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Ausrichtung auf Elektromobilität: Fitnessprogramm für VW

Ein Zukunftspakt bei Volkswagen soll helfen, die Kernmarke VW zu sanieren. Bis zu 30 000 Stellen fallen weg, davon bis zu 23 000 in Deutschland. Einige Bereiche werden aber auch aufgestockt.
Sie erklärten gestern in Wolfsburg den Zukunftspakt (v.l.): Arbeitsdirektor Karlheinz Blessing, Markenchef Herbert Diess, Konzernchef Matthias Müller, Betriebsratsvorsitzender Bernd Osterloh der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil als Mitglied des Aufsichtsrates. Foto: RONNY HARTMANN (AFP) Sie erklärten gestern in Wolfsburg den Zukunftspakt (v.l.): Arbeitsdirektor Karlheinz Blessing, Markenchef Herbert Diess, Konzernchef Matthias Müller, Betriebsratsvorsitzender Bernd Osterloh der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil als Mitglied des Aufsichtsrates.
Wolfsburg. 

Volkswagen will mit dem größten Stellenabbau seit zehn Jahren zurück in die Zukunft. Der Wolfsburger Autobauer kündigte am Freitag den Abbau von weltweit bis zu 30 000 Stellen bei seiner renditeschwachen Hauptmarke VW an. Allein an den deutschen VW-Standorten sollen 23 000 Mitarbeiter in den nächsten Jahren gehen – knapp ein Fünftel der Beschäftigten. Das will Volkswagen vor allem durch freiwilliges Ausscheiden älterer Mitarbeiter schaffen, Kündigungen soll es keine geben. Zugleich sollen 9000 neue Jobs in der Elektromobilität entstehen, die in den nächsten Jahren massiv ausgebaut wird. „Volkswagen muss schnell wieder Geld verdienen und sich für den kommenden Sturm wappnen“, sagte Markenchef Herbert Diess.

Das nordhessische VW-Werk in Baunatal könnte mittelfristig ein Gewinner der neuen Ausrichtung sein. Bild-Zoom
Das nordhessische VW-Werk in Baunatal könnte mittelfristig ein Gewinner der neuen Ausrichtung sein.

Betriebsratschef Bernd Osterloh hob hervor, dass die Arbeitnehmerseite den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis Ende 2025 erreicht habe. „Das sind neun Jahre ohne Angst um den Arbeitsplatz.“ Die Wolfsburger wollen sich mit dem Zukunftspakt, über den Management und Betriebsrat monatelang gerungen hatten, fitmachen für die tiefgreifenden Veränderungen, vor denen die gesamte Autobranche steht: „Wir müssen Milliardenbeträge in neue Autos und Dienste investieren, neue Wettbewerber werden uns angreifen – der Wandel wird sicher radikaler als alles, was wir bislang erlebt haben“, sagte Diess.

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VW: Werksclub als Vorbild

Der hausgemachte Abgas-Skandal hat die Kernmarke im Volkswagen-Konzern tief ins Mark getroffen. Die Absatzzahlen in den USA brachen ein, in Europa kam VW dank der Loyalität vor allem der deutschen Kunden mit einem blauen Auge davon – auch wegen großzügiger Rabatte im Handel.

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Nicht gewappnet

Die Verdrängung des Verbrennungsmotors durch Elektroantriebe werde alle Hersteller treffen und alle wichtigen Unternehmen in den kommenden Jahren grundlegend verändern. „Bis heute war Volkswagen dafür nicht gewappnet.“ Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil bedauerte den Arbeitsplatzabbau. Dieser sei jedoch nötig. Um seine Zukunft zu sichern, müsse Volkswagen wettbewerbsfähiger und wirtschaftlicher werden, sagte der SPD-Politiker.

An der Börse hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Die VW-Aktie verlor leicht. „Das ist nicht der ganz große Wurf, aber man packt es an“, sagte Marc-Rene Tonn vom Bankhaus M.M. Warburg. Er verwies auf die traditionell starke Stellung des Betriebsrats und des Landes Niedersachsen, das mit 20 Prozent zweitgrößter Aktionär ist. Dies mache bei VW kompliziertere Lösungen als bei anderen Unternehmen nötig. Arndt Ellinghorst vom Investmentberater Evercore ISI kritisierte das operative Renditeziel von vier Prozent bis 2020 als wenig ambitioniert.

Den an VW beteiligten Hedgefonds TCI konnte VW jedoch von seinem Spar- und Investitionsplan überzeugen. Solange es sich bei der geplanten Kostensenkung von 3,7 Milliarden Euro um eine Nettozahl handele und VW nicht an anderer Stelle mehr ausgebe, sei der Plan positiv zu bewerten, sagte TCI-Vertreter Ben Walker. Der „Zukunftspakt“ unterstreiche außerdem die Durchsetzungsfähigkeit von VW-Markenchef Diess.

Frank Schwope, Analyst von der NordLB, zollte VW Respekt für den größten Umbau in seiner Unternehmensgeschichte.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer meinte, VW habe eine wichtige Wende eingeleitet. Mit Blick den Zukunftspakt betonte der Professor der Universität Duisburg-Essen: „Fünf Jahre früher wäre sicher besser gewesen, der Konzern war lange blockiert.“ Für die nächsten fünf Jahre sollen bei dem Konzern nun in Werke und Anlagen, vor allem aber in die Zukunftsthemen Elektromobilität und Digitalisierung Milliarden investiert werden.

3,7 Milliarden einsparen

Die renditeschwache Hauptmarke des Volkswagen-Konzerns unterzieht sich auch unter dem Druck des Dieselskandals und milliardenhoher Investitionen einer Rosskur. Das Flagschiff beschäftigt weltweit an rund 30 Standorten derzeit 215 000 Mitarbeiter, davon rund 130 000 in Deutschland. Mit dem Zukunftspakt sollen die jährlichen operativen Kosten bis 2020 um 3,7 Milliarden Euro sinken. Davon sollten drei Milliarden Euro an den deutschen Standorten und 700 Millionen Euro im Ausland eingespart werden.

Die Produktivität der deutschen Werke soll zugleich um 25 Prozent steigen. Die Vereinbarung sieht zudem Investitionen von 3,5 Milliarden Euro für die kommenden Jahre vor. Allerdings hat VW sein Investitionsbudget damit erneut zurückgenommen. Schon kurz nach Ausbruch der Abgas-Affäre waren die Investitionen um eine Milliarde gekappt worden. Unter dem Druck des Dieselskandals will Volkswagen bis Mitte des nächsten Jahrzehnts den Absatz von neuen Elektroautos rasch hochfahren.

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