E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 21°C

Unabhängiger Kopf: Führt der Weg von Merkels Ex-Berater über die Bundesbank an die EZB-Spitze?

Verbindlich im Ton, aber hart in der Sache: Seit fast sieben Jahren steht Jens Weidmann an der Spitze der Deutschen Bundesbank und für einen klaren Kurs in der Geldpolitik. Er gilt als Favorit auf die Nachfolge von EZB-Präsident Draghi im Jahr 2019.
Bundesbank-Chef Jens Weidmann könnte Mario Draghi als EZB-Präsident beerben. Foto: Fabian Sommer (dpa) Bundesbank-Chef Jens Weidmann könnte Mario Draghi als EZB-Präsident beerben.
Frankfurt. 

Gespräche in nüchterner Arbeitsatmosphäre statt Geburtstagsfest: Viel Zeit zum Feiern dürfte Jens Weidmann zu seinem 50. an diesem Freitag nicht haben. Wie im Vorjahr wird der Ökonom auf der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington mit Kollegen über Geldpolitik und den Zustand der Weltwirtschaft diskutieren.

Im Alter von 43 Jahren übernahm Weidmann als damals jüngster Bundesbank-Präsident im Mai 2011 den Posten in Frankfurt von Axel Weber, der im Streit über die Anti-Krisenpolitik der EZB hingeworfen hatte. In der Sache ist Weidmann von seinem Vorgänger nicht weit entfernt, im Ton aber verbindlich. Statt auf harsche Kritik setzt der promovierte Volkswirt auf feine Ironie.

„Wenn bei uns im Fernsehen amerikanische Erfolgsserien laufen, müssen die Amerikaner dann zum Ausgleich jeden Sonntag „Tatort“ schauen?“, konterte er unlängst die Forderung von US-Präsident Donald Trump nach ausgeglichenem Außenhandel zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland.

Dass Weidmann von den Anleihenkäufen der EZB als Mittel der Geldpolitik wenig hält, daraus hat der gebürtige Solinger mit dem blonden Seitenscheitel allerdings nie einen Hehl gemacht. So warnte er im Sommer 2012: „Wir sollten die Gefahr nicht unterschätzen, dass Notenbankfinanzierung süchtig machen kann wie eine Droge.“

Durchsetzen kann sich der jungenhaft wirkende Bundesbank-Präsident mit seiner Haltung allerdings oft nicht. Denn im obersten Entscheidungsgremium der Notenbank – dem EZB-Rat – haben die Anhänger einer eher lockeren Geldpolitik die Mehrheit.

Brillanter Intellekt

Trotz seiner Kritik an der Geldschwemme: Gegen Angriffe deutscher Politiker, die eine Kursänderung fordern, nimmt Weidmann EZB-Präsident Draghi und die Zentralbank immer wieder in Schutz und pocht auf die Unabhängigkeit der europäischen Währungshüter. Jüngst erklärte er wiederholt, warum eine lockere Geldpolitik noch angemessen sei. Unabhängigkeit stellt Weidmann auch gegenüber Berlin unter Beweis. Regelmäßig mahnt der ehemalige Wirtschaftsberater Haushaltsdisziplin in Deutschland an.

Weidmann, der mit seiner Familie im Rheingau lebt, gilt als stressresistent und uneitel. Lange wirkte der parteilose Volkswirt im Hintergrund. Er lotste die Kanzlerin durch die Finanzkrise, schnürte Rettungspakete für Banken und Unternehmen. „Jeder, der Jens Weidmann kennt, weiß, dass er über höchste Sachkompetenz verfügt, dass er einen brillanten Intellekt hat, dass er ein unabhängiger Kopf ist“, lobte Merkel ihren scheidenden Wirtschaftsberater 2011.

Viel Zeit zum Einarbeiten brauchte der Vater von zwei Kindern bei seinem Wechsel von der Spree an den Main nicht. In der Mammutbehörde in ihrem Betonbau im Nordwesten Frankfurts kannte er sich bereits aus – zeitweise war er dort Abteilungsleiter für Geldpolitik und monetäre Analyse gewesen.

Ein Bollwerk

Zwar hat die Bundesbank ihre Geldwert-Macht längst an die EZB abgegeben, doch im Gedächtnis vieler Bürger ist sie als Anti-Inflations-Bollwerk der D-Mark-Zeit tief verankert. Für Weidmann ist klar: „Auch heute sieht die Bundesbank ihre zentrale Aufgabe darin, sich für Geldwertstabilität einzusetzen. Aus der Alleinverantwortung für die D-Mark ist nun eine Mitverantwortung für den Euro geworden“, sagte er unlängst.

Nicht auszuschließen, dass Weidmann bei der IWF-Frühjahrstagung in zwei Jahren in anderer Funktion auftritt. Der Bundesbank-Chef gilt als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge von Mario Draghi an der EZB-Spitze im Herbst 2019. Weidmann selbst hält sich bei dem Thema bedeckt: Er sei Zentralbanker, kein Politiker, antwortete er im November der französischen Zeitung „Les Echos“ auf die Frage, ob er sich im Rennen um Draghis Nachfolge befinde. Im Übrigen führe die „Debatte über die Nationalität des EZB-Präsidenten (...) nirgendwohin“, sagte Weidmann.

Zur Startseite Mehr aus Wirtschaft

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen