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„Klückskinder“-Gründer organisieren Workshops und vermitteln Mentoren: Heimkindern Bildung ermöglichen

Von 150 000 Kinder und Jugendliche leben in Deutschland in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe. Ihre Bildungschancen will eine Unternehmensgründung aus Frankfurt verbessern.
Die Gründer von „Klückskinder“, Diana Klückmann und Sascha Mukherjee, im Büro in Frankfurt-Bockenheim. Die Gründer von „Klückskinder“, Diana Klückmann und Sascha Mukherjee, im Büro in Frankfurt-Bockenheim.
Frankfurt. 

Mit sechs Jahren kam sie ins Heim in Höxter (NRW), sechs Jahre lebte Diana Klückmann dort – und bekam mit, wie in dieser Umgebung Schule und Ausbildung oft auf der Strecke blieben. Es fehlte an familiärem Rückhalt, Unterstützung und Vorbildern. Das lässt sich auch statistisch belegen: „27 Prozent der Kinder verlassen die stationäre Jugendhilfe ohne einen Schulabschluss oder eine abgeschlossene Ausbildung“, sagt Klückmann. Vorbild für sie war ein Mitbewohner, der sich bis zum Abitur durchbiss und anschließend studierte: „Er hat mir bewiesen: Du kannst es schaffen!“ Sie machte Abitur und studierte ebenfalls, und zwar Betriebswirtschaft in Mannheim: „Aber wir beide waren in all den Jahren die einzigen.“ Dabei bringe eine Investition in Bildung die höchste Rendite überhaupt.

Rund 150 000 Kinder und Jugendliche leben in Deutschland in 7500 Einrichtungen der stationären Jugendhilfe – also im Heim – oder bei Pflegefamilien. Und an der Situation hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wenig geändert – das brachte Diana Klückmann (39) – die im Einkauf gearbeitet und lange im Ausland gelebt hatte, in Schweden und England – auf die Idee, sich in diesem Bereich zu engagieren. Für sie eine „Herzensangelegenheit“. Das Frankfurter „Social Impact Lab“, ein Gründerzentrum für sozial orientierte Unternehmen, nahm sie ins Stipendienprogramm auf, kurz darauf traf sie dort bei einer Veranstaltung auf Sascha Mukherjee (40).

Dem Frankfurter, Sohn einer deutschen Mutter und eines indischen Vaters, war es ein Anliegen, die Bildungschancen junger Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern. Auch Mukherjee ist Betriebswirt, er hat in Frankfurt und Brisbane studiert; zuvor hatte er eine kaufmännische Lehre bei der Lufthansa gemacht. Gemeinsam gründeten die beiden „Klückskinder“, heute in der Rechtsform einer gemeinnützigen UG (haftungsbeschränkt) organisiert. Das ist eine gängige Rechtsform für soziale und kulturelle Projekte, die Vorteile bei Haftung und Stammkapital sowie Steuervergünstigungen bringt. Auf Gewinn legen es die beiden Gründer also nicht an, anders als viele Start-up-Geschäftsführer planen sie auch keinen „Exit“, also einen Verkauf von Unternehmensanteilen über die Börse. Sie seien „zufrieden, wenn ,Klückskinder’ sich langfristig trägt und uns bis zur Rente Beschäftigung bietet“, sagt Klückmann. Motto des Unternehmens: „Mut machen. Perspektiven eröffnen. Unterstützung bieten.“

Kalender mit Vorbildern

Zunächst kümmerten sich die beiden Gründer neben dem Beruf bzw. der Kindererziehung um die Firma, erstes Projekt war der „Mutmacher-Kalender“: Er stellt ehemalige Heimkinder vor, die es „geschafft haben“ und ihre Geschichte erzählen. 2018 soll bereits die vierte Auflage erscheinen, insgesamt haben die Kalender bisher rund 10 000 Kinder und Jugendliche erreicht. Im laufenden Jahr werden unter anderem die ZDF-Schauspielerin Janine Kunze (43) vorgestellt, die 1992 von ihrer Pflegefamilie adoptiert wurde, oder der frühere Kripobeamte und heutige Heimleiter Carlos Benede (53), der bis zum 16. Lebensjahr in einem Kinderheim in Oberstaufen im Allgäu aufwuchs.

Vergangenen Sommer kündigte Mukherjee seine Stelle und stieg voll ein. Die Gründer arbeiteten einen Business-Plan aus und riefen einen Beirat ins Leben, in dem heute der frühere Leiter des Social Impact Lab, ein Rechtsanwalt und ein Manager der Deutschen Börse sitzen, dazu die Pädagogik-Professorin Maud Zitelmann von der Frankfurt University of Applied Sciences als Wissenschaftlicher Beirat. Zudem gewannen sie mehr als 40 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Das Workshop-Angebot

Erstes Produkt-Angebot sind die „Perspektiven-Botschafter“: Drei jeweils halbtägige Workshops, die aufeinander aufbauen, haben die Entwicklung von individuellen Lebensperspektiven zum Ziel. Etwa zehn Teilnehmer im Altern von zehn bis 16 Jahren sind dabei, ein „Perspektiven-Botschafter“ – der selbst in der Jugendhilfe gelebt hat, zum Beispiel der Softwareentwickler Joachim Krause (56), einst noch vor dem Schulabschluss von seinen Eltern vor die Tür gesetzt – und ein Moderator. Unter anderem mit einem „Lebensentwurf als Puzzle“ sollen die Teilnehmer der Workshops lernen, sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen und darüber, wie sie ihre eigenen Ziele erreichen können.

An etwas ältere Jugendliche wenden sich die „Mutmacher-Mentoren“, die „Klückskinder“ aussucht, schult und vermittelt: Begleiter im Rahmen der Jugendhilfe und darüber hinaus, und das möglichst langfristig. „Das ist wichtig, denn die Kinder haben in der Regel schon viele Bindungsabbrüche erlebt – ein weiterer wäre umso schlimmer“, sagt Klückmann. Zum Beispiel hat „Klückskinder“ einem Zwölfjährigen aus Frankfurt einen Mitrbeiter der Deutschen Bank als Schachpartner vermittelt..

Schulung und Kontrolle sind durchaus aufwendig, auch aus Gründen des Jugendschutzes. Noch sind die Projekte regional aufs Rhein-Main-Gebiet begrenzt, doch zuletzt kamen auch überregional zunehmend Anfragen.

Organisationen vernetzen

Ein weiteres Projekt des Unternehmens im Aufbau ist die „Alliance“: Sie soll die Angebote anderer Organisationen mit ähnlichem Tätigkeits-Schwerpunkt vernetzen. Mit dabei sind unter anderem ArbeiterKind, Kultur für Alle (Kulturpass Frankfurt), Innatura oder die Sarah-Wiener-Stiftung.

Einnahmen für „Klückskinder“ sollen aus den Seminaren kommen, durch den Verkauf von Kalendern oder durch Zahlungen der „Corporate Partner“. Ab 2021 sollen vor allem Umsätze mit eigenen Produkten die Finanzen tragen. Vorerst lebt das Unternehmen noch vor allem vom Eigenkapital der Gründer. Doch die beiden sind überzeugt vom künftigen Erfolg: „Wir glauben an unsere Vision.“

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