Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 19°C
2 Kommentare

Automobilindustrie: Eine Chance für den Diesel

Von Natürlich, die allgemeine Verunsicherung in der Diesel-Gemeinde ist groß. Wird es tatsächlich Fahrverbote geben? Sollte man beim nächsten Autokauf wirklich noch einen Diesel in Erwägung ziehen? Hat der Diesel überhaupt noch eine Zukunft?
Foto: Julian Stratenschulte Foto: Julian Stratenschulte

Keine Frage, der VW-Abgasskandal hat den Ruf des Dieselmotors massiv beschädigt, wenn nicht gar schon völlig ruiniert. Denn wie so oft bei automobilen Themen, die mehr oder weniger fast jeden Bundesbürger betreffen, werden Diskussionen an Stammtischen ebenso wie in der Öffentlichkeit hochemotional geführt. Was einen nüchternen sachlichen Blick auf die Thematik meist vernebelt.

Eigentlich müsste die Dieselproblematik nämlich völlig losgelöst von den volkswagnerischen Software-Manipulationen betrachtet werden. Denn das, was vielfach verharmlosend als Schummelei verniedlicht wird, ist nichts anderes als kriminelles Verhalten und groß angelegter Betrug an Millionen von Autofahrern gewesen, der auch angemessen und schonungslos sanktioniert werden muss.

Dennoch muss wegen des Fehlverhaltens rücksichtsloser Automanager nicht gleich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden. Gewiss hat der Skandal, der vor fast zwei Jahren losgetreten wurde, den Sinn für die Schwächen des Dieselmotors, speziell in Form der Stickoxid-Emissionen (NOx), geschärft. Doch wieso sollte es nicht in puncto Abgasreinigung akzeptable Lösungen für einen wirklich sauberen Diesel geben, die ihn als verbrauchsgünstige Antriebsart auch weiterhin geeignet erscheinen lassen? Legale Lösungen, versteht sich.

Schließlich hat der Verbrennungsmotor, der nach dem 1893 von Rudolf Diesel erfundenen Verfahren arbeitet, unbestreitbare Vorzüge. Das Triebwerk, dessen charakteristisches Merkmal die Selbstzündung des eingespritzten Kraftstoffes ist und das demzufolge im Gegensatz zum Benziner ohne externe Hilfen wie Zündkerzen auskommt, besitzt einen höheren Wirkungsgrad als die Ottomotoren und verbraucht etwa 15 bis 20 Prozent weniger Sprit als ein in der Leistung vergleichbarer Benziner.

Typisches „Nageln“

Das robuste Aggregat wurden früher hauptsächlich in Nutzfahrzeugen, Landmaschine und Schiffen eingesetzt. Erste erwähnenswerte Serieneinsätze im Pkw hatte der Selbstzünder in den 50er Jahren, Peugeot stellte 1968 mit dem 204 den ersten Kleinwagen mit Dieselmotor vor und der erste Diesel-Golf war 1976 ein markanter Meilenstein auf dem Weg zu einer Demokratisierung der selbstzündenden Antriebsart, die besonders auch von Vielfahrern wie in der Taxibranche geschätzt wird.

Die Selbstzündung des Kraftstoffs im Brennraum mittels der angesaugten Verbrennungsluft, die durch sehr hohe Verdichtung erhitzt wird, verursachte früher aber auch das typische „Nageln“, das den Geräuschkomfort eines Personenwagens freilich beeinträchtigte. Das veränderte sich aber mehr und mehr mit der Einführung von Turboladern und Ladeluftkühler sowie der Common-Rail-Technik bei der Direkteinspritzung. Dabei handelt es sich um ausgeklügelte Einspritzverfahren mit einer leistungsfähigen Motorsteuerungselektronik, die mit hohen Einspritzdrücken, feiner zerstäubtem Dieselkraftstoff und Mehrfach-Einspritzungen arbeiten.

Zu nennen sind hier der Fiat Croma, der 1987 als erster Turbodiesel-Direkteinspritzer auf den Markt kam, und vor allem der Audi 100 TDI, mit dem zwei Jahre später die leiser, leistungsstärker und noch sparsamer gewordenen Diesel-Pkw ihren Durchbruch hatten. Die modernen Diesel wurden nicht nur komfortabler, sie taugten plötzlich auch als erfolgreiche Sportgeräte. Audi gelang mit einem R10 TDI 2006 beim 12-Stunden-Rennen in Sebring nicht nur weltweit der erste Triumph eines Diesel-Rennwagens über alle anderen Motorkonzepte, die Ingolstädter gewannen mit dem superschnellen Selbstzünder auch den Motorsport-Klassiker „24 Stunden von Le Mans“.

Diese rasante Entwicklung spiegelt sich auch in den deutschen Zulassungszahlen wider. Während 1998 der Anteil der Diesel-Fahrzeuge gerade einmal 17,6 Prozent betrug, steigerte er sich bis zum Beginn des VW-Abgasskandals auf 48,0 Prozent. Nahezu jedes zweite verkaufte Auto hierzulande wurde als Selbstzünder ausgeliefert. Ohne den Diesel wäre der Siegeszug der Sport Utility Vehicle (SUV) kaum vorstellbar. Mit Benzinmotoren noch als Schluckspechte angeprangert, eigneten sich selbst Dickschiffe wie Porsche Cayenne oder Audi A7 manierliche Trinksitten an, begnügten sich auch im realen Verkehrsalltag mit weniger als zehn Litern Dieselöl auf 100 Kilometern. Mittlerweile sind die SUVs kleiner und noch sparsamer geworden. Und nur bei den Ausgaben im Kleinformat wie etwa bei Opel Crossland X und Co. gewinnt der Benziner mehr und mehr an Bedeutung.

Rußfilter gegen Partikel

Denn die immer strengeren Abgasvorschriften, die im Laufe der Jahre griffen, führten natürlich auch zu immer aufwendigeren Reinigungssystemen. Den Rußpartikeln wurde man mit einem Rußfilter Herr, wie ihn Mercedes 1985 erstmals in einer S-Klasse einsetzte und Peugeot als erster Hersteller serienmäßig für seine gesamte Modellpalette einbaute, so dass Feinstaub heute eher ein Problem von direkteinspritzenden Benzinmotoren darstellte.

Und da das Klimagas CO2 (Kohlendioxid) direkt vom Kraftstoffverbrauch abhängig ist, sieht bei einem bis zu 20 Prozent günstigeren Konsum entsprechend auch in diesem Bereich die Emissionsbilanz besser aus als beim Benziner. Ja, mit den aktuell stark rückläufigen Diesel-Zulassungen ist sogar schon jetzt ein leichter Anstieg der CO2-Emissionen feststellbar. Wenn sich der Trend verstärkt, dürften die bundesweiten Vorgaben für eine CO2-Reduzierung bis 2020 kaum erreicht werden.

Diesel-Absatz im freien Fall

Deutschlands Verbraucher sind verunsichert und verlieren den Spaß am Diesel. Der Absatz von Neuwagen mit Dieselmotor ist im Juli in den freien Fall übergegangen.

clearing

Große Probleme bereiten den Diesel-Fahrzeugen lediglich die Stickoxide, deren Grenzwert für die Euro-6-Typzulassung 2015 ja auf 80 Milligramm pro Kilometer verschärft wurde und – wie wir mittlerweile wissen – von vielen Personenwagen mit Dieselmotor im realen Verkehr um ein Vielfaches übertroffen wird. Das darf natürlich nicht sein. Schließlich gibt mit der SCR-Technik (Selective catalytic reduction) eine wirksame Methode zur Vermeidung von NOx-Abgasen. Mit Hilfe von Ammoniak (NH3) werden die Stickoxide chemisch zu harmlosem Stickstoff und Wasser reduziert. Gewonnen wird das Ammoniak aus einer Harnstofflösung, AdBlue genannt, die in einem entsprechenden Zusatztank mitgeführt werden muss und mengenmäßig etwa zwei bis acht Prozent des eingesetzten Dieselkraftstoffs ausmacht.

Regeln kontrollieren

Natürlich wird sich das im Preisgefüge des Diesel-Fahrzeugs niederschlagen. Aber dann ist das halt so. Im Klein- und Kompaktwagen-Segment wird das Preis-Leistungs-Verhältnis damit möglicherweise nicht mehr stimmen. Für Vielfahrer und Besitzer größerer Fahrzeuge bleibt ein sauberer Euro-6-Diesel aber immer noch lohnenswert. Es muss nur endlich Klarheit herrschen in puncto Fahrverbote, Umweltplaketten oder sonstigen Emissionsvorgaben, die nicht nur erfüllt, sondern auch regelmäßig kontrolliert werden. Dann hat der Diesel sehr wohl noch eine Zukunft. Zumindest als bewährte Antriebstechnik für eine Übergangszeit bis hin zum Elektro-Zeitalter.

Dieselmotoren sind sparsamer als Benziner. Das liegt unter anderem daran, dass der Kraftstoff über eine höhere Energiedichte verfügt. Foto: Patrick Pleul/dpa
Diesel Kommentar: Gipfel der Mutlosigkeit

„Es kreißen die Berge, zur Welt kommt nur ein lächerliches Mäuschen.“ Mit diesen Worten wollte der römische Dichter Horaz diejenigen kritisieren, die nur wenig von dem halten, was sie großspurig versprochen haben.

clearing
Zur Startseite Mehr aus Wirtschaft

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse