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Interview: Josef Ackermann: "Die Deutsche Bank war gut bestellt"

Die Deutsche Bank kehrt zehn Jahre nach der Finanzkrise noch immer die Scherben zusammen. Hat der langjährige Chef Ackermann das Haus 2012 doch nicht so „besenrein“ verlassen, wie er zu seinem Abschied erklärt hatte? Zu seinem 70. Geburtstag zieht der Schweizer Bilanz.
Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann blickt zufrieden auf seine zehn Jahre an der Spitze des größten deutschen Geldinstituts zurück: „Ich bin darauf und auf die Leistung meines Teams sehr stolz.“ Die Nachfolger sehen das anders. Foto: Boris Roessler (dpa) Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann blickt zufrieden auf seine zehn Jahre an der Spitze des größten deutschen Geldinstituts zurück: „Ich bin darauf und auf die Leistung meines Teams sehr stolz.“ Die Nachfolger sehen das anders.
Frankfurt. 

Zehn Jahre führte Josef Ackermann die Deutsche Bank. Zuletzt schrieb Deutschlands größtes Geldhaus drei Jahre in Folge rote Zahlen. Welche Rolle spielen dabei Altlasten aus der Ära Ackermann? Anlässlich seines 70. Geburtstages heute zieht der Schweizer im Gespräch mit Jörn Bender von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) seine ganz persönliche Bilanz.

Sie standen lange im Rampenlicht, waren für viele eine Reizfigur. Wie erleben Sie die Wahrnehmung Ihrer Person heute? Was genießen Sie, was vermissen Sie?

JOSEF ACKERMANN: Alle Menschen, die mich kennen, begegnen mir respektvoll, ja ausgesprochen freundlich. Gerade in Deutschland habe ich oft den Eindruck, sie wissen das, was die Deutsche Bank in meiner Zeit an der Spitze erreicht hat, heute mehr zu schätzen als je zuvor. Ich vermisse nichts. Ich habe noch einige interessante Mandate in der Welt, die mir viel Freude machen, werde immer wieder zu Vorträgen eingeladen und kann meine Erfahrung international an verschiedenen Universitäten an junge Menschen weitergeben, was ich immer besonders gerne getan habe. Zugleich genieße ich den Zuwachs an Privatleben, persönlicher Freiheit und Zeitsouveränität.

Wie nutzen Sie wiedergewonnene Freiräume?

ACKERMANN: Ich reise gerne und kann mir dabei jetzt öfter die Zeit nehmen, zu verweilen; ich lese Vieles, wozu ich früher nicht gekommen bin, besuche mit meiner Frau Konzerte und Kunstausstellungen, wandere mit Freunden in den Bergen und spiele etwas Golf.

2007 verrieten Sie einem Magazin: „Ich singe oft, unter der Dusche und wenn ich allein im Auto bin.“ Wie sieht es mit Ihrer Gesangskarriere aus? Was singen Sie am liebsten?

ACKERMANN: Ich liebe Musik, vor allem Opernmusik, und habe schon immer gerne Passagen aus bekannten Arien gesungen. Einfach aus guter Laune heraus. Eine Gesangskarriere war nie beabsichtigt.

Wie bewerten Sie Ihre zehn Jahre an der Spitze der Deutschen Bank rückblickend?

ACKERMANN: Ich bin darauf und auf die Leistung meines Teams sehr stolz. Die Deutsche Bank hat damals geschafft, was viele andere vergeblich versucht haben, und ist binnen weniger Jahre in die Topliga der internationalen Banken aufgestiegen. Sie hat in den zehn Jahren deutlich über 40 Milliarden Euro vor Steuern verdient und drei Mal die Auszeichnung „Bank of the Year“ erhalten, den Oscar der globalen Finanzbranche. Obwohl noch ziemlich neu im Investmentbanking, ist sie – anders als manche altehrwürdigen Häuser – ohne Steuergeld zu benötigen durch die schwerste Finanzkrise seit Menschengedenken gekommen, die einigen renommierten Konkurrenten sogar zum Verhängnis wurde. Gewiss waren auch wir nicht ohne Fehl und Tadel und haben Fehler gemacht. Welcher Mensch macht keine? Aber diese hielten sich vergleichsweise doch sehr in Grenzen.

Ihr Anspruch war, Ihren Nachfolgern ein „besenreines Haus“ zu übergeben. Inwiefern ist Ihnen das nach Ihrer Einschätzung gelungen?

ACKERMANN: Ich habe seinerzeit eine Bank an meine Nachfolger übergeben, die für die Zukunft gut aufgestellt war. Über 7000 Aktionäre haben mich dafür auf meiner letzten Hauptversammlung mehrmals mit stehendem Beifall bedacht. Die Bank erwirtschaftete nach der Finanzkrise erneut stattliche Gewinne in Milliardenhöhe. 2011, das letzte volle Jahr, für das ich als Vorstandschef verantwortlich war, erreichte der operative Gewinn sogar fast einen neuen Rekord; und auch in den drei Jahren danach verdiente die Bank noch fast fünfeinhalb Milliarden Euro vor Steuern. Gleichzeitig hatten wir die Bilanz deutlich verkürzt, die Risiken massiv verringert, erhebliche Abschreibungen auf „Altlasten“ vorgenommen, die stabilen Geschäftsfelder mit dem Kauf der Postbank deutlich gestärkt und die Anreizsysteme in der Bank auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Kurz, wir haben alles zeitnah korrigiert, was als korrekturbedürftig erkennbar war. Welche Rechtskosten später noch auf die Bank zukommen würden, war bei meinem Ausscheiden noch nicht absehbar. Aber unabhängig davon standen diese einer guten Zukunft nicht im Wege. Man muss sich dazu nur die Wettbewerber vor allem in den USA ansehen. Die hatten ein Vielfaches an Rechtskosten zu verkraften und verdienen dennoch längst wieder prächtig. Das sind die Fakten.

Die derzeitige Führung der Bank hat sich wiederholt kritisch zur Vergangenheit geäußert. John Cryan sagte: „Wir wären heute in besserer Verfassung, wenn wir das, was wir in den vergangenen zwei Jahren erledigt haben, schon vor sechs oder sieben Jahren getan hätten.“ Sein Vize, Marcus Schenck, sagte jüngst dem „Handelsblatt“: „Vor und während der Finanzkrise haben wir dagegen einige Dinge hinter dem Rücken unserer Kunden gemacht – das war sicher kein positiver Beitrag.“ Haben die beiden Recht?

ACKERMANN: Öffentlich mit dem Finger auf Vorgänger oder Nachfolger zu zeigen ist nicht mein Stil. Wozu soll denn das bitte schön auch gut sein? Der Bank und ihren Mitarbeitern hilft es jedenfalls bestimmt nicht. „Ein jeder kehre vor seiner Tür“, heißt es bei Goethe. Im Übrigen sprechen die Fakten lauter als Worte. In diesem Zusammenhang wird zum Beispiel oft übersehen, dass wir uns, anders als die meisten Wettbewerber, nach der globalen Finanzkrise jahrelang auch noch mit einer schweren Staatsschuldenkrise im Euroraum herumschlagen mussten, die viel Aufmerksamkeit beanspruchte. Ein Zerfall der Eurozone hätte schwerwiegende Folgen mit sich gebracht.

Hat das von Ihnen postulierte Ziel einer Eigenkapital-Rendite von 25 Prozent vor Steuern Fehlverhalten befördert? War es ein Fehler, die Messlatte so hoch zu legen?

ACKERMANN: Nein, das Ziel einer Eigenkapital-Rendite von 25 Prozent war kein Fehler. Ganz im Gegenteil, es war für die finanzielle Gesundheit der Bank unabdingbar. Nur eine Bank, die gut verdient, kann auch die Risiken tragen, die das Geschäft zwangsläufig mit sich bringt. Bei unseren Wettbewerbern lag die Messlatte schon längst so hoch. Um mithalten zu können, mussten auch wir dieses Niveau erreichen und haben es auch erreicht und übertroffen. Heute stuft der Internationale Währungsfonds Banken als gesund ein, die eine Eigenkapital-Rendite nach Steuern von über zehn Prozent erreichen. Wenn Sie die höheren regulatorischen Eigenkapitalanforderungen im Vergleich zu damals berücksichtigen und die Steuern abziehen, entspricht dies ungefähr den 25 Prozent von früher.

Sie haben in der Finanzkrise Fehler der Bankenbranche eingeräumt. Haben Sie selbst Fehler gemacht?

ACKERMANN: Natürlich habe ich das. Wir dachten in der Branche damals zum Beispiel alle, durch die Verbriefung von Forderungen, also deren Verteilung auf viele Schultern, sei die Ausfallgefahr viel geringer geworden. Dabei sind wir wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass sich jeder nur so viel auflädt, wie er auch im Notfall noch tragen kann. Das war ein Irrtum. Ich habe denselben Fehler gemacht wie meine Kollegen in anderen Banken und erst spät erkannt, dass die Verbriefung von Forderungen unser Geschäft nur dann wirklich sicherer macht, wenn auch für eine dementsprechende Markttransparenz gesorgt ist. Daran fehlte es.

Bei einem Vortrag in Frankfurt im Juni 2011 sagten Sie: „Es gibt auch sehr, sehr anständige Banker“. Gibt es zehn Jahre nach der Finanzkrise mehr anständige Banker?

ACKERMANN: Die überwältigende Mehrheit der Banker war zu allen Zeiten anständig.

Wie sehen Sie die Zukunft der Bankenbranche angesichts der Herausforderungen durch Digitalisierung und neue Finanz-Start-ups?

ACKERMANN: In den von Ihnen genannten Innovationen und technologischen Umbrüchen sehe ich keine Bedrohung für Banken generell. Sorgen machen muss sich allerdings, wer keinen oder nicht genug Gewinn macht und nicht oder nicht schnell genug die Mittel für die beträchtlichen Investitionen aufbringen kann, die diese Umbrüche erforderlich machen.

Würden Sie heute wieder Banker werden?

ACKERMANN: Vermutlich ja. Der Beruf ist sehr reizvoll für Menschen, die vor allem an wirtschaftlichen Dingen interessiert sind, denn er bietet nicht nur Einblick in eine einzige Branche, sondern in die gesamte Wirtschaft. Er macht dadurch auch Freundschaften mit Menschen verschiedenster Art in unterschiedlichen Wirtschaftszweigen möglich. Zudem hat er auch eine starke politische Dimension. Das alles ist sehr bereichernd.

Sie sind bekannt für ein offenes Wort – gibt es rückblickend Aussagen, die Sie bereuen?

ACKERMANN: Sicher. Ich denke da vor allem an den Satz beim Mannesmann-Prozess am Landgericht in Düsseldorf, wonach Deutschland das einzige Land sei, in dem Menschen, die Werte schaffen, bestraft würden. Das war aus der Verärgerung heraus gesagt, unüberlegt und sehr missverständlich.

Sie sind auch Aktionär der Deutschen Bank. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung des Instituts seit Ihrem Ausscheiden?

ACKERMANN: Ich besitze nur noch wenige Deutsche-Bank-Aktien. Im Übrigen sagt deren Kursentwicklung im Vergleich zum Wettbewerb alles, was dazu zu sagen ist.

„So schnell werden Sie uns nicht los“, sagten Sie zu Ihrem Abschied in Frankfurt. Welche Rolle spielt Frankfurt für Sie heute noch?

ACKERMANN: Frankfurt wird für mich immer mit der besten Zeit meines Berufslebens verbunden sein. Ich pflege noch vielfältige menschliche Kontakte in die Stadt hinein. Darüber hinaus bin ich dem dortigen House of Finance und gemeinsam mit meiner Frau dem Städel-Museum besonders verbunden.

In der „Zeit“ war Anfang Oktober zu lesen, sie hätten alle Ihre ehemaligen Sekretärinnen in Ihr Ferienhaus im Tessin eingeladen. Wie ist Ihr Kontakt zur Deutschen Bank ansonsten?

ACKERMANN: Ich pflege weiter eine Reihe persönlicher Kontakte in die Bank hinein.

Wann erscheint Ihre Autobiographie?

ACKERMANN: Darauf warten Sie vergeblich.

Wie werden Sie Ihren 70. Geburtstag feiern?

ACKERMANN: Für den Tag haben meine Frau und unsere Tochter eine ganz persönliche Überraschung vorbereitet. Im März findet dann in einem etwas größeren Rahmen eine Feier mit einem Konzert des Jugendorchesters Baden-Baden in Ascona statt.

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