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Europäische Zentralbank: In Trippelschritten Richtung Zinserhöhung

Von Äußerst behutsam leitet die Europäische Zentralbank (EZB) den in Deutschland langersehnten Einstieg in den Ausstieg aus ihrer Niedrigstzins-Politik ein. Die geldpolitische Wende wird einen riesigen Wendekreis haben.
EZB-Präsident Mario Draghi. Foto: Arne Dedert EZB-Präsident Mario Draghi.
Frankfurt. 

Die Sparer-Nation Deutschland wird sich noch lange Zeit gedulden müssen, bis sie die erste Zinserhöhung im Euroraum erlebt. Sollte die EZB im kommenden Jahr nicht gezwungen sein, ihre Konjunktur- und Inflationsprognosen deutlich nach oben zu korrigieren, werden wohl noch knapp zwei Jahre vergehen, bis die hierzulande langersehnte Zinswende tatsächlich vollzogen wird. Derzeit liegt der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld leihen können, auf dem Rekordtief von null Prozent. Finanzinstitute, die Geld bei der Zentralbank parken, müssen dafür sogar 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen.

EZB-Präsident Mario Draghi wollte sich nach der gestrigen Ratssitzung in Frankfurt zwar nicht auf Diskussionen über den möglichen Zeitpunkt einer Zinserhöhung einlassen. Aber er wurde dabei nicht müde zu betonen, dass die Leitzinsen erst lange nach dem Ende der letzten Anleihen-Käufe steigen sollen. Wann Schluss sein wird mit der im März 2015 begonnen und mittlerweile Billionen Euro schweren Einkaufstour der Notenbank, blieb gestern allerdings offen.

Shoppingtour verlängert

Angesichts der insgesamt deutlich verbesserten Konjunktur in der Eurozone haben die Währungshüter zwar nun beschlossen, von Januar an das monatliche Volumen ihre umstrittenen Anleihen-Käufe glatt zu halbieren – von derzeit 60 auf 30 Milliarden Euro. Zugleich soll die Shoppingtour, die eigentlich Ende dieses Jahres ein Ende finden sollte, aber verlängert: um mindestens neun Monate bis Ende September 2018. „Falls nötig auch darüber hinaus“, wie Draghi sagte. Ein abruptes Ende schloss er dabei aus.

EZB-Turm in Frankfurt: Die EZB kauft zur Ankurbelung von Inflation und Konjunktur seit März 2015 Staatsanleihen und andere Wertpapiere in großem Stil.
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"Die Notenbanker tun gut daran, ihre Behandlung nicht schnell zu beenden", sagt unser Kommentarschreiber Panagiotis Koutoumanos.

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Eine Entscheidung, mit der innerhalb des 25-köpfigen EZB-Rates vor allem Bundesbank-Chef Jens Weidmann unzufrieden sein dürfte. Er gilt als einer der größten Kritiker der extrem lockeren Geldpolitik. Entsprechend hatte die deutsche Zentralbank ein klares Datum für das Ende der Anleihen-Käufe gefordert. Draghi räumte auch ein, dass es einen Dissens darüber gegeben habe. „Aber eine große Mehrheit der Ratsmitglieder war dafür, das Ende offenzuhalten,“ versicherte der EZB-Präsident. Anleihen im Wert von insgesamt 2,55 Billionen Euro werden die Notenbanker bis September 2018 erworben haben. Und ihre Bilanzsumme, die jetzt schon auf 4,4 Billionen Euro angewachsen ist, dürfte auch danach kaum schrumpfen, denn Draghi kündigte an, dass die EZB für auslaufende Anleihen in ihrem Bestand weiterhin Ersatzkäufe vornehmen werde.

Zur Begründung unterstrich Draghi erneut, dass die Wirtschaft der Eurozone nach wie vor auf die EZB-Hilfen angewiesen sei. „Die Inflation ist nicht so ermutigend.“ Die Währungshüter streben knapp zwei Prozent Inflation als Idealwert für die Wirtschaft an – weit genug entfernt von der als gefährlich angesehenen Nullmarke. Denn dauerhaft niedrige oder gar sinkende Preise könnten Unternehmen und Verbraucher dazu bringen, Investitionen aufzuschieben – das würde die Konjunktur abwürgen. Dieses Inflationsziel wird aber schon seit Jahren verfehlt. Im September lagen die Verbraucherpreise im Euroraum um 1,5 Prozent über dem Vorjahresniveau. Und zum Jahreswechsel wird die Inflationsrate aufgrund eines statistischen Basiseffekts schon wieder sinken: Im Vorjahreszeitraum waren die Energiepreise nämlich schon sehr hoch. Deshalb fällt die Veränderungsrate zwölf Monate später schwach oder gar negativ aus. Energie – also vor allem Benzin, Diesel und Heizöl – macht ein Zehntel des statistischen Warenkorbs aus, mit dem die Inflationsrate berechnet wird. Im September betrug die Energiepreis-Teuerung noch fast vier Prozent im Euroraum-Durchschnitt, in Deutschland immerhin 2,7 Prozent. Fällt das weg, wird die Gesamtrate der Inflation gedämpft.

Kritische Reaktionen

Deutschlands Ökonomen reagierten gestern erwartungsgemäß kritisch auf das Schneckentempo, mit dem sich die EZB in Richtung Zinserhöhungen bewegt: „Das ist ein Schritt in die richtige Richtung auf eine Normalisierung, aber der Abbau müsste schneller erfolgen“, befand Ifo-Präsident Clemens Fuest. Auch ZEW-Experte Friedrich Heinemann betonte: „Die Drosselung ist zu gering ausgefallen. Die EZB kauft zu viel und zu lange.“

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