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Protektionismus macht Hessens Chemiefirmen Sorgen: Hoher Export-Anteil: Kein Rezept gegen Trump

Von Zwei Drittel ihres Geschäfts machen die hessischen Chemie- und Pharmaunternehmen im Export. Protektionistische Tendenzen müssen sie daher alarmieren.
Die Chemie- und Pharmaindustrie ist international wie kaum eine andere Branche: Qualitätskontrolle im Labor der Stada AG in Bad Vilbel. Die Chemie- und Pharmaindustrie ist international wie kaum eine andere Branche: Qualitätskontrolle im Labor der Stada AG in Bad Vilbel.
Frankfurt. 

Protektionistische Maßnahmen des neugewählten US-Präsidenten Donald Trump wären eine ernsthafte Gefahr für die mehr als 100 000 Beschäftigten der chemischen und pharmazeutischen Industrie in Hessen. Denn zwei Drittel ihres Umsatzes machen die Unternehmen der Branche im Ausland – und wiederum 24 Prozent dieser Exporte, im Vorjahr 4,6 Milliarden Euro, gehen in die USA. Umgekehrt importiert Hessen Chemie und Medikamente für zuletzt 2,0 Milliarden Euro aus den Vereinigten Staaten. „Die USA sind der wichtigste Handelspartner für hessische Unternehmen der Branche, Protektionismus wäre nachteilig für beide“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes HessenChemie, Dirk Meyer. Er hofft, dass Trump seine Wahlkampf-Ankündigungen, die den Freihandel komplett infrage stellen, am Ende doch nicht umsetzt: „Aber die Unsicherheit ist im Markt.“

Ob Großbritannien künftig noch Teil des EU-Binnenmarkts sein wird, steht durch den Brexit ebenfalls infrage. Auf die britische Insel liefern Hessens Chemiefirmen weitere fünf Prozent ihrer Exporte, das waren zuletzt 872 Millionen Euro; umgekehrt importierten wir von dort Chemie und Arzneien für 700 Millionen Euro. Auch habe das zermürbende Ringen um das Freihandelsabkommen mit Kanada die Handlungsfähigkeit der EU stark infrage gestellt, so Meyer: „Insgesamt steht das für die Chemie wichtige Auslandsgeschäft unter keinem guten Stern. Die Risiken bleiben hoch.“

HessenChemie und der Verband der Chemischen Industrie Hessen erwarten auch deshalb im laufenden Jahr einen leichten Rückgang bei Branchen-Produktion und Umsatz (im Vorjahr 27 Milliarden Euro). Die Produktion der gut 300 Mitgliedsunternehmen sank bis August um 3,8 Prozent, die Erzeugerpreise gaben um 1,7 Prozent nach. „Nach unseren Berechnungen dürfte sich der Umsatzrückgang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum in einer Größenordnung von fünf Prozent bewegen“, sagt Meyer.

Dabei fiel der Umsatz-Rückgang in der „klassischen“ Chemie mit drei Prozent vergleichsweise moderat aus (Inland minus fünf Prozent, Ausland minus zwei Prozent). Das Pharma-Geschäft gab um 7,7 Prozent nach, was am Lizenz-Ablauf des Sanofi-Blockbusters „Lantus“ lag; im Jahresverlauf soll sich das Minus noch deutlich reduzieren. In Hessen beträgt der Pharma-Anteil am Branchen-Umsatz 42 Prozent (bundesweit nur 25 Prozent).

Beschäftigtenzahl sinkt

Die fehlende wirtschaftliche Dynamik macht sich auch bei der Beschäftigung bemerkbar: Binnen Jahresfrist ging sie um 1,7 Prozent zurück, nachdem sie schon 2015 um 0,7 Prozent gesunken war. Mit 1432 neuen Ausbildungsplätzen wurden 100 weniger angeboten als im vergangenen Jahr. Damit befinden sich derzeit rund 4500 junge Menschen in einer Ausbildung, einem dualen Studium oder einem Förderprogramm (derzeit 109 Jugendliche). Die Flüchtlingsthematik bleibe eine Herausforderung, die uns noch viele Jahre beschäftigen werde, so Meyer. Die Chemie-Sozialpartner haben zusätzlich eine Million Euro für die „Start-Programme“ bereitgestellt, die einige Großunternehmen wie Evonik, Sanofi oder B. Braun auch für junge Flüchtlinge aus Syrien oder Eritrea einsetzen; bei Merck haben kürzlich rund ein Dutzend junge Asylbewerber angefangen. Die Unternehmen bekommen monatlich 450 Euro Zuschuss; finanziert wird auch eine Extra-Betreuung, die nach ersten Erfahrungsberichten dringend notwendig ist. Auch, weil die Sprachkenntnisse oft noch nicht ausreichen: So hatte in einem Fall der (für sie missverständliche) Hinweis „Maschine warten“ die Lehrlinge in Warte-Position versetzt.

Meyer begrüßte es, dass am Pharmadialog der Bundesregierung künftig auch das Land Hessen mitwirkt – neben Nordrhein-Westfalen, Bayern und Rheinland-Pfalz. Die Branche wehrt sich gegen das vor Jahren eingeführte Preismoratorium samt Zwangsrabatt und fordert eine Stärkung des Forschungsstandorts Deutschland.

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