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Deutschland wirbt weltweit um qualifiziertes Personal: Fachkräfte für den Arbeitsmarkt

Von Fachkräfte aus dem Ausland sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt willkommen. Doch ins Land drängen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Migranten aus Südosteuropa, die meist keine abgeschlossene Ausbildung haben.
Mehr als 180 000 Anrufe registrierte die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) 2016 in ihrem „Virtuellen Welcome Center“, der  zentralen Anlaufstelle für ausländische Fachkräfte, Ausbildungs- und Studienplatzsuchende unter anderem aus Großbritannien. Mehr als 180 000 Anrufe registrierte die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) 2016 in ihrem „Virtuellen Welcome Center“, der zentralen Anlaufstelle für ausländische Fachkräfte, Ausbildungs- und Studienplatzsuchende unter anderem aus Großbritannien.
Frankfurt. 

Zuwanderung und Arbeitsmarkt: Diese beiden Themen werden häufig in einem Satz angesprochen – und mehr oder weniger kritisch verknüpft. Die Statistik ergibt freilich ein anderes Bild: Zwar sind in den vergangenen Jahren in Deutschland fast 700 000 sozialversicherungspflichtige Stellen in Deutschland neu entstanden, und davon wurden nach Angaben von Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA), rund 40 Prozent von Ausländern – meist aus anderen EU-Staaten – besetzt. Doch bei den Ausländern aus Drittstaaten, die im vergangenen Jahr ins Land kamen, war gerade mal bei 6,2 Prozent (Stand erstes Halbjahr) die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit das Motiv. Im Jahr zuvor, in das der Höhepunkt der Flüchtlingswelle fiel, traf das sogar nur auf 3,4 Prozent zu; weit wichtiger waren humanitäre Gründe (wie Flucht vor Bürgerkrieg), Familiennachzug oder ein Studium.

Raimund Becker Bild-Zoom Foto: Chandra Moennsad
Raimund Becker

Zunächst zu den Zahlen: 1,24 Millionen Menschen ohne deutschen Pass kamen 2016 ins Land: 313 000 stammten aus den wichtigsten acht nicht-europäischen Asylländern, 667 000 aus anderen EU-Staaten (davon 37 Prozent allein aus Bulgarien und Rumänien) – beide Gruppen mit stark abnehmender Tendenz. Weitere 95 000 Personen kamen aus dem Rest der Welt, 165 000 aus dem übrigen Europa (etwa aus der Schweiz oder vom Westbalkan).

Zwischen 2006 und 2016 hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig in Deutschland beschäftigten EU-Ausländer auf 18 Millionen mehr als verdoppelt. Im südeuropäischen EU-Ausland schwinde jedoch mit der dortigen wirtschaftlichen Erholung bzw. der stärkeren Hoffnung darauf das Interesse junger Spanier oder Portugiesen an Ausbildung oder Job in Deutschland, berichtet Kea Decker, Geschäftsführerin der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV/Bonn) der BA.

Diese Stelle koordiniert Beratung und Anwerbung ausländischer Fachkräfte, muss aber laut Decker feststellen: „Unsere Partner in manchen EU-Ländern werden inzwischen zurückhaltender bei der Vermittlung.“ Polen beispielsweise möchte lieber um Rückkehrer aus Deutschland oder – im Zuge des Brexit – aus Großbritannien werben.

Decker und ihre Kollegen haben daher längst begonnen, in Drittstaaten wie Mexiko oder den Philippinen nach Fachkräften im Pflegebereich oder in Südkorea nach IT-Experten zu suchen. Dürfen diese überhaupt kommen? „Wir haben in Deutschland eigentlich eines der liberalsten Systeme weltweit“, sagt Decker, „es versteht nur kaum jemand.“

Vier (bald fünf) Büros, die gemeinsam mit der Entwicklungshilfeorganisation GIZ betrieben und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert werden, sollen zudem in Serbien, dem Kosovo, Albanien und Tunesien (sowie bald in Marokko) Helfer beraten. Den Zustrom von – so gut wie chancenlosen – Asylbewerbern aus den Westbalkan-Staaten (Kosovo, Albanien oder Serbien) versucht die Bundesregierung auf diese Weise einzudämmen, indem auch für Nicht-Fachkräfte ein legaler Weg auf den deutschen Arbeitsmarkt eröffnet wurde. Der Zuspruch ist enorm: Mit einer Wartezeit von neun Monaten muss rechnen, wer sich online an der deutschen Botschaft in der Kosovo-Hauptstadt Pristina lediglich um einen Termin bemüht.

Jung, männlich, Helfer

Bessere Chancen, in Deutschland bleiben zu dürfen, haben Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Eritrea oder dem Irak. Drei Fünftel dieser Gruppe sind jünger als 35 Jahre, nicht einmal ein Drittel Frauen, nur 18 Prozent Fachkräfte oder Spezialisten. Als wichtigste „Zielberufe“ hat die BA die Sparten Reinigung, Lager/Logistik und Küche ermittelt. „Die Menschen wollen schnell arbeiten und Geld verdienen, den Qualifizierungsbedarf sehen sie gar nicht – auch gegen unseren Rat“, sagt Daniel Terzenbach, Beauftragter des BA-Vorstands für das Thema Flüchtlingsmanagement. Das Risiko für ungelernte „Helfer“, später arbeitslos zu werden, ist deutlich höher als nach einer formellen Ausbildung. In der Realität landen die Flüchtlinge, die bisher Arbeit gefunden haben, meist in der Zeitarbeit. Daneben spielen noch Gastgewerbe und Kfz-Handel als Arbeitsplätze eine Rolle – meist in Betrieben, die ebenfalls von Migranten geführt werden.

Sprachförderung vernünftig

Weiterhin ein Problem gibt es mit Flüchtlingen, die nicht als Asylberechtigte anerkannt werden und nur aufgrund einer Duldung im Land bleiben dürfen. Das betrifft zum Beispiel mittlerweile mehr als die Hälfte der nach Deutschland gekommenen Afghanen. Diese sind dann von Sprach- oder Integrationskursen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ausgeschlossen – obwohl sie möglicherweise dauerhaft in Deutschland bleiben werden.

„Zumindest Sprachförderung für diese Menschen wäre vernünftig“, forderte BA-Vorstandschef Detlef Scheele im Interview mit dieser Zeitung.

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