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Börsenchef: Jetzt erst recht: Kengeter und das Single-Dasein

Von Es war nicht der Tag des Wundenleckens über die vertane Chance einer Fusion mit London. Auch die von vielen erwartete Abrechnung mit Vorstandschef Carsten Kengeter fand nicht statt. Knapp 700 Aktionäre wurden Zeuge eines einzigartigen Strategieschwenks der Deutschen Börse.
Börsen-Chef Carsten Kengeter gab sich auf der Hauptversammlung angriffslustig. Von den Aktionären stimmten aber lediglich 83,9 Prozent für seine Entlastung. Nach einer Zustimmungsquote von 99,9 Prozent vor einem Jahr ein kleiner Denkzettel. Foto: Arne Dedert (dpa) Börsen-Chef Carsten Kengeter gab sich auf der Hauptversammlung angriffslustig. Von den Aktionären stimmten aber lediglich 83,9 Prozent für seine Entlastung. Nach einer Zustimmungsquote von 99,9 Prozent vor einem Jahr ein kleiner Denkzettel.
Frankfurt. 

Börsenchef Carsten Kengeter hat nach dem krachend gescheiterten Fusionsvorhaben mit der Londoner Börse LSE einen Kurswechsel vollzogen und die Flucht nach vorn angetreten. Getreu dem Motto „was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ schwört er Aktionäre und Mitarbeiter nun darauf ein, als Single erfolgreich und glücklich die Zukunft bestreiten zu können. Davon, dass er vor einem Jahr das Alleinsein in einem gnadenlosen internationalen Wettbewerbsumfeld als brandgefährlich beschrieb, will er heute nichts mehr wissen. Damals skizzierte er das Bild eines geschwächten deutschen Börsenkonzerns, der sich aus eigener Kraft nicht mehr lange davor schützen könne, von einem der finanzkräftigen Börsenbetreiber aus den USA oder Asien aufgefressen zu werden. So hatte er 2016 die geplante deutsch-britische Fusion begründet.

Fehler? Fehlanzeige

Das Wundenlecken fiel relativ knapp aus: Kengeter verteidigte den geplanten Zusammenschluss mit London erneut als „strategisch sinnvollen Schritt“ – alternativlos sozusagen. Eine vertane Chance für die Deutsche Börse sei das gewesen, aber auch für den Finanzplatz Frankfurt, für Deutschland und Europa. 76 Millionen Euro hat das Dax-Unternehmen für das Fusionsprojekt verbrannt, wie Aufsichtsratschef Joachim Faber bestätigte.

Eigene Fehler? Fehlanzeige. So weit ging Kengeter bei der Aufarbeitung des Fusionsdesasters diesmal nicht. Vor kurzem noch hatte er in kleiner Runde eingeräumt, die politischen und gesellschaftlichen Widerstände am Finanzplatz Frankfurt und in Wiesbaden unterschätzt und Fehler in der Kommunikation begangen zu haben. Ein solches Eingeständnis kam ihm gestern nicht mehr über die Lippen. Er sprach lediglich davon, „aus den Erfahrungen gelernt zu haben“. Das Thema Großfusion ist auf absehbare Zeit jedoch vom Tisch, wie der Börsen-Chef in der Fragestunde betonte.

Info: Dahin flossen die Berater-Millionen

Der geplatzte Zusammenschluss mit der Londoner Börse war ein teures Vergnügen für die Deutsche Börse. Insgesamt hätten die Kosten bei 76,5 Millionen Euro gelegen, sagte Börsenchef Carsten Kengeter.

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Den schwarzen Peter für das Scheitern schob er aber überraschend dem einstigen Wunschpartner von der Themse zu: „Wir müssen akzeptieren: Unsere Partner in London haben beschlossen, eine Auflage der EU-Wettbewerbskommission nicht zu erfüllen. Die EU-Kommission hat das Vorhaben daraufhin untersagt.“ Diese Schuldzuweisung darf zusammen mit dem Strategieschwenk hin zum Single-Leben als Kengeters Versuch eines Befreiungsschlages gedeutet werden. So hat es auch Aktionär Sigmar G. aus Kronberg während des Mittagsnacks im Foyer bei Kartoffelsalat und Cordon Bleu gedeutet.

Im Stil von Jürgen Klopp

Die gestrige Hauptversammlung in der Frankfurter Jahrhunderthalle nutzte der frühere Investmentbanker Kengeter, um die knapp 700 versammelten Anteilseigner im Stakkato-Stil eines Jürgen Klopp auf Neues einzuschwören: „Wir sind auch allein stark. Wir knüpfen an unsere Stärken an. Mit aller Kraft. Jetzt erst recht.“

Die Aktionäre waren gestern nicht auf Krawall gebürstet. Das Rekordergebnis des Geschäftsjahres 2016 und die sehr ordentliche Dividende stimmten milde. Fragen nach einem möglichen Rücktritt Kengeters wurden nicht direkt gestellt. Ein Aktionärsvertreter wagte sich wenigstens so weit aus der Deckung, festzustellen, dass die Deutsche Börse nun keinen „Dealmaker wie Kengeter, sondern einen Strategen“ brauche. Der Vertrag des Vorstandsvorsitzenden endet am 31. März 2018. Über eine Verlängerung werde der Aufsichtsrat rechtzeitig entscheiden, sagte Faber.

Vielleicht ist die Milde der Aktionäre aber auch nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn die Ermittlungen der Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf verbotenen Insiderhandel laufen weiter. Der so Bezichtigte sagte dazu: „Insiderhandel widerspricht allem, wofür ich stehe.“ Dennoch beklagten mehrere Aktionäre den gewaltigen Imageschaden, mit dem sich der Frankfurter Börsenbetreiber dadurch konfrontiert sehe. Anlass der Ermittlungen und Auslöser mehrerer Razzien ist ein millionenschweres Aktiengeschäft von Kengeter vom 14. Dezember 2015. Die Ankläger werfen ihm vor, zu diesem Zeitpunkt bereits Kenntnis von der geplanten Fusion gehabt zu haben. Öffentlich bekannt gemacht wurde das Vorhaben jedoch erst im Februar 2016. Kengeter bestreitet die Anschuldigung. Der Aufsichtsrat hat ihm sein Vertrauen ausgesprochen.

„10 Millionen sind genug“

Kritik musste sich der Börsenchef wegen seines hohen Gehaltes gefallen lassen. Über sieben Millionen Euro hat Kengeter 2016 verdient. Das aktuelle Vergütungsprogramm sieht zudem Bonuszahlungen vor, die in der Spitze 35 Millionen erreichen können. Christian Strenger, Ex-Chef der Fondsgesellschaft DWS, sprach sich unter großem Applaus für eine Deckelung aus: „Zehn Millionen sind genug.“

Zurück im Foyer bei Kaffee und Kuchen schimpften Aktionäre auf die Deutsche Bank, die auf ihrer heutigen Hauptversammlung kein Mittagessen mehr anbiete und auch kein RMV-Ticket für die An- und Abreise bezahle. Da sei die Deutsche Börse beispielhaft...

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