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Allianz-Studie: Deutsche verschenken 200 Mrd. Euro

Von Gemessen an der Wirtschaftskraft der Bundesrepublik und den vergleichsweise hohen Einkommen hierzulande, ist das Brutto-Geldvermögen der Deutschen im internationalen Vergleich recht gering. Ein Grund: Aufgrund ihrer traditionellen Risikoscheu haben die meisten bislang einen Bogen um Börsen gemacht. Inzwischen wagen sich zwar mehr an die Aktien-Anlage – aber zumindest auf kurze Sicht scheinen sie zu spät zu kommen.
Die Bundesbürger sparen zwar viel mehr als die anderen, aber eben nicht besonders intelligent. Bilder > Die Bundesbürger sparen zwar viel mehr als die anderen, aber eben nicht besonders intelligent.
Frankfurt. 

Die meisten Bundesbürger sind immer noch nicht so richtig in der neuen Anlage-Welt angekommen, wie es scheint: Zwar klagen sie nun schon seit Jahren mit Inbrunst über die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Aber statt daraus die Konsequenzen zu ziehen und ihr Geld direkt oder indirekt per Fonds in Aktien anzulegen – die in den vergangenen Jahren insgesamt satte Renditen abgeworfen haben –, bunkern sie ihr Vermögen immer noch auf Sparbüchern, Girokonten, Tagesgeldkonten und in Festgeld. Obwohl sie damit nach Abzug der Inflation zum Teil sogar Verluste machen. Für Spargeld mit gesetzlicher Kündigungsfrist von drei Monaten zum Beispiel gibt’s inzwischen lächerliche 0,04 Prozent Zinsen im Jahr; für das täglich verfügbare Tagesgeld erhalten Sparer im Schnitt nur noch 0,23 Prozent und für Festgeld über ein Jahr auch nur mickrige 0,27 Prozent.

40 Prozent Bar-Einlagen

Was die Bundesbürger ihre Risikoaversion, aber auch Ignoranz in den vergangenen Jahren gekostet hat, haben nun die Volkswirte der Allianz ausgerechnet. Ihr Ergebnis: Zwischen 2012 und 2015 haben die Deutschen rund 200 Milliarden Euro verschenkt. „Die deutschen Haushalte haben in den vergangenen vier Jahren etwa 40 Prozent ihres Geldvermögens mit Verlust bei den Banken geparkt“, führte gestern in Frankfurt der Chefvolkswirt der Allianz, Michael Heise, aus. Die reale Rendite dieser Anlage habe im Durchschnitt dieser Jahre minus 0,4 Prozent betragen. „Hätten die Deutschen nur 30 Prozent in Bankeinlagen gehalten und die so frei gewordenen zehn Prozent ihrer Mittel je zur Hälfte auf Aktien und Investmentfonds verteilt, wäre die Vermögensrendite in diesem Zeitraum um nahezu einen vollen Prozentpunkt höher ausgefallen. Die deutschen Haushalte hätten damit zusätzliche Vermögenseinnahmen von rund 200 Milliarden Euro erzielt“, rechnete Heise vor, der darauf hinwies, dass nur 6,5 Prozent der deutschen Portfolios auf Aktienvermögen entfallen.

Nur Ösis sind schlechter

Die Anleger in den meisten anderen Euro-Ländern haben es im Niedrigzinsumfeld offenbar besser verstanden, ihr Geld zu investieren. Nur die Österreicher – die ebenfalls kaum in Aktien investieren – schneiden laut Allianz im internationalen Vergleich schlechter ab als die Deutschen. Während demnach die Bundesbürger zwischen 2012 und 2015 eine reale Vermögensrendite von 2,3 Prozent erzielt haben, kamen die Nachbarn in der Alpenrepublik sogar nur auf 1,0 Prozent. Nachbarn wie die Franzosen, Italiener oder Niederländer strichen dagegen mehr als drei und über vier Prozent im Jahr ein. Die Finnen erreichten sogar reale Renditen von rund sieben Prozent im Jahr.

Dass gleichwohl das Brutto-Geldvermögen der Bundesbürger von 2012 bis 2015 im Schnitt um 3,2 Prozent und damit überdurchschnittlich wuchs, ist der Tatsache geschuldet, dass hierzulande nach wie vor viel mehr Geld auf die hohe Kante gelegt wird als in anderen Ländern: 1904 Euro sparten die Deutschen im Mittel pro Kopf und Jahr – beinahe doppelt so viel wie im Länder-Durchschnitt. So stieg das Brutto-Geldvermögen pro Kopf auch ohne Kursgewinne von 56 450 auf 67 980 Euro. „Vermögenswachstum war hierzulande in den vergangenen Jahren eben vor allem eine Funktion der guten Einkommensentwicklung“, konstatierte Heise.

Aber im weltweiten Allianz-Vergleich unter 50 Staaten landet Deutschland damit nur auf Platz 20. Rang 18 wird’s, wenn man die Schulden abzieht – weil sich die Haushalte trotz des Zinstiefs mit der Aufnahme von Krediten zurückhielten. Spitzenreiter sowohl bei den Brutto- wie auch den Netto-Geldvermögen sind die Schweiz mit 260 800 bzw. 170 590 Euro und die USA mit 202 490 bzw. 160 950 Euro. In der Brutto-Kategorie ist nur ein einziges Euro-Land in den Top Ten zu finden: die Niederlande mit 129 700 Euro pro Kopf.

„Hinterher ist man natürlich immer schlauer“, räumte Heise gestern ein, „aber dass Zeiten extremer Geldpolitik mit negativen Zinsen auch Anpassungen im Anlageverhalten erfordern, ist evident. Vermeintlich sichere Anlagen wie Bundesanleihen sind nicht mehr sicher, sie gefährden vielmehr den Vermögensaufbau“, gab der Chefvolkswirt zu bedenken.

Fette Jahre vorbei

Das scheinen inzwischen mehr Bundesbürger zu beherzigen: Die Bundesbank stellte zuletzt jedenfalls „merkliche Investitionen in Aktien und sonstige Anteilsrechte“ fest. Demnach steckten die privaten Haushalte im ersten Quartal 2016 gut zehn Milliarden Euro in diese Anlageform; gefragt waren auch Investmentfonds mit Nettomittelzuflüssen von 5,4 Milliarden Euro. Aber zumindest die Studie der Allianz lässt befürchten, dass sie erst einmal zu spät kommen: „Die fetten Jahre im Vermögenswachstum sind vorbei“, stellen die Volkswirte des Münchner Konzerns darin fest: Nach ihren Berechnungen erzielte 2015 das globale Brutto-Geldvermögen der privaten Haushalte mit 4,9 Prozent eine Zuwachsrate, die nur noch knapp über der Wachstumsrate der allgemeinen Wirtschaftstätigkeit lag. In den drei Jahren zuvor war das Vermögen dagegen mit im Schnitt 9,0 noch rund doppelt so schnell gewachsen. „Offensichtlich verliert die extrem expansive Geldpolitik der Notenbanken als Treiber der Wertpapier-Preise langsam an Wirkung“, sagte Heise. Offenbar richteten die Märkte ihren Blick zu Recht mehr auf die gesunkenen Ertragsschätzungen für die Unternehmen.

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