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Biermarkt: Der dubiose Hasseröder-Verkauf an eine Kleinfirma in Kronberg

Von Der Bierriese AB Inbev trennt sich von zwei bekannten deutschen Biermarken – und gibt sie an eine unbekannte Kleinfirma aus dem Taunus ab, die bisher keinerlei Übernahmen vorzuweisen hat. Das wirft Fragen auf.
Ein Mitarbeiter der Hasseröder Bierbrauerei in Wernigerode (Sachsen-Anhalt) kontrolliert die Dosenabfüllanlage. Archivfoto: dpa Foto: Matthias_Bein (Zentralbild) Ein Mitarbeiter der Hasseröder Bierbrauerei in Wernigerode (Sachsen-Anhalt) kontrolliert die Dosenabfüllanlage. Archivfoto: dpa
Kronberg. 

Hasseröder ist eine der bekanntesten deutschen Biermarken, die belgisch-amerikanische Konzernmutter Anheuser-Busch Inbev (AB) das Unternehmen mit dem höchsten Börsenwert – rund 180 Milliarden Euro – im europäischen Leitindex EuroStoxx 50. Da möchte man doch annehmen, dass der im vorigen Jahr angekündigte Verkauf der Brauerei aus Wernigerode (Harz) und der Schwestermarke Diebels aus Issum am Niederrhein mit Verantwortungsbewusstsein angegangen wird.

Markus Schick
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Spekuliert wurde über einen Preis von 200 Millionen Euro, doch lange tat sich nichts, auch über das angestrebte Abschlussdatum Ende 2017 hinaus. Gestern nun meldete AB, die nach der Fusion mit dem Konkurrenten SAB Miller bereits diverse Biere abgestoßen hat, Vollzug – und den Verkauf der Traditionsmarken. Und zwar nicht an einen Brauerei-Konkurrenten oder einen großen Finanzinvestor, sondern an die völlig unbekannte Firma Carl Kliem Corporate Finance (CKCF) aus Kronberg im Taunus.

Keine Referenzen

Für Verwunderung sorgte sofort, dass der Käufer auf dem Biermarkt völlig unbekannt ist. Noch wichtiger: Er ist auch noch nie durch die Übernahme irgendeines Unternehmens in Erscheinung getreten und selbst für Branchen-Experten aus dem mittelständischen Beteiligungsmarkt ein unbeschriebenes Blatt. AB wollte sich nicht zum Kaufpreis äußern und auch nicht zur Auswahl des Käufers: „Mehrere Parteien haben ihr Interesse bekundet. Der gesamte Verkaufsprozess und entsprechend die Prüfung der Interessenten wurde komplett durch die Deutsche Bank begleitet“, teilte eine Sprecherin nur mit.

Daniel Deistler ist Inhaber des Kronberger Finanzinvestors CKCF, der Hasseröder und Diebels erwerben will. Bild-Zoom
Daniel Deistler ist Inhaber des Kronberger Finanzinvestors CKCF, der Hasseröder und Diebels erwerben will.

CKCF kündigte gestern per Pressemitteilung „langfristige Investitionen in die Biermarken und die Brauereistandorte“ an, um „den etwas verstaubten Bier-Juwelen neuen Glanz zu verleihen“. Investitionen hat Hasseröder auch dringend nötig – zuletzt war die Marke in die Krise geraten: Vor einigen Jahren mit fast 3 Millionen Hektolitern Absatz noch die Nummer fünf unter den deutschen Biermarken, war sie zuletzt (Stand 2016) auf Rang acht und 2,25 Millionen Hektoliter abgerutscht. Damit lag sie aber immer noch gleichauf mit der TV-Ikone Warsteiner und war vor der Oetker-Tochter Radeberger das beliebteste Pils in Ostdeutschland. Bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika war Hasseröder als Bandenwerbung bei den Spielen der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.

Hasseröder betreibt in Wernigerode einen der modernsten Brauerei-Standorte Europas, in den die bisherigen Eigentümer dreistellige Millionensummen investiert haben. Die Marke ist das beliebteste Pils in Ostdeutschland.
Biermarkt Warum eine Kronberger Firma Hasseröder gekauft hat

Laut jüngstem Jahresabschluss ist die Kronberger Kleinfirma CKCF mit dem Kauf der Bier-Traditionsmarken Hasseröder und Diebels überfordert, das Eigenkapital liegt bei Null. Der Eigentümer äußert sich erstmals zu seinen Plänen.

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Noch schlimmer die Lage beim Altbier-Produzenten Diebels: 2001 hatte der Bierausstoß noch bei 1,6 Millionen Hektoliter Alt gelegen, zuletzt war er bis auf nur noch 0,35 Millionen Hektoliter Alt und Pils abgesackt.

Die Chefs bleiben

Offen muss bleiben, wie weit die Finanzkraft des Käufers aus Kronberg reicht oder ob die Investitionen in eine Trendwende bei national bedeutsamen Marken mit jeweils mehr als 200 Mitarbeitern nicht möglicherweise einige Nummern zu groß sind für CKCF. Die Firma gehört dem früheren Banker (Dresdner, Commerzbank) und Unternehmensberater (Ernst&Young) Daniel Deistler. Nach seinen Angaben war er bisher bei der Übernahme von Mittelständlern und bei Unternehmensfinanzierungen (Corporate Finance) beratend als Dienstleister tätig: Als Referenzen nennt er die Beratung des Gitec-Consult-Käufers und des Verkäufers von Weimar-Porzellan.

Carl Kliem hatte seine Firma 1926 in Berlin gegründet und 1956 nach Frankfurt verlagert. Später übernahm sie der Sohn, vor einigen Jahren wurde sie auf leitende Mitarbeiter aufgeteilt; es gibt noch Schwesterfirmen in Frankfurt (Devisenmakler) und Eppstein (Energieberatung).

AB teilte mit, bis zum Abschluss der Transaktion spätestens Mitte 2018 laufe das Geschäft der Brauereien weiter wie bisher. Um einen reibungslosen Übergang sicherzustellen, werde man den neuen Eigentümer zum Beispiel im Innendienst, bei IT und Einkauf für weitere zwölf Monate unterstützen. Mit dieser Vereinbarung solle sichergestellt werden, dass der Geschäftsbetrieb weiter ungestört laufen könne. Bisherige Führungskräfte bleiben an Bord, laut CKCF unter anderem Adriano Leo als Vorsitzender der Geschäftsführung. Bei AB verbleiben die Marken Beck’s, Franziskaner und Löwenbräu.

Kein Telefonanschluss

Fragen blieben offen, insbesondere die zu möglichen Geldgebern, die wir Deistler gern gestellt hätten – doch er war gestern für uns nicht zu erreichen: Die auf der Firmen-Website angegebene Telefonnummer existiert nicht, und die von CKCF beauftragte PR-Agentur konnte keinen Kontakt zu Deistler herstellen. Unter derselben Adresse an der Hans-Thoma-Straße im Süden von Kronberg, einem kleinen Haus neben der örtlichen Filiale von „Jacques’ Wein-Depot“, betreibt Deistler noch weitere Firmen, darunter eine „saxess Holding GmbH“, die eine Produktneuheit zur Gewinnung von elektrischer Energie aus Abwärme vermarkten soll, und eine Polo-Schule. Als er die Pferdesportart und „Polo Match (Germany)“ vor knapp zwei Jahren im Interview mit der Zeitschrift „Impulse“ vorstellte und von seiner neuen Selbstständigkeit schwärmte, hielt offensichtlich auch er selbst seine anderen Firmen für nicht sonderlich bedeutsam: Er erwähnte sie mit keinem Wort.

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