E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 26°C

Finanzen: Die Mehrwertsteuer feiert 50. Geburtstag

Abgaben auf das eigene Einkommen kann man kaum übersehen: Doch auch die Mehrwertsteuer läppert sich. Die „unsichtbare“ Steuer ist wirtschaftlich bedeutend – und ziemlich skurril.
Der Standardsatz liegt seit Januar 2007 bei 19 Prozent. Foto: Patrick Seeger (dpa) Der Standardsatz liegt seit Januar 2007 bei 19 Prozent.
Berlin. 

Haben Sie Ihren Christbaum auf einer Weihnachtstannen-Plantage auf dem platten Land erstanden? Das hätten Sie, zumindest steuerlich, günstiger haben können: 10,7 Prozent Mehrwertsteuer fallen hier an, im Baumarkt wären es nur 7 Prozent gewesen und im Wald gar nur 5,5 Prozent. Beim Pendant aus Plastik schlägt der Fiskus 19 Prozent drauf. Bei einem Baum, der steuerfrei 30 Euro kosten würde, macht das einen Aufschlag zwischen 1,65 und – beim Plastikbaum – 5,70 Euro aus. Kurzum: Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Einführung in Westdeutschland machen die Irrungen und Wirrungen der Mehrwertsteuer selbst vor dem Weihnachtsbaum nicht halt. Außer auf Helgoland, denn die Nordsee-Insel ist ebenso wie die deutsche Exklave Büsingen in der Schweiz mehrwertsteuerfreie Zone.

Die neue Systematik

Dass ein solches Gesetzes-Geflecht entstehen würde, hätten sich die Finanzpolitiker Ende der 1960er Jahre nicht träumen lassen. Schließlich sollte die neue Mehrwertsteuer eine Abgabe ersetzen, deren Name bereits auf ein wahres Ungetüm schließen lässt: Die „Allphasen-Brutto-Umsatzsteuer“ fiel bei jedem einzelnen Verkaufsschritt innerhalb der Produktionskette an.

Das begünstigte die Großen und förderte Firmen-Zusammenschlüsse: „Ein Großkonzern, der alle Prozesse bei sich integriert hatte, musste diese Steuer nur einmal bezahlen. Wenn das Produkt hingegen mehrere Betriebe durchlief, musste jeder die Steuer abführen“, erklärt Historiker Marc Buggeln von der Humboldt-Universität in Berlin.

Seit dem 1. Januar 1968 ist das anders. Heute zahlen Unternehmen und Händler einander zwar den Bruttopreis inklusive Mehrwertsteuer, bekommen diese aber größtenteils vom Staat erstattet (Vorsteuerabzug). Nur für die Wertsteigerung etwa durch Weiterverarbeitung muss jedes Unternehmen aufkommen. Zur Kasse gebeten wird am Ende der Verbraucher, an den die Firmen die Kosten weitergeben.

Das trifft vor allem Geringverdiener, weil diese einen höheren Teil ihres Einkommens für Konsum ausgeben. „Wenn man vor allem die Bürger, die untere und mittlere Einkommen beziehen, steuerlich entlasten will, sollte man nicht die Einkommensteuer senken, sondern die Mehrwertsteuer“, folgert Ökonom Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), der mit Niklas Isaak verschiedene Szenarien durchgerechnet hat. Möglich sei dies, obwohl die EU Mindestsätze für die Umsatzsteuer vorgibt – inklusive historisch begründeten Ausnahmeregelungen in einzelnen EU-Staaten.

Anlass zur Kritik bietet das dichte Gestrüpp an Abweichungen vom vollen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent. Rechnungshof-Präsident Kay Scheller kann darüber nur den Kopf schütteln. „Gänseleber, Froschschenkel, Trüffel ohne Essig: 7 Prozent. Trüffel in Essig: 19 Prozent“, zählt er auf. „Das muss man ja mal erklären, und ich könnte es nicht.“ Endlich Zeit für eine Reform, meint er deshalb. Den Finanzpolitikern in Berlin und Brüssel bereiten indes eher die zahlreichen Möglichkeiten zum Betrug Kopfzerbrechen. Ein gängiger Trick: Händler stellen die Mehrwertsteuer zwar in Rechnung, führen sie aber nicht ab. Lieferanten aus Fernost gelingt es im Online-Handel, das Finanzamt zu umgehen. Oder Neuwagen werden als steuerlich günstigere Gebrauchtwagen verkauft.

Klage über höhere Preise

Unruhe löste Deutschlands zweitwichtigste Steuer schon bei der Einführung aus. Verbraucherverbände beklagten „Preistreiberei“. „Manche haben die Preise gesteigert und das mit dem neuen System begründet“, erzählt Buggeln. „Dabei hatte das damit gar nichts zu tun.“ Doch das seien Anfangswehwehchen gewesen.

Zur Startseite Mehr aus Wirtschaft

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen