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Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler zu Ursachen und Auswirkungen der Finanzkrise: Interview mit Jan Pieter Krahnen: „Die nächste Krise kommt woanders her“

Vor zehn Jahren erreichte mit der Schieflage des Mittelstandfinanzierers IKB die weltweite Finanz- und Schuldenkrise Deutschland. Die Ursachen der schlimmsten wirtschaftlichen Verwerfungen seit dem Zweiten Weltkrieg und die Lehren daraus beschäftigen Politik und Forschung bis heute, die Auswirkungen betreffen jeden. Unser Wirtschaftsredakteur Thomas Baumgartner sprach mit dem Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler Jan Pieter Krahnen.
Diese Szene steht für die Finanzkrise in Deutschland: Mit versteinerter Miene versichern Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück im Kanzleramt in Berlin den Sparern, ihr Geld sei sicher. Der Praxistest, ob dieser Scheck gedeckt war, blieb aus. Foto: Rainer Jensen (dpa/Pool) Diese Szene steht für die Finanzkrise in Deutschland: Mit versteinerter Miene versichern Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück im Kanzleramt in Berlin den Sparern, ihr Geld sei sicher. Der Praxistest, ob dieser Scheck gedeckt war, blieb aus.

Zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise sind deren Ursachen noch immer umstritten. Auf der einen Seite nahmen Staatsgarantien den amerikanischen Banken die Risiken von Immobilienkrediten ab, auf der anderen Seite fielen viele Aufsichtsregeln weg, Stichwort Deregulierung. Zu viel Staat oder zu wenig Staat – was hat die Finanzkrise ausgelöst?

KRAHNEN: Am Beginn der Krise standen sehr deutliche Eingriffe der US-Politik in die Finanzmärkte. Sie wünschte sich bestimmte Ergebnisse, also ein Eigenheim für möglichst breite Bevölkerungskreise und Kredite auch für Bedürftige, und hat die finanzwirtschaftlichen Folgen einer solchen Verteilungspolitik mittels großzügiger Kreditvergabe aus den Augen verloren. Insbesondere hinsichtlich der Frage, wer die mit der politischen Wunschvorstellung verbundene Haftung letztendlich übernehmen kann.

Also war der Staat schuld.

KRAHNEN: Ja, er war ein wesentlicher Teil der untragbaren Ausgangssituation.

Und warum ist dann als erstes Deutschland ins Zentrum der Erschütterungen gerückt?

KRAHNEN: Weil wir hier Akteure hatten, die auf der Suche nach Erträgen in einer schwierigen Marktsituation waren und sich auf Produkte eingelassen haben, die sie nicht vollständig überblickten. Dazu kamen noch die Landesbanken, deren staatlich garantierte Refinanzierung Brüssel zwar gestoppt hatte, denen aber unkontrollierte Übergangsfristen eingeräumt wurden. In dieser Zeit haben die Institute große zusätzliche Schuldenstände aufgebaut und in nur scheinbar rentable Anlagen investiert.

Der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn meint, am Anfang der Krise standen die Überschüsse des Exportweltmeisters Deutschland.

KRAHNEN: Diese Analyse trifft nicht den Kern des Problems. Es ist zwar richtig, dass die Exportüberschüsse die Geldanlage im Ausland angekurbelt haben, aber das Geld hätte ja auch in Direktinvestitionen oder wirtschaftlich solide Portfolio-Investitionen fließen können.

Und der Zusammenhang mit der Euro-Schuldenkrise?

KRAHNEN: Bis zur Finanzkrise hatten wir in Europa ein kleinteiliges Bankensystem, mit nationalen Champions in fast jedem Land, das aber der Idee eines offenen Binnenmarkts im Grunde widersprach. Dass mehrere Staaten dann „ihre“ Banken in Schieflage meinten stützen zu müssen, hat die fiskalische Leistungsfähigkeit einiger Länder überfordert. Die Staatsverschuldung schoss dadurch deutlich über das Maastricht-Niveau hinaus, vor allem in Südeuropa. Der Auslöser der Staatsschuldenkrise war somit ganz eindeutig das Bankensystem.

Prof. Jan Pieter Krahnen, Goethe-Universität Frankfurt Bild-Zoom
Prof. Jan Pieter Krahnen, Goethe-Universität Frankfurt

War nicht eher mangelnde Wettbewerbsfähigkeit in südeuropäischen Eurostaaten schuld?

KRAHNEN: Nein, das sehe ich nicht so. Das hätte sich auf anderen Wegen normalisieren können, etwa durch eine Anpassung der Reallöhne oder durch Migration.

Hätte Griechenland aus dem Euro austreten sollen?

KRAHNEN: Keineswegs. Das hätte wohl die Währungsunion als Ganzes in Frage gestellt. Wäre erst einmal ein Staat aus der Währungsunion hinausgedrängt worden, hätten die Finanzmärkte sofort die Frage nach dem nächsten schwachen Partner gestellt. Das hätte die Finanzmärkte geradezu eingeladen, den Zusammenhalt des gesamten Clubs massiv in Frage zu stellen – und die Gefahr einer Finanzkrise verschärft. Es ist wie bei einem Wollpullover: Zieht man einen Faden heraus, kann sich am Ende das gesamte Kleidungsstück auflösen. Also war ein Ausscheiden Griechenlands meines Erachtens zu keinem Zeitpunkt eine wirkliche politische Option – entweder hält die gesamte Eurozone zusammen, oder sie geht ganz auseinander. Und so eine weitreichende Trennungsentscheidung wollte natürlich niemand treffen.

Aber die vertragliche Grundlage der Währungsunion war doch, dass kein Staat für die Schulden des anderen haften muss.

KRAHNEN: So wird es auch nach wie vor gehandhabt – aber die institutionellen Voraussetzungen für eine private und national begrenzte Haftung waren zu Beginn der Krise nicht gegeben; man kann sagen: die Währungsunion war an zentraler Stelle unvollendet.

In der Politikberatung gefragt

Jan Pieter Krahnen (62) ist seit 1995 Professor für Kreditwirtschaft und Finanzierung an der Goethe-Universität Frankfurt. Als Direktor leitet er das Center for Financial Studies (CFS) und das Forschungszentrum

clearing

Was waren die Auswirkungen der Krise?

KRAHNEN: Das Schwanken vieler Banken machte direkte staatliche Stützungsmaßnahmen notwendig, vor allem in den USA, aber auch in Deutschland, wo die Staatshilfen – je nachdem, wie man rechnet – in der Summe sogar deutlich höher ausfielen als etwa in Griechenland. Eine weitere Folge der Geschehnisse war, dass sich unser Nachdenken über Finanzmärkte komplett verändert hat. Wir achten heute viel mehr auf den Zusammenhang zwischen den Banken als nur auf das einzelne Institut selbst – wir achten heute auf das systemische Risiko. Das hat viel mit dem technischen Wandel zu tun: Die Einlagensicherung beispielsweise ist wichtig, um einen Sturm der Kleinanleger auf die Bankschalter zu vermeiden – aber sie reicht keineswegs aus, weil es weitere, starke Kanäle zwischen den Instituten gibt; hierzu zählt beispielsweise der Interbankenmarkt und der Markt für Derivate.

Das hätte fast zum Zusammenbruch des Finanzsystems geführt.

KRAHNEN: Das Thema systemisches Risiko hatten wir in Wissenschaft und Politik zuvor im Grunde immer nur theoretisch durchdacht. Die Investmentbank Lehman Brothers pleite gehen zu lassen, war der exemplarische Versuch seitens der US-amerikanischen Aufsicht, dieses Risiko in der Praxis zu testen – mit dem Ergebnis: Nie wieder! Diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass sich der Staat plötzlich in Abhängigkeit von den Finanzmärkten befand, diese rückten damit in ihrer Bedeutung weit nach oben. Bildlich gesprochen wechselten sie aus einer dienenden Randfunktion für die Betriebswirtschaft in das Zentrum der Volkswirtschaft. Die Krise führte in ihrem Verlauf zu einem faktischen „Abschalten“ der Marktkräfte. Im weiteren Verlauf der Krisentherapie ging es dann um den Versuch, die marktwirtschaftlichen Regeln wieder einzuführen, die gesellschaftliche Beherrschbarkeit des Finanzsektors wieder herzustellen.

Ist das gelungen?

KRAHNEN: Noch nicht ganz. Der Politik ist es bislang nicht wirklich gelungen, alle richtigen Weichenstellungen vorzunehmen. Sie hat in Europa einen zu großen und zu wenig profitablen Bankenapparat gerettet, der bis heute existiert und die Wirtschaften in gewisser Weise lähmt. Zusammen mit der mangelnden Bereitschaft zu Strukturreformen in einigen europäischen Staaten hat dies die Zentralbanken in eine Rolle gedrängt, die ihnen eigentlich nicht zukommt.

Aber wir haben doch große Fortschritte bei der Regulierung gemacht?

KRAHNEN: Da ist wirklich etwas passiert, wir sind auf dem richtigen Weg. Zum Beispiel spielen heute „Testamente“ der Banken eine ganz wesentliche Rolle in der Abwicklungsstrategie. In den USA hatte man sehr schnell reagiert, die Banken rekapitalisiert und dabei im Bereich der Großbanken eine Oligopol-ähnliche Struktur in Kauf genommen. Das hat die Branche stabilisiert. In Europa stand dieser Rekapitalisierungsweg aufgrund der schwierigen politischen Struktur mit 28 eigenständigen Staaten faktisch nicht zur Verfügung. Insofern sind wir noch heute damit beschäftigt, ein dauerhaft ausreichendes Haftungskapital aufzubauen.

Gegen einen wichtigen Baustein, die europäische Einlagensicherung, wehrt sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit dem Argument, deutsche Sparer dürften nicht für Altschulden in Italien haften.

KRAHNEN: Dieser Einwand hat eine gewisse Berechtigung, auch wenn sich die Altlasten-Thematik mit der Zeit erledigen wird – nicht zuletzt wegen veränderter Rechnungslegungsvorschriften ab 2018. Wichtig ist aber in erster Linie, eine Inanspruchnahme der Einlagensicherung sehr, sehr unwahrscheinlich zu machen. Dass bedeutet, wir stellen für einen wesentlichen Teil des Risikos im Bankgeschäft wieder private Haftung sicher. Für acht Prozent der Bilanzsumme einer Bank ist das inzwischen vorgesehen, aber das geht nicht einfach nur per Federstrich des Gesetzgebers. Die Aufsicht muss zudem ständig prüfen, und das ist heute noch nicht der Fall, ob die Gläubiger der Bank tatsächlich einen Schadensfall verkraften könnten – oder ob sie dann selbst ein systemisches Risiko verursachen und den Staat erneut zur Rettung zwingen. Halter eines solchen Risikokapital-Puffers dürfen deshalb keine Kleinanleger sein, auch keine anderen Banken, und möglichst auch nicht Stiftungen oder Unternehmen. Ideal wären Lebensversicherer und Pensionsfonds, die ihrerseits keine kurzfristigen Verpflichtungen übernommen haben. Und jenseits dieser Acht-Prozent-Schwelle – wobei die Frage ist, ob diese Zahl längerfristig ausreichend hoch ist – müsste die staatliche Haftung klar definiert werden.

Eine Haftung von Lebensversicherern würde aber doch die Altersversorgung vieler Menschen gefährden?

KRAHNEN: Bei Verpflichtungen, die 30 Jahre oder mehr laufen, können Einmalverluste über die Zeit breit verteilt werden, so dass kein einmaliger Einkommensschock auftritt. Aber es stimmt natürlich, irgendwo und irgendwann werden diese Verluste realisiert werden müssen. Allerdings sind Schäden auch verkraftbar – die Halter dieses sogenannten Bail-in-Kapitals werden aus diesem Grunde deutlich höhere Zinsen für das Risiko, das sie auf sich nehmen, einfordern.

Hat sich die „too big to fail“-Problematik – dass Banken zu groß sind, um pleite gehen zu dürfen – seit der Krise nicht noch verschärft?

KRAHNEN: Nein, das würde ich nicht so sagen. Vor allem in den USA ist die Problematik unverändert groß, teilweise noch größer als zuvor. In Europa haben wir dagegen eine eher kleinteiligere, vielfältige Bankenlandschaft, die aber aus der Sicht der nationalen Politik oft ähnlich unverzichtbar erscheint wie die größeren Institute in den USA. Der Hauptunterschied zwischen Europa und den USA ist die Profitabilität im Bankensektor. Aus Sicht des Kunden leben wir hier in einer „Aldi“-Welt: Finanzdienste sind sehr billig. In den USA herrscht dagegen eher eine „Edeka-Rewe“-Welt: mehr Produkte, mehr Service, höhere Preise. Das hat die Branche in den USA aus heutiger Sicht profitabel und stabil gemacht.

Wichtig ist doch auch, dass Banken mehr Eigenkapital vorhalten müssen?

KRAHNEN: So furchtbar viel ist da zumindest in Europa noch nicht geschehen. Nur wenige Banken haben erhebliches neues Kapital aufgenommen, manches wurde durch Verluste auch wieder aufgezehrt. Dafür sind Bilanzvolumina geschrumpft.

Hätte es mehr Kapitalerhöhungen geben müssen?

KRAHNEN: Ich denke, es hätte mehr passieren sollen. Die Amerikaner wollen eher mehr Eigenkapital, doch die Europäer wehren sich gegen Mindestvorgaben beim Einsatz der heute benutzten Risikomodelle – daran hakt zurzeit der Basel-Prozess (also der Versuch, sich weltweit auf einheitliche Kapitalregeln zu einigen, die Red.).

Wer hat recht bei diesem Streit?

KRAHNEN: Die Europäer sollten meines Erachtens einlenken und die damit vielleicht verbundene Restrukturierung des Bankensektors als eine Chance ansehen, um in Europa anstelle vieler nationaler Champions „echte“ europäische Banken zu haben, die über nationale Grenzen hinweg tätig sind. Das hätte den Nebeneffekt, dass konjunkturelle Schwankungen innerhalb Europas innerhalb der Institute abgefedert werden könnten.

Wären 30 Prozent Eigenkapital, wie sie ihr Kollege Martin Hellwig für Banken fordert, eine Lösung?

KRAHNEN: Mehr haftendes Kapital halte ich, wie eben schon erläutert, für sehr wichtig. Dies allein mit mehr Eigenkapital umzusetzen halte ich aber für nicht für realistisch – und auch nicht für zielführend. Es kommt auf die richtige Mischung an zwischen Eigenkapital – das zu mehr Risiko bereit ist – und Fremdkapital – das Risiken eher meidet.

Kann man die nächste Krise verhindern, indem man Lehren aus der jüngsten Finanzkrise zieht?

KRAHNEN: Die nächste Krise kommt sicherlich woanders her, doch trotz aller Analysen weiß niemand, aus welcher Richtung das sein wird. Natürlich kann man nach einem Waldbrand mehr Wachtürme bauen. Wenn sich dann aber ein Erdbeben ereignet, nützen die Türme nichts. Die nächste Bankenkrise könnte beispielsweise durch einen Angriff auf die Software ausgelöst werden, oder durch ein erst jetzt geschaffenes, neues Großrisiko, das sich unter extremen Bedingungen aus dem zentrale Clearing ergeben kann, mit dem man seit der Krise die OTC-Geschäfte (Derivatehandel zwischen Banken ohne Einschalten einer Börse, die Red.) absichern möchte: Da wurde viel erreicht, doch nun hat man statt Tausenden kleiner Regenschirme ein Zirkuszelt – und wenn das mal fallen sollte, hätte man wiederum einen Großschaden, eine Art GAU.

Könnte auch die anstehende Zinswende die Banken gefährden?

KRAHNEN: Das glaube ich nicht, mit diesem Risiko können die Banken umgehen, und sie sind vorgewarnt.

Oder ein Euro-Austritt Italiens?

KRAHNEN: Politische Risiken sind natürlich immer denkbar, aber im Moment, glaube ich, ist Europa auf einem guten Weg.

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