E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 24°C

Geldpolitik: EZB ebnet den Weg für Zinserhöhungen

Von Geschickter hätte EZB-Präsident Mario Draghi die von Deutschlands Sparern herbeigesehnte geldpolitische Wende kaum einfädeln können: Mit der Ankündigung, die hierzulande umstrittenen Wertpapierkäufe zu beenden, signalisiert er einerseits den Politikern, dass sie in absehbarer Zeit ohne die weitere Unterstützung der Europäischen Zentralbank auskommen müssen. Andererseits beruhigt er die Finanzmärkte mit der erklärten Absicht, die Leitzinsen frühestens im Herbst 2019 anzuheben. „Falken“ und „Tauben“ im EZB-Rat können zufrieden sein.
Die jüngsten Marktturbulenzen in Italien hätten im EZB-Rat keine große Rolle gespielt, erklärte EZB-Präsident in Riga. Denn von ihnen sei keine Ansteckungsgefahr für andere Euro-Länder ausgegangen. Foto: ILMARS ZNOTINS (afp) Die jüngsten Marktturbulenzen in Italien hätten im EZB-Rat keine große Rolle gespielt, erklärte EZB-Präsident in Riga. Denn von ihnen sei keine Ansteckungsgefahr für andere Euro-Länder ausgegangen.
Frankfurt/Riga. 

„Amerika, Du hast es besser als unser Kontinent, das alte“, könnten jetzt die vielen deutschen Sparer in Anlehnung an Goethe aufstöhnen, die sich nach wie vor scheuen, in Aktienmärkte zu investieren: Nachdem die US-Notenbank Fed am Mittwochabend die Leitzinsen um einen Viertelpunkt auf die Spanne von 1,75 bis 2,0 Prozent angehoben hat und noch für dieses Jahr zwei weitere Zinserhöhungen in Aussicht stellt, wird es in den USA bald wieder echte, reale Zinsen geben – heißt: den Sparern auf der anderen Seite des Atlantiks bleibt dann auch nach Abzug der Preissteigerungen noch etwas übrig. Und davon sind die Sparer in der Eurozone – auch nach der gestrigen Beschlüssen der Europäischen Zentralbank (EZB) – noch sehr weit entfernt.

Ultralanger Ausstieg

Zwar hat der 25-köpfige EZB-Rat gestern angekündigt, seine im März 2015 gestarteten Anleihen-Käufe zum Jahresende auslaufen zu lassen – damit hat er die geldpolitischen Grundvoraussetzungen für einen Zinsanstieg in der Währungsunion geschaffen. Aber wie EZB-Präsident Mario Draghi nach der Ratssitzung im lettischen Riga verdeutlichte, wird der Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik ein ultralanger sein. Denn wie Draghi hervorhob, will der Rat die Leitzinsen „mindestens im Sommer 2018 hindurch“ auf ihrem derzeitigen Rekordtief belassen. Zudem bekräftigte der EZB-Präsident frühere Aussagen, wonach die Währungshüter auch nach dem Ende der Wertpapier-Käufe auslaufende Anleihen durch neue ersetzen werden. Das bedeutet, dass die EZB noch für lange Zeit viele Anleihen im Bestand haben wird, somit weniger Papiere im Markt sein werden und folgerichtig die Kurse tendenziell hoch, die Zinsen tendenziell niedrig bleiben.

<span></span> Bild-Zoom

Entsprechend fielen gestern auch die Reaktionen auf den Finanzmärkten aus, wo offenbar viele Investoren darauf gesetzt hatten, dass die Zinsen schon im Sommer 2019 steigen: Die Renditen zweijähriger und zehnjähriger Bundesanleihen gingen leicht zurück – da gibt’s für Sparer unterm Strich also weiterhin nichts zu holen, wie auch bei Tages- und Festgeld. Der Euro gab im Vergleich zum Dollar deutlich nach, was die Wettbewerbschancen deutscher Firmen auf dem Weltmarkt verbessert. Getrieben von der Aussicht auf höhere Exporte und dem Umstand, dass Anleihepapiere auch in Zukunft keine Anlage-Alternative zu Aktien sein werden, gewann der Dax deutlich hinzu.

Panik vermieden

Damit beweisen Draghi & Co. deutlich größeres Kommunikationsgeschick als ihre früheren Kollegen von der Fed: Als vor fünf Jahren deren damaliger Chef Ben Bernanke das Ende der Fed-Anleihen-Käufe ankündigte, gerieten die Märkte in Panik, weltweit wurden massenweise Anleihen, aber auch Aktien verkauft. Ähnliche Turbulenzen hat so mancher Beobachter, der die Abhängigkeit der Märkte vom billigen Geld kritisiert, auch von der EZB-Ankündigung befürchtet.

Stattdessen reagierte gestern auch der Euro wie von der EZB erhofft. Denn ein schwacher Euro stärkt die Konjunktur in der Währungsunion und trägt dazu bei, die Inflationsrate hoch zu treiben, weit weg vom Null-Promille-Bereich, wo Deflation droht – nach den Vorstellungen der Währungshüter „auf ein Niveau von unter, aber nahe zwei Prozent“. Wie alle führenden Notenbanken sieht auch die EZB auf diesem Niveau die Geldwert-Stabilität gewahrt. Diese zu sichern ist die wichtigste Aufgabe der EZB. Deshalb hat die Zentralbank die Zinsen radikal gesenkt und im März 2015 mit den Anleihen-Käufen begonnen.

Inzwischen hat sie im Zuge dieser Shoppingtour gut 2,4 Billionen Euro in die Wirtschaft der Eurozone gepumpt. Laut Draghi mit großem Erfolg: Über die Jahre habe diese „quantitative Lockerung“ die Inflation um 1,9 Prozentpunkte nach oben getrieben. Soll heißen: Ohne die Wertpapier-Käufe hätte der Eurozone lange Zeit eine Deflation gedroht. Im Mai war die Teuerungsrate in der Eurozone unerwartet deutlich von zuvor 1,2 auf 1,9 Prozent gesprungen, in Deutschland sogar von 1,6 auf 2,2 Prozent – dem höchsten Stand seit Februar 2017. Allerdings lag das vor allem am zwischenzeitlich deutlich gestiegenen Ölpreis. Deshalb gehen Experten nicht davon aus, dass die Verbraucherpreise auf diesem hohen Niveau verharren werden.

Hintertür offen gelassen

Gemäß ihrer neuen Prognosen geht die EZB selbst für dieses und das kommende Jahr von einer Euro-Inflationsrate von 1,7 Prozent aus – zuvor hatte sie mit 1,4 Prozent gerechnet. Inzwischen seien die Fortschritte in Richtung ihres Inflationsziels „substanziell“, hieß es gestern. Deshalb gehe der Rat davon aus, die Wertpapier-Käufe Ende des Jahres auslaufen zu lassen – auch wenn die geopolitischen Risiken wieder gewachsen seien, wie Draghi mit Blick auf den Handelsstreit zwischen den USA und der EU sagte. Bislang sollten die Käufe bis mindestens September fortgesetzt werden. Nun will die EZB die Anleihen-Käufe ab Oktober zunächst abschmelzen. Derzeit pumpt die Notenbank pro Monat 30 Milliarden Euro in den Markt. Dabei soll es bis einschließlich September bleiben. Sollte sich die Inflation weiterhin wie zuletzt entwickeln, will die Notenbank dann von Oktober bis einschließlich Dezember monatlich noch 15 Milliarden Euro in Wertpapiere stecken. Damit hätte sie dann Wertpapiere von insgesamt 2,6 Billionen Euro in ihren Bestand genommen.

Für den Fall, dass die Konjunktur- und Inflationsdaten schlechter ausfallen sollten als angenommen, lässt sich die Notenbank jedoch eine Hintertür offen: Draghi verdeutlichte, dass es sich bei den Bekanntgaben um Absichtserklärungen, nicht um verbindliche Beschlüsse handele. „Der EZB-Rat ist in jedem Fall bereit, alle seine Instrumente angemessen anzupassen, um sicherzustellen, dass sich die Inflation weiterhin nachhaltig in Richtung des Inflationsziels des Rats bewegt“, sagte der Präsident. Dabei machte er klar, dass die Anleihen-Käufe über 2018 hinaus fortsetzt werden und die Leitzinsen auch nach dem Sommer 2019 unangetastet bleiben könnten. „Wir bleiben in mehrfacher Hinsicht flexibel“, unterstrich Draghi.

Damit stellen die Entscheidungen quasi einen salomonischen Kompromiss dar zwischen den gegnerischen Lagern im EZB-Rat: den Anhängern eines härteren Kurses, den sogenannten Falken um Bundesbank-Chef Jens Weidmann – und den Befürwortern der lockeren Geldpolitik, den sogenannten Tauben, die vor allem die wirtschaftlich schwächeren, hochverschuldeten Euro-Mitgliedsländer vertreten. Draghi: „Alle Entscheidungen sind einstimmig gefallen.“

Zur Startseite Mehr aus Wirtschaft

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen