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Auch Hessen steuert schon wieder auf ein Rekordjahr zu: Deutschland-Tourismus boomt

Von Noch nie war Urlaub hierzulande so beliebt wie in diesem Jahr. Ausländische und einheimische Gäste verhelfen den Ferienregionen von den Küsten bis in die Alpen zu neuen Rekorden. Das hat einiges mit der Angst vor Anschlägen in traditionellen Urlaubsländern zu tun – aber nicht nur.
Ganzjährig ein beliebtes Ziel von Urlaubern aus aller Welt: die Drosselgasse in Rüdesheim am Rhein. Foto: Boris Roessler (dpa) Ganzjährig ein beliebtes Ziel von Urlaubern aus aller Welt: die Drosselgasse in Rüdesheim am Rhein.
Frankfurt. 

Oh, wie schön Deutschland ist! „Hinter der Fassade der Effizienz ist es ein authentisches Land mit Charme“, schreibt die kalifornische Reiseagentur Zicasso, um für ihre Rundreisen zu werben. Die tragen Titel wie „Das Beste von Deutschland“, „Rhein und Wein“ oder „Ins Herz des Schwarzwalds“. Weiter heißt es: „Mittelalterliche Städte sind von Wäldern umschlossen, in denen Märchenschlösser stehen und Dörfer, vollgesogen mit Tradition. Entdecken Sie ein Land, stolz auf seine Schrullen und sein surrealistisches Design.“

Dieses Kurzporträt mag ein bisschen schrullig klingen – aber US-Touristen scheint das Angebot anzusprechen. „Das Beste von Deutschland“ – das ist in diesem Fall Frankfurt, Hameln, Hamburg, Berlin, der Rhein, das barocke Dresden, das Freilichtmuseum Mödlareuth mit Überbleibseln der deutsch-deutschen Grenzbefestigung, Rothenburg ob der Tauber, München, Neuschwanstein, der Schwarzwald und Heidelberg – und das alles in zwölf Tagen. Pittoreske Städte kommen bei den Besuchern aus Übersee gut an, schöne Landschaften, schaurige Geschichte, starkes Bier und ein Schuss Romantik. Im vergangenen Jahr reisten zwei Millionen US-Amerikaner nach Deutschland.

Sie sind nicht die Einzigen, denen es zwischen Berlin und Titisee gefällt. Und so steuert Deutschland in diesem Jahr zum achten Mal in Folge auf einen Besucherrekord zu. Darauf lassen jedenfalls die Zahlen schließen, die gestern das Statistische Bundesamt veröffentlicht hat. Demnach zählten Hotels, Pensionen und andere Unterkünfte in den ersten sechs Monaten 205,1 Millionen Übernachtungen – drei Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Branche ist zuversichtlich, dass die positive Entwicklung anhält. Der reisestarke Ferienmonat August ist gerade erst angelaufen.

„Urlaub in Deutschland hat Konjunktur“, sagte Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, am Donnerstag. Und das nicht nur im Ausland: Wie die gestrigen Zahlen des Bundesamtes bestätigen, ist Deutschland auch bei Gästen aus dem Inland weiterhin sehr beliebt – die Übernachtungszahlen stiegen im ersten Halbjahr jeweils um drei Prozent. Allein 168,4 Millionen Mal übernachteten heimische Reisende in Betrieben mit mindestens zehn Schlafgelegenheiten.

Hessen auf Rang fünf

Und auch in Hessen boomt der Tourismus, ein neuer Übernachtungsrekord ist absehbar, nachdem 2016 die Zahl der Übernachtungen auf 32,6 Millionen gestiegen war – und damit den siebten Höchststand in Folge erreicht hatte. Bis Ende Mai zählte das Statistische Landesamt einen Anstieg von 2,9 Prozent auf knapp 13 Millionen. Davon entfielen rund zehn Millionen auf deutsche Gäste. Insgesamt rangiert Hessen im Ranking der beliebtesten Bundesländer auf Rang fünf – hinter Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Und die Hessen Agentur rechnet mit einem guten zweiten Halbjahr: „Nach aktuellem Stand der Entwicklung erwarten wir in der zweiten Jahreshälfte im Tages- und Kurzreisesegment, insbesondere bei Reisen in die herbstlichen Naturräume zum Radfahren und Wandern, sowie zu den zahlreichen Weihnachtsmärkten sehr gute Besucher-Zahlen“, heißt es bei der Agentur. Die Documenta in Kassel und die IAA werden die Gästeankünfte zusätzlich erhöhen.

Ursachen des Booms

Die Gründe für den touristischen Boom liegen zwar auch in einem globalen Trend. Der Tourismus ist nicht nur in Deutschland, sondern weltweit einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftszweige. Aber Deutschland entwickelt sich schneller als der internationale Durchschnitt. Seine Beliebtheit steigt seit Jahren sehr deutlich. Zu tun hat das laut Petra Hedorfer, Leiterin der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), unter anderem mit dem Sommermärchen-Effekt: „Während der Fußball-WM 2006 ist ein sympathisches, weltoffenes Deutschlandbild in die Welt getragen worden.“ Zurückzuführen ist der Erfolg aber auch auf die Krisen in vielen klassischen Urlaubsländern, die in den vergangenen Jahren mehr Deutsche bewogen haben, Urlaub im eigenen Land zu machen – nachdem die Zahl der Inlandstouristen zuvor längere Zeit stagniert hatte.

Zudem hat es laut DZT „gewaltige Investitionen in die touristische Erlebnisqualität“ gegeben, in Hotellerie, Gastronomie, Freizeiteinrichtungen und museale Projekte wie beispielsweise die Autostadt Wolfsburg, die BMW-Welt in München, das Unesco-Welterbe Museumsinsel Berlin oder den Europapark Rust. An der gesamten deutschen Küste entstehen Vier-und Fünf-Sterne-Häuser, hochwertige Urlaubsparks. Und selbst da, wo das Meer fehlt, sind oft Millionensummen investiert worden. Jede Region will sich aufhübschen für den Besuch. Ob im Harz oder an der Rhön, in der Sächsischen Schweiz oder in der Mecklenburgischen Seenplatte – auch die Ziele in der zweiten oder dritten Reihe haben den internationalen Wettbewerb angenommen und investieren im großen Stil in die touristische Infrastruktur. Mal lautet das Zauberwort „Naturtourismus“, mal „Tropical Islands“, mal „Archäopark“ .

„Der Inlandstourismus wird weiter wachsen“, prognostiziert Zukunftsforscher Reinhardt. Auch aufgrund des demografischen Wandels: Je älter eine Gesellschaft werde, desto eher verreisten die Menschen im eigenen Land. Und selbst der Klimawandel komme Deutschland dabei zugute. „Wenn es auf Mallorca zu heiß wird, werden noch mehr Menschen an der Nord- und Ostsee oder in Bayern Urlaub machen“, prophezeit Reinhardt.

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