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Warten auf intelligente Zähler: Die Digitalisierung beim Strom stockt

Der Stromzähler soll intelligent werden – und die Energiekosten für Verbraucher senken. Doch der Weg dahin ist lang. Denn smarte Messgeräte müssen hohe Sicherheitsstandards erfüllen, auch gegen Angriffe von Kriminellen.
Kunde und Ableser betrachten intelligente Stromzähler der Firma Discovergy. Foto: Andreas Burmann (E3/DC) Kunde und Ableser betrachten intelligente Stromzähler der Firma Discovergy.
Essen/Frankfurt. 

Wäsche waschen, wenn der Strom für die Waschmaschine besonders preiswert ist. Das Elektroauto mitten in der Nacht laden. Oder den Strom der Solaranlage auf dem eigenen Dach zu guten Preisen ins Netz abgeben. Dafür sollen intelligente Stromzähler sorgen, die die vertrauten schwarzen Zähler mit der Drehscheibe ersetzen. Doch die Einführung dieser Tausendsassas der Energiewende ist ins Stocken geraten. Eigentlich sollten bereits 2017 solche „Smart Meter“ bundesweit für größere Einspeiser und Haushalte mit einem Stromverbrauch von mehr als 10 000 Kilowattstunden im Jahr eingeführt werden. Ab einem Jahresverbrauch von 6000 Kilowattstunden ist ein Pflichteinbau von 2020 an vorgesehen.

Von diesem Jahr an sollen die neuen Stromzähler auch aus der Ferne ablesbar und steuerbar miteinander kommunizieren können. Die Energieversorger, aber auch Hunderte junge Start-up-Unternehmen stehen längst in den Startlöchern, um neue digitale Produkte und Services auf den Markt zu werfen, in denen Stromversorgung und Informationstechnik miteinander verzahnt werden: Die „Smart Homes“ genannte intelligente Haustechnik gilt als Milliardenmarkt der Zukunft: Um aber die Licht-, Klima-, Alarm- und Schließanlagen zu vernetzen, braucht es eine digitale Stromsteuerung im Haushalt.

Keine Zulassung

Aber die Zugänge („Gateways“), die den Zähler mit den Netzbetreibern und den Stromlieferanten über das Internet verbinden sollen, sind immer noch nicht zugelassen. Mindestens drei Geräte unterschiedlicher Hersteller müssen zertifiziert sein, damit der stufenweise verpflichtende Einbau der intelligenten Messsysteme beginnen kann. So sieht es das seit Ende 2016 gültige Messstellen-Betriebsgesetz vor. Neun Gateways sind derzeit beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in Zertifizierung, nämlich von Devolo, Discovergy, Dr. Neuhaus, EFR, EMH, Kiwigrid, Landis + Gyr, PPC und Theben. Beteiligt ist neben dem BSI auch eine „unabhängige Prüfstelle“.

Das BSI schweigt, woran die Verzögerung liegt. „Aus Gründen der Vertraulichkeit kann das BSI keine Auskunft zum voraussichtlichen Abschluss der Zertifizierungsverfahren für die Smart Meter Gateways erteilen“, sagt ein Sprecher. Zum Ärger der vielen Energieversorger, die längst Gateways für ihre Kunden geordert haben, weil sie die Zertifizierung bis zum Ende des ersten Quartals oder zumindest des ersten Halbjahres erwartet hatten. Thomas König, Mitglied der Geschäftsführung von Eon Deutschland, bringt es auf den Punkt: „Wir sind schon seit acht Jahren in der Entwicklung von Smart Metern aktiv. Doch mir fällt es zunehmend schwer, meine Mannschaft zu motivieren, wenn wir es nicht schaffen, in Deutschland ein paar Geräte auf den Weg zu bringen.“

Verbraucherschützer warnen

Die Sicherheitsanforderungen an die Zugänge sind hoch. Ohne ausreichenden Schutz könnten Hacker den Stromzähler manipulieren oder das Haus komplett vom Strom nehmen. Auch Erkenntnisse über Alltag, Gewohnheiten und Lebensstandard der Bewohner könnten über unzureichend abgesicherte Schnittstellen abgegriffen werden, warnen Verbraucherschützer.

„Der Zertifizierungsprozess ist komplex und anspruchsvoll. Sowohl das BSI als auch die Hersteller betreten Neuland“, sagt Nikolaus Starzacher vom Gerätehersteller Discovergy. „Das BSI nimmt seine Aufgabe zu Recht sehr ernst und lässt sehr gründlich prüfen.“ Discovergy hat seinen Antrag später als andere Hersteller eingereicht und rechnet mit einer Genehmigung bis Ende des Jahres.

An den digitalen Geräten kann der Kunde ablesen, wie viel Strom er beispielsweise am Vortag, in der vergangenen Woche oder im ganzen Monat verbraucht hat. Noch sei das Ablesen der Werte aber schwierig: Viele Geräte müssten dafür umständlich mit einer Taschenlampe angeblinkt werden, bemängelt Sieverding. Zum Ablesen für die Stromrechnung muss noch ein Mitarbeiter des Stromlieferanten kommen, oder der Kunde gibt die Daten selbst über das Internet ein.

Höhere Kosten

Die höheren Kosten der neuen Zähler, für die im Jahr maximal 20 Euro berechnet werden dürfen, etwa sieben Euro mehr als bisher, ließen sich beim Stromverbrauch mit Hilfe der neuen Geräte vermutlich nicht einsparen, sagt der Energie-Experte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Udo Sieverding. Und wenn der neue Zähler nicht in den Zählerkasten passe, könne es für den Hausbesitzer richtig teuer werden.

Etwa 88 Prozent der Haushalte in Deutschland sollen diese digitalen Zähler erhalten. Der Austausch läuft bereits. Bis aber alle Haushalte neue Messgeräte erhalten haben, wird viel Zeit vergehen. Bis 2032 sollen alle Verbraucher laut Bundesnetzagentur mit modernen Messeinrichtungen ausgestattet sein. Ihr zufolge gab es im vergangenen Jahr rund 7,0 Millionen elektronische und gut 43 Millionen klassische Zähler.

(dpa,pan)

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