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Deutsche Bank: Heftige kritik an Führung und Aktienkurs bei der Hauptversammlung

Von Zur Hauptversammlung geht der neue Chef der Deutschen Bank in die Offensive und verschärft den Sparkurs. Die Aktionäre bleiben skeptisch.
Die Aktionäre lauschen in der Festhalle Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing. Die Mitarbeiterzahl soll von über 97000 auf unter 90 000 sinken. Foto: Andreas Arnold (dpa) Die Aktionäre lauschen in der Festhalle Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing. Die Mitarbeiterzahl soll von über 97000 auf unter 90 000 sinken.
Frankfurt. 

Es ist der Tag der Versprecher. Man erwarte wegen des geplanten Abbaus Tausender Stellen für dieses Jahr Restrukturierungs- und Abfindungskosten von bis zu 800 Milliarden Euro, sagt der neue Vorstandschef der Deutschen Bank, Christian Sewing. Gemeint sind allerdings: bis zu 800 Millionen. Aufsichtsratschef Paul Achleitner will da nicht nachstehen. Die Dividende für 2017 belaufe sich auf elf Euro je Aktie, macht er den Anteilseignern Hoffnung. Doch deren Traum von der hohen Ausschüttung währt nicht lange. Der Vorschlag laute auf elf Euro-Cent, korrigiert sich Achleitner kurz darauf. Und bekräftigt später, Sewing sei „die richtige Wahl als Aufsichtsrats-Vorsitzender“. Äh, als Vorstandsvorsitzender. Zitat aus Wikipedia: „Ein Freudscher Versprecher ist eine sprachliche Fehlleistung, bei der ein eigentlicher Gedanke des Sprechers unwillkürlich zutage tritt.“

Man könnte aber auch schlichter vermuten, bei der Bank wäre das Gespür für Zahlen ein wenig verrutscht. Wie zur Bestätigung verschickt die Deutsche Bank am selben Tag auch noch eine Medieninformation, laut der das Bilanzvolumen der Investmentbank um mehr als 100 Millionen Euro sinken solle. 18 Minuten später folgt die Korrektur: um 100 Milliarden.

Es ist der erste große Auftritt des neuen Chefs, entsprechend hoch sind die Erwartungen. Sewing bekennt vor den 4150 Aktionären (die 42,6 Prozent der Stimmen vertreten) in der Frankfurter Festhalle, er sei immer – oder fast immer – stolz darauf gewesen, für das Institut zu arbeiten: „Dieser Stolz ist in den vergangenen Jahren zumindest teilweise verloren gegangen.“ Die Aktionäre im Saal reagieren mit Applaus auf die Selbstkritik. „Verstehen Sie mich nicht falsch: nicht Arroganz, sondern Stolz.“ Es begeistere ihn, wie sehr sich Kollegen mit dem Haus identifizierten – „trotz allem, was passiert ist“.

Sewing hat seine fast einstündige, sehr ernste Rede offenbar auswendig gelernt, jedenfalls liest er nicht vom Blatt ab. „Wir sind ein Teil dieses Landes“, beharrt der neue Boss fast trotzig; man wolle relevant sein, exzellent und vertrauenswürdig. „Das heißt: Wir müssen da, wo wir antreten, auch eine realistische Chance haben, vorne mitzuspielen.“ Eine der vielen Fußball-Analogien des Tages, weitere werden folgen. Immerhin: Die Bank sei „heute stabiler und sicherer, als sie es in den vergangenen zwei Jahrzehnten je war“. Ziel sei nun eine bessere Balance der Geschäftsbereiche, also weniger Abhängigkeit vom schwankungsanfälligen Investmentbanking. Es werde „nicht schaden, wenn wir ein bisschen langweiliger sind“.

„Totgesagte leben länger“

Gleich zu Beginn des Aktionärstreffens hatte Aufsichtsratschef Paul Achleitner ein selbst aufgenommenes Foto vom DFB-Pokalfinale am Samstag gegen Bayern München gezeigt: Fans der siegreichen Eintracht halten darauf ein Plakat hoch mit der Aufschrift „Totgesagte leben länger“. Achleitner: „Auch im Zusammenhang mit der Deutschen Bank werden des Öfteren Fußball-Analogien bemüht – Champions versus Europa League, Team- versus Einzelspieler, Spieler- versus Trainerwechsel“, zählt der in München lebende Österreicher auf. An seinem Foto wolle er sich orientieren, „denn der Kampfgeist der Frankfurter hat mich sehr beeindruckt“.

Vorwärtsverteidigung nennt man das, was Achleitner anschließend zur Rechtfertigung des jüngsten Führungswechsels bei der Bank ausführt. Er habe John Cryan eigentlich erst zur Hauptversammlung ablösen wollen, doch: „Die Situation rund um die Osterfeiertage drohte, weiteren Schaden für die Bank zu verursachen. Wir mussten handeln.“ Doch habe die öffentliche Debatte lediglich eine Entscheidung beschleunigt, die ohnehin unvermeidlich gewesen sei. Und der Aufsichtsrat habe von Anfang an eine klare Präferenz für einen internen Kandidaten gehabt, auch wenn es zwei ernsthafte externe Kandidaten gegeben habe. „Lassen Sie mich deshalb deutlich sagen: Christian Sewing ist unsere erste Wahl.“ Bekenntnisse dieser Art sollen einem Fußball-Coach in aller Regel zu verstehen geben, dass er genau das nicht ist – doch es geht ja nicht um Sport, sondern um eine Bank, wo „der Ruf beschädigt ist“ und der neue Spitzenmann „den notwendigen Wandel rasch vorantreiben“ soll. Undichten Stellen im Aufsichtsrat droht Achleitner mit dem Staatsanwalt: „Die Bank wird in diesem Zusammenhang Strafanzeige gegen Unbekannt stellen.“

Streit um Achleitner

Vor der Aussprache folgt erst einmal ein Hickhack ums Prozedere: Mehrere Aktionäre beantragen, den Aufsichtsratschef als Versammlungsleiter abzuwählen. Darunter ist erstmals auch Rechtsanwalt Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), der unter anderem die Société Générale vertritt. „Aus Gründen der Rechtssicherheit und zur Vermeidung der nachträglichen Anfechtbarkeit der heute von uns hier zu fassenden Beschlüsse beantrage ich, dass die Hauptversammlung den heutigen Versammlungsleiter ausdrücklich wählt“, sagt Nieding. Da bekam Achleitner noch 99,4 Prozent – bei der Entlastung am Abend waren es nur 84,4 Prozent, ein deutlicher Denkzettel.

Lauten Applaus erhält Nieding, als er die hohen Boni für die „Söldner“ kritisiert, während die Aktionäre mit einer symbolischen Dividende abgespeist würden. Ebenso kräftig fällt der Beifall aus, als er herausstellt, dass „endlich wieder ein Deutscher an der Spitze der Deutschen Bank stehe“. Die Personalie sei „der berühmte letzte Schuss“ Achleitners angesichts der „grottenschlechten Zahlen“: „Selbst die lange von uns mitleidig belächelte Commerzbank ist in einigen Punkten an uns vorbeigezogen“, konstatiert der DSW-Vertreter.

Fondsmanager Andreas Thomae von der Deka, die zur Sparkassen-Finanzgruppe gehört, will den Aufsichtsrat nicht entlasten. Der Wechsel von Cryan zu Sewing sei gelaufen wie der Trainer-Wechsel in einer wackligen Bundesliga-Mannschaft.

Apropos Wechsel: Letztmals auf dem Podium sitzen die Vorstände Marcus Schenck und Kim Hammonds, die demnächst, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, ausscheiden. Chef-Investmentbanker Schenck war im Rennen um die Cryan-Nachfolge leer ausgegangen und will nun den Arbeitgeber wechseln. IT-Chefin Hammonds hingegen war durch kritische Aussagen in Ungnade gefallen. „Wer die Wahrheit sagt, fliegt raus“, spielt ein Aktionär auf das ihr zugeschriebene Verdikt an, die Bank sei das dysfunktionalste Unternehmen, für das sie je gearbeitet habe.

„Zu geringe Erträge, zu hohe Kosten“, so bringt Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment – der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken – seine Kritik auf eine Formel. „Die Aktienkursentwicklung ist ein Desaster.“ Oder wie es Thomae bildhaft auf den Punkt bringt: „Der Aktienkurs gleicht der Fahrt in einer Geisterbahn, bei der hinter jeder Kurve eine unangenehme Überraschung lauert.“

Den Niedergang des Aktienkurses jedenfalls kann Sewing mit seinem Sparprogramm nicht aufhalten. Der Kurs rauscht am Tag der Hauptversammlung in der Spitze um 6,5 Prozent in den Keller auf unter 10,19 Euro. Damit nähert sich der Titel wieder bedenklich der Zehn-Euro-Marke, die er seit September 2016 nicht mehr unterschritten hatte. Das Ende September 2016 markierte Rekordtief von 8,8340 Euro rückt ebenfalls in Sichtweite. „In die Richtung geht das“, sagte ein Händler. Möglicher Grund: Sewing hatte angedeutet, dass auch im zweiten Quartal die Ertragslage herausfordernd bleibe. Im Sog der Deutschen Bank bricht auch die Commerzbank nach einer Analystenschelte um über 6,5 Prozent auf das Elf-Monats-Tief von 9,45 Euro ein.

Ohne Krawatte

Am Rande erfährt der Zuhörer interessante Zahlen. Speich will wissen, wie viele führende Investmentbanker die Bank zuletzt auf eigenen Wunsch verlassen haben – im vergangenen Jahr waren es rund 100. Die Fluktuationsrate betrug damit 7,8 Prozent – zu Zeiten von Sewings Vor-Vorgänger Anshu Jain lag die Quote noch bei 3,0 Prozent. Das Budget für externe Berater, nach dem Thomae fragt, ist seit 2016 um ein Viertel gesunken. Je weiter der Nachmittag fortschreitet, desto launiger fallen jedoch einige Beiträge der Aktionäre aus. Einer schlägt vor, nicht so viele Filialen zu schließen, sondern sie besser auszulasten, indem dort Untermieter wie Bäcker oder Hausverwaltungen einziehen. Andere kritisieren, dass an einem derart wichtigen Tag einzelne Vorstände – gemeint ist Privatkundenchef Frank Strauß – ohne Krawatte auf dem Podium sitzen. Als ob die Bank keine anderen Probleme hätte.

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