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Flüchtlingslager in Jordanien: Deutschland hilft im Wüstencamp - 80 000 Syrer leben dort

Von 80 000 Syrer leben in Za'atari, dem größten Flüchtlingslager des Nahen Ostens. Deutschland gibt Geld, um den Druck zu mindern.
<span></span> Foto: Rüdiger Nehmzow

Mohammed Al-Darweesh (38) war Rechtsanwalt in der syrischen Großstadt Homs – bis der Bürgerkrieg ausbrach und ein Großteil der Bevölkerung vor den Kämpfen zwischen Assad-Regime und Rebellen fliehen musste. Der verheiratete Vater von drei Kindern schaffte es immerhin über die – mittlerweile längst geschlossene – Grenze nach Jordanien. Er strandete im Flüchtlingslager Za’atari, fünf Kilometer jenseits der Grenze in der Wüsten-Einöde. Damals war das eine Ansammlung eilig errichteter Zelte an staubigen Wegen ohne Strom, fließendes Wasser oder WCs. Heute sind die Zelte 26 000 Wohn-Containern gewichen, aus Za’atari ist das größte Flüchtlingslager der arabischen Welt mit rund 80 000 Bewohnern geworden. Umringt sind sie von einem Stacheldrahtzaun, an den Eingängen stehen Schützenpanzer, die Wachen lassen nur Flüchtlinge mit Arbeitsgenehmigung nach draußen, die meisten leben von maximal 25 Euro Lebensmittelhilfe im Monat, die sie in Märkten des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) ausgeben können.

Za’atari im Norden Jordaniens. Bild-Zoom
Za’atari im Norden Jordaniens.

Al-Darweesh wohnt seit vier Jahren in Za’atari, ein kräftig gebauter Mann mit Vollbart, der unternehmenslustig und kontaktfreudig wirkt – wären da nicht die merkwürdig traurigen, resigniert blickenden Augen. Die Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat hat er aufgegeben – die Ersparnisse sind längst aufgebraucht, sein Haus ist zerstört, Regimetruppen haben Homs zurückerobert. Nach Europa würde er gerne weiterziehen, doch so richtig glaubt er selbst nicht daran. Wenigstens hat er wenige Kilometer vom Lager entfernt in Mafraq Arbeit gefunden, in der Fabrik „Arabella for Aluminium Extrusion“, wo aus Altmetall Profile für Einbauküchen gepresst und beschichtet werden. „Das war das beste, was ich finden konnte.“ Denn für eine Zulassung als Anwalt bräuchte er Beziehungen. Beziehungen, die er mitten in der Wüste nicht knüpfen konnte.

Ein Abkommen mit der EU gewährt jordanischen Firmen, die mindestens 15 Prozent Syrer beschäftigen, privilegierte Ausfuhrmöglichkeiten. 73 000 solcher Arbeitsgenehmigungen für Flüchtlinge hat die Regierung erteilt – bisher allerdings exportieren lediglich zwei Unternehmen tatsächlich nach Europa. 27 syrische Flüchtlinge beschäftigt Arabella – die Neuinvestition in einen Schmelzofen wird gefördert von einem örtlichen Fonds für Kleinunternehmen (NJF), an dem die deutsche staatliche Förderbank KfW beteiligt ist.

Nimahat El-Ali mit ihren Kindern im Wohncontainer. Bild-Zoom Foto: Rüdiger Nehmzow
Nimahat El-Ali mit ihren Kindern im Wohncontainer.

Die KfW hat sich auch der Stromversorgung des Lagers angenommen und die größte Solaranlage weltweit für ein Flüchtlingslager errichtet. Der neue KfW-Auslandsvorstand Joachim Nagel und auch Lara Faysal, eine Prinzessin aus dem jordanischen Königshaus, sind im herbstlichen Sandsturm nach Za’atari gekommen, um die Anlage einzuweihen. „Die deutsche Unterstützung hilft uns, mit dieser Krise fertigzuwerden“, sagt der jordanische Energieminister Saleh Al-Kharabsheh. Zuvor ließ der riesige Energie-Bedarf des Lagers immer wieder die Stromversorung im Norden des Landes zusammenbrechen und überstieg auch das UNHCR-Budget weit, so dass es meist nur während weniger Nachtstunden Elektrizität in den Containern gab. Die Kinder mussten mit den Hausaufgaben warten, bis die Lampen angingen. Im Sommer wird es drückend heiß, wenn die Klimaanlagen nicht laufen, im Winter ist es ohne Heizstrahler kühl und feucht in den mittlerweile altersschwachen Blechcontainern.

Die neue Solaranlage

Nun haben auch 50 Syrer mitgearbeitet und Kabel verlegt. Die in langen Reihen im Wüstensand aufgebauten 40 000 Solarpanels bringen 12,9 Megawatt Leistung (das würde in Deutschland für den Durchschnittsverbrauch von gut 4000 Zwei-Personen-Haushalten reichen) und haben 16,5 Millionen Euro gekostet. Die Putzroboter, die die Module von Sand freihalten sollen, fehlen allerdings noch. Tagsüber speist die Anlage auch Strom ins jordanische Netz ein. „Damit decken wir eines der grundlegenden Bedürfnisse der Menschen hier“, sagt Nagel. Das UNHCR spare 5,5 Millionen Dollar an Stromkosten jährlich ein, die künftig für andere Zwecke zur Verfügung stünden, freut sich der UNHCR-Repräsentant in Jordanien, Stefano Severe. In Kürze soll südlich von Amman der Bau einer weiteren, drei Mal so großen Solaranlage beginnen – sie wird ebenfalls mit deutschem Geld finanziert und soll ebenfalls vom Flüchtlingszustrom besonders betroffene Regionen versorgen.

Den Supermarkt betreibt das UN World Food Programme. Bild-Zoom Foto: Rüdiger Nehmzow
Den Supermarkt betreibt das UN World Food Programme.

Über die neue Solaranlage berichtet auch das Lager-Magazin, für das ehrenamtliche Mitarbeiter schreiben und das sie in einer Auflage von 7000 Exemplaren verteilen. Internet können sie für ihre Recherchen jedoch nicht nutzen – das ist im gesamten Lager abgestellt.

Endlich mehr Wasser

Wasser gibt es mittlerweile ebenfalls – wenn auch nicht in ausreichender Menge. Zwischen den Containern stehen auf Stelzen große Plastikfässer, die Tankwagen mit Wasser befüllen. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef hat drei Tiefbrunnen und acht zentrale Wassertanks bauen lassen und Abwassersammler installiert; nun sollen noch 400 Kilometer Wasserleitungen zu den Haushalten und ein Abwassernetz zur Kläranlage folgen. Deutschland trägt mit 35 Millionen Euro, die über die KfW bereitgestellt werden, zwei Drittel der Gesamtkosten.

Auch wenn das die Regierung in Jordaniens Hauptstadt Amman ungern hört: Nach und nach könnten solche Investitionen in die Infrastruktur aus Za’atari eine richtige Stadt machen – so wie das auch mit vielen ehemaligen Flüchtlingslagern für Palästinenser geschah. Die Hälfte der 9,5 Millionen Einwohner des Landes hat palästinensische Wurzeln, rund 1,3 Millionen Flüchtlinge aus Syrien leben in Jordanien (umgerechnet auf die deutsche Bevölkerungszahl wären das 13 Millionen Syrien-Flüchtlinge zusätzlich zu den 82,7 Millionen Einwohnern. Das einst dünn besiedelte Wüsten-Königreich hat durch die neuen Einwohner inzwischen Israel und den Libanon überflügelt, der Ballungsraum Amman ist auf die Größe Berlins angewachsen.

„Es ist unglaublich, wie geduldig unsere Bevölkerung die Belastungen bisher erträgt“, sagt Jordaniens Planungsminister Imad Najib Fakhoury und vergleicht den Flüchtlingszustrom mit „einem langsam auf uns zurollenden Tsunami“. Noch ist Jordanien eines der stabilsten Länder der Region, doch es leidet nicht nur unter dem Flüchtlingsansturm, sondern auch unter der langjährigen Schließung der Grenzen zu den Nachbarländern Syrien und Irak. Die Arbeitslosigkeit ist mit offiziell 18 Prozent hoch, vor allem unter Jüngeren; viele gut ausgebildete Syrer unterbieten den jordanischen Mindestlohn, das Wasser ist vor allem im Sommer knapp, der Strom fällt tagelang aus, die Schulen können selbst im Zwei-Schicht-Betrieb den Ansturm kaum noch bewältigen. Im Nachbarland Libanon ist es bereits zu Pogromen gekommen. Etwas Druck vom Kessel nehmen (und die Flüchtlinge von der Weiterreise nach Europa abhalten) sollen internationale Hilfsgelder, Jordanien ist innerhalb weniger Jahre zu einem der größten Empfänger deutscher Entwicklungshilfe geworden: 577 Millionen Dollar hat die Bundesregierung dem Land, wo mittlerweile auch Bundeswehr-Soldaten stationiert sind, fürs laufende Jahr zugesagt – ein neuer Rekord und der zweitgrößte Geberbeitrag weltweit hinter den USA. Nagel: „Jordanien muss auch künftig eng von der finanziellen Zusammenarbeit begleitet werden, damit die Situation nicht noch fragiler wird.“ Er will in Zukunft verstärkt privates Kapital mobilisieren und auch die Zusammenarbeit mit Frankreich intensivieren.

Nimahat El-Ali mit ihren Kindern im Wohncontainer. Bild-Zoom Foto: Rüdiger Nehmzow
Nimahat El-Ali mit ihren Kindern im Wohncontainer.

Auch in Za’atari arbeiten die Schulen in Doppelschicht: Vormittags sind die Mädchen dran, nachmittags die Jungs. Für den Rest des Tages bietet die UN-Hilfsorganisation Unicef Betreuung an: eine Bibliothek, wo es unter anderem Harry-Potter-Bände gibt, Kurse in Physik oder Lebenshilfe. Die Jordanierin Reem Batarseh (39), studierte Entwicklungshelferin, betreut seit 2012 Kinder im „Makani“-Zentrum („Mein Ort“) – und setzt dabei auf Kunsttherapie: „Anfangs waren die meisten schwer traumatisiert. Wir haben ihnen nur Papier gegeben und sie aufgefordert, ihre Erlebnisse zu zeichnen. Das waren alles ganz furchtbare Bilder.“ Viele seien Zeugen von Krieg oder vom Mord an Verwandten geworden: Nun haben sie Angst vor Lärm – sogar vor Autos, die im Lager fahren.“ Für Kinder funktioniert das Schulsystem im Lager mittlerweile, Probleme gibt es bei Jugendlichen. „Wir verlieren viele mit 13 oder 14 Jahren. Die Jungen werden von den Familien zum Arbeiten geschickt, die Mädchen verheiratet.“

„Leid für uns behalten“

Gemüse verkaufen fliegende Händler von Eselskarren, mitten durchs Lager verläuft aber eine richtige Einkaufsstraße: In vielen Containern liegen Gebrauchtwaren wie Reifen oder Fernseher aus, es gibt jedoch auch eine Dönerbude und sogar einen Brautmodenladen. Denn das Leben geht auch im Lager weiter, jede Woche werden dort im Schnitt 80 Kinder geboren, jeder fünfte Bewohner ist jünger als fünf Jahre.

Nimahat El-Ali ist vor fünf Jahren mit drei Söhnen und zwei Töchtern aus einem Dorf in Grenznähe ins Lager gekommen, die jüngste Tochter wurde hier geboren. „Am Anfang war es schwer. Wir haben das Leid für uns behalten, damit die Kinder diese Last nicht tragen müssen.“ So haben sie ihre Träume behalten: Der älteste Sohn Akram ist Ersatz-Torwart, träumt von einem Stammplatz im Fußball-Team; später will der 15-Jährige studieren; die Schwestern Azza und Sheima möchten Lehrerin oder Ärztin werden. Was sie am meisten vermisst? „Die Heimat.“ Der Mann hatte auf dem Bau Geld verdient, von dem sie sich zwei zusätzliche Container kaufen und einrichten konnten – bis er sich am Knie verletzte und den Job verlor. Jetzt ist er unterwegs auf Arbeitssuche, seine Frau muss sich alleine um die Kinder kümmern.

Der neue KfW-Auslandsvorstand Joachim Nagel (li.) bei der Einweihung der Solaranlage mit Prinzessin Lara Faysal (r.). Fotos (5): KfW Bankengruppe/Rüdiger Nehmzow Bild-Zoom Foto: Rüdiger Nehmzow
Der neue KfW-Auslandsvorstand Joachim Nagel (li.) bei der Einweihung der Solaranlage mit Prinzessin Lara Faysal (r.). Fotos (5): KfW Bankengruppe/Rüdiger Nehmzow

Dabei sind die Flüchtlinge in Lagern wie Za’atari noch relativ gut geschützt. Die meisten sind zu Wucher-Mieten irgendwo im Land untergekommen – doch meist sind die Ersparnisse aus Syrien längst aufgebraucht, viele mussten sich unter Arbeitsbedingungen, die der Sklaverei ähneln, in der Landwirtschaft oder auf dem Bau verdingen. Und eine neue Flüchtlingswelle rollt: In der Aluminiumfabrik hat Mohammed Al-Darweesh bereits einen Kollegen aus dem nächsten Land, in dem ein Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran ausgetragen wird: dem Jemen.

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