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Seit dem Brexit-Votum hat die britische Währung kräftig verloren: Der tiefe Fall des Pfund

Seit dem Brexit-Votum vor knapp vier Monaten hat das Pfund gegenüber anderen Währungen deutlich an Wert verloren. Ende vergangener Woche kam es deshalb zum Preiskampf zwischen einer Supermarktkette und dem Hersteller Unilever.
Schickte das Pfund auf Talfahrt: die britische Premierministerin Theresa May         bei einer Ansprache im Unterhaus in London. Foto: HO (AFP) Schickte das Pfund auf Talfahrt: die britische Premierministerin Theresa May bei einer Ansprache im Unterhaus in London.
London. 

Die Metropole London mag eine der teuersten Städte der Welt sein, Luxus aber gibt es derzeit für günstiges Geld. Im Riesenkaufhaus Westfield’s im Westen der britischen Hauptstadt drängen sich an diesem Samstag zahllose Menschen durch die hell erleuchteten Hallen. Mehr als sonst flanieren sie durch jenen Teil, wo sich eine Edelboutique an die andere reiht. Mit Diamanten besetzter Schmuck. Designer-Schuhe. Sündhaft teure Füllfederhalter. Im Taschengeschäft der Marke Louis Vuitton tummeln sich besonders viele Touristen. Diese Tage fühlt es sich für ausländische Besucher an, als sei so ziemlich alles „on sale“. Grund dafür ist das schwache Pfund. Es fällt und fällt und fällt, seit die Mehrheit der Briten am 23. Juni für den Ausstieg aus der EU gestimmt hat.

Laut Recherchen des Wirtschaftsprüfers Deloitte sind derzeit Luxusgüter gemessen am Dollar im Königreich so billig wie sonst nirgendwo – ein Umstand, der jedoch nur Touristen erfreut. Viele Briten befürchten längst negative Folgen durch den Brexit. Der Preiskampf zwischen der Supermarktkette Tesco und dem niederländisch-britischen Konsumgüterriesen Unilever um Alltagsprodukte wie den Kult-Brotaufstrich Marmite, eine auf der Insel äußerst populäre geschmacksintensive Paste aus Hefeextrakt, ist nach einem öffentlichen Aufschrei, der als „Marmitegate“ in die sozialen Medien zog, zwar wieder beigelegt. Doch das Problem dürfte bestehen bleiben. Lebensmittelhersteller und Beobachter gehen davon aus, dass – sollte das Pfund so schwach bleiben – die Preise für Alltagsprodukte in Kürze schon steigen werden. So bekräftigte der Vize-Chef der britischen Notenbank, Ben Boradbent, gerade erst in einem BBC-Interview die Einschätzung der Bank of England, dass die Inflation 2017 die Marke von zwei Prozent überschreiten könnte.

Wegen der Ungewissheit über die wirtschaftlichen Folgen des Brexits hat die britische Währung zum Dollar rund 18 Prozent verloren und notierte gestern bei bis zu 1,2144 Dollar. Zum Euro hat sie mehr als 15 Prozent eingebüßt. Vor kurzem sank der Kurs gar auf ein Rekordtief und erreichte den schwächsten Wert seit dem Jahr 1985. Die Finanzmärkte reagierten erschrocken, nachdem die britische Premierministerin Theresa May ankündigte, das Austrittsverfahren bis Ende März 2017 einzuleiten, und so gut wie ausschloss, dass das Königreich in Zukunft weiterhin Mitglied des gemeinsamen Binnenmarkts der EU sein wird. Wichtiger als der hürdenlose Handel scheint für die Regierung das Thema Einwanderung zu sein. May versprach, dass Großbritannien nach dem EU-Ausstieg nicht mehr der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs unterliegen werde und das Land selbst über Produktstandards und die Zahl der Einwanderer entscheiden könne.

Die Börse boomt

Die konservativen EU-Skeptiker auf dem Parteitag bejubelten die harsche Ansprache der Regierungschefin und verweisen unaufhörlich darauf, dass das große Brexit-Beben, das viele Ökonomen prophezeit hatten, ausgeblieben ist. Die Arbeitslosenquote ist nicht gestiegen und die Wirtschaft soll in diesem Jahr laut Prognosen schneller wachsen als etwa in Deutschland, erst für 2017 sagen Volkswirte eine Abkühlung voraus. Zudem gilt als Standardargument, der Leitindex FTSE klettere stetig nach oben. Dass der Grund aber darin liegt, dass ein schwaches Pfund britische Aktien aus Sicht des Auslands erschwinglicher macht? Geschenkt.

Anders als im Brexit-Lager herrscht an den Devisenmärkten keine Partystimmung. Hier dominieren die Sorgen. In London, Europas Finanzzentrum, sitzen auch zahlreiche internationale Banken, Versicherer und Dienstleister, insgesamt beschäftigt der Sektor in der britischen Hauptstadt rund 360 000 Menschen. Und seit Monaten drängen, warnen und beschwören Vertreter der Finanzbranche die Regierung, den Weg in Richtung eines „soft Brexit“ einzuschlagen und den „hard Brexit“, die radikale Abkehr von Europa, zu vermeiden. Der Zeitung „Daily Telegraph“ zufolge könnte der britische Finanzminister Phillip Hammond sein Amt aufgeben, weil er einen „hard Brexit“ nicht mittragen wolle.

Die Unsicherheit sei „Gift“, hallt es durch die Türme der City, wo alle möglichen Optionen durchgespielt werden. So errechnete die Beratungsfirma Oliver Wyman, dass durch einen harten Bruch mit der EU im schlimmsten Fall bis zu 75 000 Arbeitsplätze bei Banken, Vermögensverwaltern und Dienstleistern wegfallen sowie die Umsätze der Branche um knapp 40 Milliarden Pfund schrumpfen könnten, was Einbußen der Steuereinnahmen um zehn Milliarden Pfund nach sich ziehen würde. Die meisten Studien und Vorhersagen geben eine düstere Prognose ab.

Erst vor wenigen Tagen wurde zudem ein internes Papier des Finanzministeriums bekannt, in dem vor immensen volkswirtschaftlichen Schäden gewarnt wird, sollte das Land den europäischen Binnenmarkt verlassen. Das Bruttosozialprodukt könnte innerhalb von 15 Jahren um bis zu ein Zehntel zurückgehen, dem Staat entgingen jährlich Steuereinnahmen in Höhe von bis zu 66 Milliarden Pfund. In einem offenen Brief an Downing Street forderte der wichtigste Unternehmerverband der Insel einen problemlosen Zugang zum Binnenmarkt, der „überlebenswichtig“ für die Wirtschaft sei. Die Industrie im Königreich ist auf die Union angewiesen, sie stellt den größten Exportmarkt dar.

Exporteure profitieren

Aufgrund des schwachen Pfunds profitieren derzeit vor allem die Exporteure von der Insel, wie etwa die Automobilbranche. Doch während die konservative, europaskeptische Boulevardpresse positive Zahlen und Meldungen feiert und immer wieder Studien bewirbt, die Vorteile im Brexit-Votum sehen, warnt der überwältigende Großteil der Experten eindringlich vor dem Wertverfall des Pfunds. Er schmälere den Wohlstand der Bevölkerung, weil das Königreich ein Außenhandelsdefizit hat, also deutlich mehr Güter importiert als ausführt. Und wie „Marmitegate“ gezeigt hat, gibt es knapp vier Monate nach dem Votum erste Anzeichen dafür, dass der bevorstehende Brexit bald im Supermarkt ankommt – und damit im Geldbeutel der Verbraucher.

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