigten Beispiele aus der Vergangenheit, wie die veränderte Einstellung zum Tragen eines Helms beim Skifahren – früher exotisch, heute ganz normal. Der Sicherheitsgedanke habe sich immer durchgesetzt, so Milke. Und damit liegt er sogar voll auf Linie mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die ließ kürzlich aufhorchen, als sie erklärte: „In 20 Jahren wird man nur noch mit Sondererlaubnis selbst Auto fahren dürfen.“

Die fünf Stufen des automatisierten Fahrens

  Level null: Der Fahrer macht alles alleine. Er fährt, lenkt, bremst, gibt Gas und achtet auf seine Umgebung.

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