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Finanzstabilität: Hauspreise steigen überall

Von Die Bundesbank warnt seit Langem vor Gefahren durch die Niedrigzinsen der EZB. Doch je länger diese anhielten, desto mehr nehmen laut Einschätzung der deutschen Zentralbank die Risiken zu.
<span></span> Bilder > Foto: Andreas Arnold (dpa)
Frankfurt. 

Die Konjunktur in Deutschland boomt, das treibt auch Aktienkurse und Immobilienmärkte. Dennoch will die Bundesbank keine Entwarnung geben. „Je länger Boomphasen dauern, desto größer ist die Neigung, diese in die Zukunft fortzuschreiben. Wenn wir nur den Blick in den Rückspiegel werfen, kann es sein, dass wir Gefahren, die vor uns liegen, übersehen“, mahnt Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch. Die Anfälligkeit für unerwartete Entwicklungen steige.

Welche Risiken sieht die Bundesbank?

Abrupt steigende Zinsen an den internationalen Finanzmärkten könnten die Banken empfindlich treffen, wie Buch hervorhebt. Rund 60 Prozent der Einlagen (von Nichtbanken) sind mittlerweile täglich fällig, vor zehn Jahren waren es erst 36 Prozent. Diese Einlagen könnten im Falle attraktiver Angebote also quasi von heute auf morgen abfließen. Das würde die Refinanzierung der Banken deutlich verteuern. Dagegen wurden die Laufzeiten und Zinsbindungsfristen der Kredite in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet; inzwischen haben 44 Prozent der Wohnungsbau-Kredite eine Zinsbindungsdauer von über zehn Jahren. Zudem halten die Banken viele Anleihen, deren Kurswerte durch den Zinsrückgang stark gestiegen sind; ein starker Zinsanstieg würde im Gegenzug zu hohen Bewertungsverlusten führen.

Könnte es nicht auch anders kommen?

Sollten die Zinsen länger als erwartet sehr niedrig bleiben, sieht Buch das als Risikoszenario. Zum Beispiel, weil sich die realwirtschaftliche Lage wegen geopolitischer Risiken ungünstiger entwickelt als erwartet. Dann müssten die Banken ihre „Suche nach Rendite“ verstärken, warnt Buch, und höhere Risiken eingehen – die sich im Falle einer steigenden Zahl von Insolvenzen rächen würden. Lebensversicherern fiele es zunehmend schwer, ihre Verpflichtungen aus teils hohen Garantiezinsen zu erfüllen.

Was wären die Folgen?

Im Markt drohen Ansteckungseffekte, wenn die Marktteilnehmer eng miteinander verbunden sind oder wenn sich deren Anlagestrategien stark ähneln. Vergleichsweise kleine Schocks könnten dann Auswirkungen auf das gesamte Finanzsystem haben, hebt die Bundesbank-Vizepräsidentin hervor. In ihrer Niedrigzinsumfrage hat die Bundesbank einen Zinsanstieg um zwei Prozentpunkte (also etwa auf den Wert der aktuellen Inflationsrate) simuliert. Ergebnis: Bei kleineren und mittelgroßen Banken und Sparkassen würde im ersten Jahr der Gewinn vor Steuern um rund 55 Prozent einbrechen, bevor er sich in den Folgejahren erholt.

Wie bereiten sich Banken vor?

Sie haben ihr Eigenkapital deutlich aufgestockt, um Vorsorgepuffer für Verluste zu bilden. 2008, also zu Beginn der Finanzkrise, konnten die deutschen Banken und Sparkassen erst eine durchschnittliche Kernkapitalquote (also das Verhältnis zwischen Eigenkapital und risikogewichteten Anlagen) von 9 Prozent vorweisen, Mitte dieses Jahres lag sie bei 16,6 Prozent. Allerdings bleibe die Ertragskraft deutscher Institute unverändert niedrig, warnt Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret. „Gerade die Auswirkungen der Niedrigzinsen treffen den deutschen Bankensektor besonders hart.“ Denn die Geschäftsmodelle seien häufig auf Zinseinnahmen ausgerichtet.

Warum warnt die Bundesbank vor Überbewertungen am Immobilienmarkt?

Platzt eine Immobilienblase, kann das die Finanzstabilität bedrohen. Die Bundesbank weist darauf hin, dass die Preise für Wohnimmobilien mit zuletzt 6,1 Prozent deutlich stärker steigen als das allgemeine Preisniveau. Teilweise sei das durch die gute wirtschaftliche Lage, die steigenden Einkommen und die (auch vom Niedrigzins getriebene) hohe Nachfrage zu erklären. Aber bis zu 30 Prozent des Preisanstiegs in Städten (Stand 2016) könnten nicht durch Fundamentalfaktoren erklärt werden; 2015 waren es erst bis zu 20 Prozent. Und mittlerweile verbreite sich der Preisanstieg auch in der Fläche, so Buch – also nicht nur in Metropolen wie München, Berlin oder Frankfurt, sondern auch auf dem Land.

Immerhin wachsen die Kredite für Wohnimmobilien nur moderat, auch deutet nichts auf gelockerte Vergabestandards hin. Ein deutlicher Rückgang der Preise würde also „nur“ die Eigentümer treffen, die Banken hingegen eher nicht.

Der Bitcoin-Kurs hat die Marke von 10 000 Dollar geknackt. Könnte das zu einem Börsencrash führen?

Es gebe in Deutschland keinerlei Anzeichen, dass die Spekulation mit Krypto-Währungen wie Bitcoins kreditfinanziert sei, sagte Buch. Erst wenn dies der Fall wäre, könnte das unter Umständen Folgen für die Finanzstabilität haben.

Könnte auch der EU-Austritt Großbritanniens die Finanzstabilität bedrohen?

„Der Brexit wird eine Herausforderung darstellen“, warnt Dombret. Die bislang schleppenden Verhandlungen erzeugten Unsicherheit – nicht zuletzt für die Finanzbranche. Vor allem müssten Auslandsbanken, die ihr Deutschland-Geschäft bisher aus der Londoner Niederlassung führten, „schnellstmöglich“ Lizenzanträge einreichen. In Frankfurt dürften vor allem marktnahe Geschäftsbereiche angesiedelt werden: „Beispielsweise haben wir in Kontinentaleuropa nie zuvor Broker-Dealer dieser Größe beaufsichtigt.“ Damit kämen auch enorme Risiken nach Deutschland. Bundesbank und auch EZB wollen nun ihr Personal in der Bankenaufsicht aufstocken – allerdings sind die entsprechenden Spezialisten gesucht und knapp. Doch nicht nur Banken seien in Sachen Brexit gefordert, so Dombret: „Die Vorbereitungen – oder besser das Fehlen dieser Vorbereitungen – in der Realwirtschaft geben mir zu denken.“

Und was meint die EZB?

Die Europäische Zentralbank sieht für die gesamte Eurozone keine erhöhten Risiken für die Finanzstabilität. Sie sei wegen der Konjunkturerholung widerstandsfähiger gegenüber möglichen Schocks geworden. „Die Finanzstabilitätssituation im Euro-Raum hat sich positiv entwickelt,“ sagte EZB-Vize Vitor Constancio. „Die verbesserte wirtschaftliche Lage unterstreicht die Einschätzung, dass es keine generelle Überbewertung auf den Finanzmärkten der Eurozone gibt“, stellt die EZB fest.

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