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Amazon: Der ultimative Zerstörer auf dem Weg zur Billion

Von Wird Apple tatsächlich das erste Unternehmen mit einem Börsenwert von einer Billion Dollar? Der Gigant aus dem kalifornischen Cupertino ist zweifellos der Publikumsfavorit für den Billionen-Dollar-Sieg. Aber nicht wenige Beobachter trauen Amazon zu, diese Schallmauer noch vor Apple zu durchbrechen.
<span></span> Foto: Michael Nelson (EPA)
Frankfurt. 

Dass der iPhone-Hersteller in nur drei Monaten mehr verdient hat als Amazon in seiner gesamten Firmengeschichte, stört die Börsianer dabei nicht. Sie sind vor allem von dem Tempo fasziniert, mit dem Amazon-Gründer und -Chef Jeffrey Preston Bezos neue Branchen erobert. Der 54-Jährige gilt als der „ultimative Zerstörer“.

Ergibt dieses höchst verwirrende, sich scheinbar wahllos ausbreitende Konzern-Konglomerat namens Amazon überhaupt Sinn? Der Internet-Gigant verkauft Seife und produziert Seifen-Opern. Er ist der unbestrittene Herrscher über den Online-Handel in der westlichen Hemisphäre und kauft eine riesige Supermarkt-Kette. Er verkauft komplexe Rechenleistung an Wettbewerber und schickt zugleich einen Kurier los, der dem Premium-Kunden am Heiligabend seine Erkältungsmedizin bringt. Er gründet ein Unternehmen, dass den US-Beschäftigten unter seinen rund 560 000 Mitarbeitern eine bessere ärztliche Versorgung bieten soll und zahlt ihnen zum Teil erbärmliche Löhne.

Amazon überholt Google

Aber die Anleger lieben Amazon: Im vergangenen Februar – genauer gesagt, am Valentinstag – hievten sie dessen Börsenwert mit rund 702 Milliarden Dollar erstmals über den von Microsoft. Im darauffolgenden Monat überholte Amazon mit einer Börsenkapitalisierung von circa 764 Milliarden Dollar auch Google-Mutter Alphabet, den bis dato wertvollsten Konzern der Welt, nach Apple. Und seitdem das chronisch ertragsschwache Unternehmen aus dem nordkalifornischen Seattle Mitte April auch noch bekanntgegeben hat, seinen Nettogewinn im ersten Geschäftsquartal auf 1,6 Milliarden Euro mehr als verdoppelt zu haben, kennt die Begeisterung kaum noch Grenzen: Bis Anfang Juni erklomm der Börsenkurs sein bisheriges Allzeithoch von 1696,35 Dollar. Auf dem Niveau verharrt das Papier seitdem. So war Amazon gestern Nachmittag 820,86 Milliarden Dollar wert – fast vier Mal so viel wie vor drei Jahren und immerhin 73 Prozent mehr als noch vor zwölf Monaten. Damit hat sich Amazon als stärkster Herausforderer von Apple in Position gebracht.

Bezos trotzt Trump

An diesem Höhenflug hat auch US-Präsident Donald Trump nicht verhindern können. Monatelang hat er Jeff Bezos, den Gründer und Chef von Amazon, beschimpft und ihm gedroht. Der 54-Jährige und sein Unternehmen seien schuld an der finanziellen Misere der amerikanischen Post, kurz USPS“, wetterte Trump. Mit jeder Paket-Zustellung für Amazon verliere die Post 1,50 Dollar rechnete der Präsident vor – ohne Belege dafür vorzulegen. Dass der Online-Gigant als größter Kunde dazu beiträgt, massive Einbrüche der Post im Briefgeschäft zu kompensieren, ignorierte der republikanische Präsident. Stattdessen drohte er dem liberalen Bezos – dessen „Washington Post“ dem Präsidenten das Leben schwer macht – mit höheren Portokosten und Steuernachzahlungen. Den Aktienkurs von Amazon haben diese Attacken stets nur kurzzeitig gedrückt. Bislang hat Trump seinen Worten auch keine Taten folgen lassen. Im Gegenteil: Inzwischen ist es Amazon gelungen, einen wichtigen Transport-Auftrag von der US-Regierung zu erhalten.

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Anscheinend kann nichts und niemand Amazon aufhalten. Im laufenden Geschäftsjahr wird der Konzern nach eigener Voraussage erstmals die Umsatzmarke von 200 Milliarden Dollar klar übertreffen; – 2017 waren es insgesamt 178 Milliarden. Der Nettogewinn betrug drei Milliarden Dollar und soll solch sich 2018 mindestens verdoppeln. Analysten erwarten im Schnitt sogar einen Anstieg des Gewinns pro Aktie von zuletzt 5,37 auf 12,73 Dollar. Und der soll bis 2020 auf 36,67 Dollar je Aktie steigen.

2067 Dollar für den Thron

„Amazon ist derzeit das weltweit interessante Unternehmen. Es ist ganz offenbar nicht zu stoppen“, sagt die Analystin Sucharita Kodali von der Agentur Bloomberg. Und mit dieser Einschätzung steht sie bei weitem nicht allein da. Von Zacks Investment Research kürzlich befragte Analysten empfehlen 29 Mal „Strong Buy“, zweimal „Buy“, einmal „Hold“, einmal „Sell“. Die jüngsten Quartalszahlen, haben drei Analysten dazu animiert, ihre Kursziele über den magischen Preis von 2067 Dollar zu schrauben. Bei diesem Aktienkurs würde Amazon den Billionen-Thron besteigen. „Wenn sich das wirtschaftliche Umfeld weiterhin positiv entwickelt, sehen wir gute Chancen, dass Amazon bereits 2018 die Schallgrenze von einer Billion Dollar Marktkapitalisierung durchstoßen wird“, sagt Titus C. Schlösser von Portfolio Concept Vermögensmanagement in Köln.

Die Billion– sie ist das Signum eines Zeitalters, in dem Technologie alles durchdringt und die Plattformen alte Branchen mitsamt ihren Arbeits- und Konsumformen ablösen. „Im Aufstieg der Internet-Riesen spiegelt sich ein langfristiger Trend: nämlich die Disruption ganzer Industrien durch technische Innovation, die einen immer größeren Teil der globalen Wirtschaft für sich beansprucht“, sagt Richard Clode, Technologie-Experte bei der Fondsgesellschaft Janus Henderson.

Schöpferische Zerstörung

Den Begriff „Disruption" hat der Harvard-Ökonom Clayton Christensen in seinem Buch „The Innovator’s Dilemma“ geprägt, das auch Bezos gelesen hat. Im Original heißt dieses Phänomen „schöpferische Zerstörung“; es stammt vom österreichischen Ökonomen Joseph A. Schumpeter. Und diese schöpferische Disruption funktioniert meistens so: Ein neuer Player löst mit Hilfe einer digitalen Innovation bestehende Produkte oder Angebote ab und verdrängt sie vom Markt; der neue Player wird zum Marktführer in der Branche. Und dieser neue Player heißt in vielen Fällen Amazon – der Konzern, der Bezos zum reichsten Mann der Welt gemacht hat. Er gilt als der „ultimative Zerstörer“ – ein Titel, den ihm das traditionsreiche US-Wirtschaftsmagazin Fortune unlängst verlieh. Immer wieder hat er das Unternehmen an dem er noch mit 16,3 Prozent beteiligt ist, neu erfunden und immer mehr Geschäftsfelder erobert. Heute ist Amazon ein Versandriese, ein Cloud-Anbieter, ein Hardware-Hersteller ein Medien-Produzent. Seine Marktmacht ist inzwischen so groß, dass viele Konkurrenten keine Chance haben, ihr Geschäft gegen den Giganten zu verteidigen. Eigentlich geht die Angst in allen Branchen um, denn Bezos hat gezeigt, dass kein Wirtschaftszweig vor ihm sicher ist. Sobald es Gerüchte gibt, Amazon erwäge den Markteintritt in ein neues Segment, geben die Aktienkurse der alten „Platzhirsche“ nach.

230 Millionen Produkte

Der studierte Elektroingenieur hat sehr früh verstanden, was der digitale Wandel für ein Unternehmen bedeutet. Und so versuchte sich Bezos 1995 zusammen mit zehn Mitarbeitern zunächst auf dem Buchmarkt. Noch bevor die große Masse der Menschen überhaupt im Internet war, hatte Bezos schon Bücher über das Netz verkauft. Dann explodierte sein Geschäft exponentiell – es „skalierte“. Das ist der zweite Begriff den die Silicon-Valley-Ökonomie geprägt hat. Skalierung bedeutet schnelles exponentielles Wachstum. Durch Netzwerkeffekte sind im Internet sehr schnell wachsende, skalierbare Geschäftsmodelle möglich. Und die versteht es Bezos wie kein anderer zu perfektionieren.

So ist Amazon zum Synonym für Waren-Bestellungen im Internet geworden. Egal, um was es geht. Nach Angaben des Unternehmens umfasst sein Sortiment heute 230 Millionen Produkte, die es per Flugzeug, Lkw und Drohne aus rund 180 Verteilzentren – davon elf in Deutschland – an die Kunden verschickt. Und weil nicht einmal Amazon wirklich alles anbieten kann, vermietet Amazon seine Plattform an mehr als 300 000 kleine und mittelständische Unternehmen, die weitere Millionen neue und gebrauchte Produkte auf „Amazon Marketplace“ verkaufen und dafür eine Provision von zehn bis 25 Prozent ihres Umsatzes an den Tech-Titanen abliefern.

Besonders treue Kunden

Die vielen kleinen Anbieter machen ihren großen Träger noch mächtiger. In den USA entfallen inzwischen 44 Prozent aller über das Internet getätigten Verkäufe auf Amazon. In Deutschland – dem größten Auslandsmarkt von Amazon mit einem Jahresumsatz von 15 Milliarden Euro – sind es schon rund 50 Prozent. Und wenn man bedenkt, dass in beiden Märkten der Online-Anteil am gesamten Einzelhandel noch sehr gering ist, wird deutlich welches riesige Potenzial sich Amazon noch bietet. Zumal hüben wie drüben kein ernsthafter Gegner mehr in Sicht ist. Hierzulande haben sich die großen Einzelhändler nicht auf eine Allianz einigen können; und in den USA gelingt es einmal dem Einzelhandelsriesen Walmart nennenswerte Marktanteile im Online-Handel zu erringen. Inzwischen greift Bezos Walmart & Co. sogar im stationären Handel an: Ím vergangenen Jahr kaufte Amazon die Einzelhandelskette „Whole Foods“ mit 400 Filialen. Und nach Aussage von Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der US-Konzern auch hierzulande Kunden in reale Geschäfte lockt.

310 Millionen Kunden zählt Amazon nach eigenen Angaben. Beeindruckend genug. Was die Herzen der Anleger im April allerdings höher schlagen ließ, war, dass mehr als 100 Millionen davon Mitglieder im Kundenbindungsprogramm „Prime“ sind, wie Bezos verriet. Eine enorme Marktmacht. Der Service bietet für eine monatliche oder Jahresgebühr längst nicht mehr nur Optionen für schnelleren und kostenlosen Versand beim Internet-Shopping. Er bietet auch Zugang zu Medieninhalten wie Filmen von Netflix und Amazon Prime Video sowie vielen anderen Angeboten. So treu sind diese Kunden, dass Amazon es sich nun erlauben kann, die Jahresgebühr Gebühren von bisher 99 Dollar auf 119 Dollar zu erhöhen – in Deutschland kostet die Mitgliedschaft 69 Euro im Jahr.

Auf „Wolke sieben“

So erfreut die erfolgsverwöhnten Investoren über diesen Erfolg sind – was sie zu der geradezu astronomischen Börsen-Bewertung von Amazon bewegt, ist nicht der insgesamt margenschwache Online-Handel, der in Europa sogar noch Verluste einbringt. Auch nicht so sehr die digitale Sprachassistentin Alexa, über die der Konzern weitere Informationen über die Wünsche seiner Kunden sammelt und natürlich Waren-Bestellungen aus dem eigenen Sortiment erhält.

Vielmehr ist es die Sparte „Amazon Web Services“ (AWS). Sie ist der Motor der IT-Revolution und mit Abstand die weltweite Nummer eins im Cloud-Computing-Geschäft. Ihr Umsatz hat sich innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. Das macht zwar nur einen Zehntel der Amazon-Erlöse aus, doch mit einem Gewinnanteil von 70 Prozent ist AWS die Profitmaschine von Bezos. Amazon stellt dabei Kunden, die ihre Informationstechnik ins Internet verlagern wollen, Rechenkapazitäten zur Verfügung. Jenseits des Vermietens von Rechnern bietet die Sparte auch eine Fülle anderer Computerdienstleistungen an, hilft bei der Datenanalyse oder der Entwicklung von Smartphone-Anwendungen.

Der Clou: Die Dienste kosten anfangs meist nichts, was zum Experimentieren einlädt. Die Rechnung wächst erst mit der Nutzung. Und AWS kann den Preis einer Firmen-IT immer schlagen – dank riesigen Skaleneffekten. Im Wettbewerb um die Cloud können deshalb nur noch Tech-Riesen wie Microsoft und Google mithalten. AWS dominiert aber immer noch mit einem Marktanteil von knapp zwei Dritteln. Je mehr Firmen ihre IT-Kosten durch die Cloud senken können, desto größer wird auch der Druck auf die Konkurrenz. So kommt es, dass selbst Konkurrenten wie Zalando, die Otto Group oder eben Netflix Amazons „Wolke“ nutzen. So absurd es klingt: Der Konzern ist in diesem Bereich nahezu unverzichtbar geworden, selbst für seine Rivalen.

Weltweit liegt das Marktvolumen bei Cloud-Computing nach Schätzungen des IT-Marktforschers Gartner für 2018 bei mehr als 330 Milliarden Euro. Rund 260 Milliarden Dollar waren es weltweit im vergangenen Jahr, das entsprach einer Steigerung von 20 Prozent zum Vorjahr. Und so soll es weitergehen: Bis 2020 soll der Gesamtmarkt schon auf rund 411 Milliarden Dollar angeschwollen sein. Vor allem Software-Servicelösungen und Infrastrukturservices, also zu mietende Rechnerkapazitäten, würden künftig enorm von Firmen nachgefragt. Umfragen unter Cloud-Nutzern bestätigen das: Demnach sagen 66 Prozent aller Anwender in Unternehmen, sie würden ihre Investitionen in Cloud-Services in den kommenden Jahren erhöhen, und zwar um rund 20 Prozent oder mehr. Jeder Fünfte will seine Ausgaben dafür sogar verdoppeln. „Es könnte sein, dass die Web Services für Amazon irgendwann wichtiger werden als der Einzelhandel“, sagt Amazon-Technologie-Chef Werner Vogels.

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