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Übernahme: Die geheimnisvollen Hasseröder-Käufer

Von Es sorgte sofort für Verwunderung, dass eine Kleinfirma ohne Branchenerfahrung und Kapital zwei Großbrauereien kaufen will. Nun kommt heraus: Inhaber Daniel Deistler hat schon früher mit Investoren zusammengearbeitet, die Anteile an Brauereien erwarben. Vor allem fällt auf: Die Männer ziehen eine Spur von Insolvenzen hinter sich her. Immer wieder steht eine Adresse im Fokus: Die Hans-Thoma-Straße 4 in Kronberg. Doch auch die Staatsanwaltschaft und ein hessischer Ex-Ministerpräsident kommen in dieser Geschichte vor.
Das verblichene Firmenschild der Carl Kliem Corporate Finance, die als Brauerei-Käufer auftritt (unter dem Namenszug „Daniel Deistler“) – zur besseren Lesbarkeit haben wir auf dem Bild den Kontrast erhöht. Fotos (2): Sven-Sebastian Sajak Foto: Sven-Sebastian Sajak Das verblichene Firmenschild der Carl Kliem Corporate Finance, die als Brauerei-Käufer auftritt (unter dem Namenszug „Daniel Deistler“) – zur besseren Lesbarkeit haben wir auf dem Bild den Kontrast erhöht. Fotos (2): Sven-Sebastian Sajak
Kronberg. 

Ein unscheinbares hellbeiges Einfamilienhaus mit Überwachungskamera und angebauter Garage, hinter dem geschlossenen Tor ein schwarzer Porsche, nebenan die örtliche Filiale von „Jacques Weindepot“: Doch am Briefkasten deuten die vielen überklebten und abgerissenen Namensschilder, die Reste von Aufschriften und eine Vielzahl handgeschriebener Ergänzungen darauf hin, dass hier eine ganze Reihe von Firmen ihren Sitz hat oder hatte. Unter anderem residiert am Rand von Kronberg, allerdings per Klebeband unleserlich gemacht, die Carl Kliem Corporate Finance (CKCF). Diese will dem weltgrößten Brauereikonzern Anheuser-Busch Inbev die führende ostdeutsche Pilsmarke, Hasseröder, und den wichtigsten Altbier-Produzenten, Diebels, abkaufen; spekuliert wurde über einen Kaufpreis von rund 200 Millionen Euro.

An der Hans-Thoma-Straße 4 in Kronberg sitzt die Firma, die die Großbrauereien Hasseröder und Diebels kaufen will. Bild-Zoom Foto: Sven-Sebastian Sajak
An der Hans-Thoma-Straße 4 in Kronberg sitzt die Firma, die die Großbrauereien Hasseröder und Diebels kaufen will.

CKCF-Inhaber Deistler bestand im Gespräch mit dieser Zeitung darauf, dass die Firma 100 Prozent der Anteile erwerben möchte; er bestritt, als Partner oder Strohmann weiterer Investoren im Hintergrund zu handeln. Doch hatte das Unternehmen stets nur als Berater agiert und war nie öffentlich als Käufer von Firmen in Erscheinung getreten. Offen blieb auch die Frage, wie eine Kleinfirma ohne Eigenkapital und mit einem Berg von Schulden den Kaufpreis und die notwendigen Investitionen in die Marken aufbringen will.

Da erscheint es doch als merkwürdiger „Zufall“, dass Deistler bereits mit einem Investor zusammengearbeitet hat, der einschlägige Bekanntheit in der Brauereibranche vorweisen kann: Roland Müller war früher Besitzer von Anteilen an den Bierproduzenten Riebeck und Braugold (Erfurt), Meininger Privatbrauerei (Meiningen) und Wartburg Brauerei (Eisenach/Halle Thüringen) – die unter seiner Ägide sämtlich in die Insolvenz schlitterten. Zeitweise trat er auch als Mehrheitseigner der Brauerei-Ikone Wernesgrüner (Sachsen) auf, wo er den Alteigentümern Anteile abgekauft und sich eine heftige Fehde mit der BayernLB geliefert hatte, bevor das Unternehmen schließlich an den Bitburger-Konzern ging. Dass wiederum Müller, Ex-Notar aus Trier, vollständig auf eigene Rechnung unternehmerisch tätig war, erscheint ebenfalls unwahrscheinlich. Nahe liegt, dass er als „zweite Ebene“ agiert, um die wahren Geldgeber im Hintergrund zu tarnen. Die bleiben in aller Regel anonym.

Der Firmensammler

In diesem Fall gab es allerdings eine Ausnahme. Und das kam so: Investoren wollten der niederländischen Heijmans-Gruppe aus Rotterdam das Straßenbauunternehmen Oevermann aus Münster abkaufen und hatten eigens für diese Übernahme bereits Ende 2012 die Zweckgesellschaft „OEVMAC“ gegründet. Doch der Deal platzte in letzter Minute, laut „Wirtschaftswoche“, weil Heijmans die Investoren als „nicht seriös“ einstufte.

Was die Rolle von Daniel Deistler, Inhaber der Carl Kliem Corporate Finance, betrifft, bleiben viele Fragen offen. Bild-Zoom
Was die Rolle von Daniel Deistler, Inhaber der Carl Kliem Corporate Finance, betrifft, bleiben viele Fragen offen.

Die „OEVMAC“ benannten diese daraufhin in „Betam“ um, als sie im nächsten Versuch mehr Erfolg hatten: Der damalige Bilfinger-Berger-Vorstandschef Roland Koch verkaufte ihnen die Straßenbausparte des Konzerns – obwohl sofort Kritik an den branchenfremden Investoren laut geworden war und Koch auf der Bilanzpressekonferenz nicht erklären konnte, welche Geldgeber hinter der unbekannten Betam steckten. „Die haben Know-how, und sie haben das Geld“, wusste Hessens Ex-Ministerpräsident nur.

Um die Transaktion zu retten, meldete sich auch der dritte Käufer neben Müller und dem Ex-Haniel-Manager Werner Wilhelm – und mutmaßlicher Geldgeber im Hintergrund – namentlich: Hans-Dieter Fuchs. Die „Wirtschaftswoche“ bezeichnete den Schweizer wohlwollend als „Firmensammler“, heute soll er in Südafrika leben.

Berater Deistler strukturierte den Deal, fädelte Bankkredite in Millionenhöhe ein – und kassierte auch selbst Honorare in sechsstelliger Höhe. Sowohl „OEVMAC“ als auch Betam GmbH residierten laut Handelsregister, zumindest zeitweise, in der Hans-Thoma-Straße 4 in Kronberg, wo Deistler noch weitere Firmen wie die „saxess Holding“ oder eine Polo-Schule betreibt; die wechselnden Geschäftsführer waren identisch mit den Chefs der Bochumer Betam Infrastructure. In der gingen neben der Straßenbau-Sparte von Bilfinger die Niederlassung des Baukonzerns Eurovia, einer Ex-Tochter des französischen Vinci-Konzerns, in Oebisfelde (Sachsen-Anhalt) und die Tiefbausparte des Ibbenbürener Unternehmens Schäfer auf. Sie warben dann mit dem Slogan „Mit Erfahrung und Know-how in die Zukunft“, doch allzu weit schien es mit „Know-how und Geld“ (Koch) nicht her zu sein: Nicht einmal zwei Jahre später folgte die Pleite, rund ein Dutzend Autobahn-Baustellen standen zeitweise still, 450 Stellen gingen verloren. Die Insolvenzverwalter von der Sozietät Görg – einer der wichtigsten in Deutschland – konnten den Geschäftsbetrieb nicht fortführen und schalteten die Staatsanwaltschaft ein. Koch war seinen Job bei Bilfinger da ebenfalls bereits los.

Staatsanwälte ermitteln

Die Schwerpunktabteilung Wirtschaftsstrafsachen der Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt im Fall Betam wegen Insolvenzverschleppung und Betrugs gegen mehrere ehemalige Verantwortliche von Betam, wie die Sprecherin, Oberstaatsanwältin Cornelia Kötter, bestätigte. Namen nennt sie nicht, mit einem Abschluss des Verfahrens sei frühestens in einigen Monaten zu rechnen. Müller ist übrigens wegen der Insolvenzen, die er in der Brauereiwirtschaft bereits zu verantworten hatte, einschlägig vorbestraft: Das Landgericht Erfurt verurteilte ihn 2014 wegen Insolvenzverschleppung bei seiner Braugold-Brauerei, die 2007 in die Pleite rutschte, zu 140 Tagessätzen à 35 Euro.

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