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Verkehrskonzept der Zukunft: Kleines Start-up mit großen Ideen

Von Ein 2010 von Studenten gegründetes Start-up hat es in kurzer Zeit geschafft, das Interesse von Global Playern wie der Deutschen Bahn und General Motors zu wecken. Das Beispiel verdeutlicht, dass viele Konzerne frische Ideen lieber einkaufen als selbst zu entwickeln.
Moritz Keck und Martin Patri planen ihre Autofahrten vom Smartphone aus: Das spart nicht nur Sprit, sondern sorgt auch für jede Menge neue Bekanntschaften. Foto: Christian Christes Moritz Keck und Martin Patri planen ihre Autofahrten vom Smartphone aus: Das spart nicht nur Sprit, sondern sorgt auch für jede Menge neue Bekanntschaften.
Frankfurt. 

Ob Moritz Keck geschäftlich oder privat unterwegs ist – am liebsten lässt er sein eigenes Auto in der Garage stehen und greift stattdessen zum Handy. Dort sucht er über die Mitfahr-App Flinc nach Personen, die ebenfalls in seine Richtung wollen und ihn gegen etwas Spritgeld als Beifahrer an Bord nehmen. Diesmal sitzt der 31-jährige Media-System-Designer allerdings selbst am Steuer und teilt sich den Weg mit seinem Kollegen Martin Patri (33), der gerne in die Rolle eines professionellen Copiloten schlüpft – und dabei nicht nur Sprit spart, sondern auch neue Bekanntschaften schließt.

Keck und Martin arbeiten für das vor sechs Jahren an der Hochschule Darmstadt entstandene Start-up Flinc. Gemeinsam mit inzwischen 28 weiteren Mitarbeitern möchten sie dazu beitragen, die Welt des Autoverkehrs zu revolutionieren. „Unser Ziel ist es, durch weniger Verkehr auf der Straße weniger Stau zu erzeugen und zugleich den knappen Parkraum in Innenstädten besser zu nutzen“, erklärt Keck. „Wir konzentrieren uns dabei auf Kurz- und Mittelstrecken. Da weiß ich als Fahrgast schneller, bei wem ich mitfahre, und es bilden sich neue Bekanntschaften“, fügt sein Kollege Martin Patri an.

Klimaschutz-Preis erhalten

Um immer mehr Pendler dazu zu bewegen, sich den Weg zur Arbeit zu teilen, riefen Patri, Keck und ihre Mitstreiter im Dezember 2015 die Initiative „2proAuto“ ins Leben und gewannen damit prompt den Frankfurter Klimaschutzpreis. „Im Rhein-Main-Gebiet und auch deutschlandweit sind wir derzeit mit vielen Landkreisen, Städten und Unternehmen im Gespräch. Wir bieten ihnen eine speziell auf deren Bedarf zugeschnittene Software, die die Lücke zwischen öffentlichen Verkehrsmitteln und privaten Mitfahrgelegenheiten schließt“, erläutert Keck, was Flinc für Kommunen wie Privatnutzer gleichermaßen attraktiv macht.

Kurz umrissen ist Flinc eine Art mobile Mitfahrzentrale: Am Computer oder über das Smartphone können Nutzer ihre geplanten Fahrten auf die Online-Plattform stellen und nach geeigneten Mitfahrern suchen – oder sich anderen Fahrgemeinschaften anschließen. Auf Kurz- und Mittelstrecken bewegt sich der von der Software empfohlene Fahrpreis bei etwa zwölf Cent pro Minute. Doch über die tatsächlichen Kosten der Fahrt einigen sich die Nutzer meist untereinander. Deutschlandweit sind bereits 250 000 Nutzer registriert

Am Nutzer ausgerichtet

„Primär ist das System für Pendler gedacht. Leute vernetzen sich dort miteinander, die sich sonst nie begegnet wären“, sagt Moritz Keck und erzählt vom Marketing-Spezialisten, der sich den Weg zur Arbeit plötzlich mit der Buchhalterin aus der Nachbar-Abteilung teilt. Das sei nicht nur privat bereichernd, sondern auch gut für das Teamgefühl innerhalb eines Unternehmens. Gleichzeitig sparen Unternehmen Geld, etwa wenn mehrere Mitarbeiter ihre Dienstreise im gleichen Firmenwagen antreten.

Dieser Ansatz überzeugte bereits eine Reihe namhafter Unternehmen. So nutzt der Konsumgüter-Riese Procter & Gamble Flinc als firmeninterne Mitfahrzentrale. Auch die 12 000 Mitarbeiter am Opel-Stammsitz in Rüsselsheim können via Flinc seit einiger Zeit gemeinsam den Weg zur Arbeit antreten. „Ein wesentlicher Einnahme-Kanal besteht derzeit aus diesen Unternehmenslösungen“, erläutert Keck und verweist auf rund 35 Großkunden, die bereits auf Flinc vertrauen. Für die Unternehmen hat der organisierte Mitfahrservice den Vorteil, dass ihre Mitarbeiter bereits auf dem Weg zur Arbeit miteinander über berufliche Themen ins Gespräch kommen und ganz nebenher aus Kollegen Freunde werden.

Frisches Geld für Ideen

Zwei weitere Großunternehmen haben das Startup indes aus ganz anderen Gründen für sich entdeckt. Im Sommer 2015 haben die Deutsche Bahn AG (DB) und der Autobauer General Motors (GM) Minderheitsbeteiligungen an Flinc erworben und den jungen Technik-Tüftlern einen wichtigen Wachstumsschub beschert. Durch den Einstieg der beiden Großinvestoren hat das Start-up neue finanzielle Ressourcen erhalten. „Für diese Unternehmen ist das ein strategisches Investment – und ganz nebenbei lernen sie von uns, wie agiles Entwickeln von Software funktioniert“, erklärt Keck, was sich DB und GM von der Kooperation erhoffen.

Denn in Zeiten, in denen sich gerade in urbanen Ballungsräumen viele jüngere Arbeitnehmer kein eigenes Auto mehr leisten können oder wollen, suchen Autobauer händeringend nach neuen Einnahmequellen und Vertriebswegen. Seit Jahren experimentieren sie mit Car-Sharing-Flotten und setzen auf den stetig wachsenden Markt flexibler Mobilität. „Ich habe 2012 bei der DB-Tochter book-n-drive gearbeitet, deren Angebot seinerzeit fast niemand genutzt hat. Mittlerweile ist das System im Markt angekommen“, berichtet Martin Patri von der Schnelllebigkeit des Marktes.

Nun sei die Zeit reif für die nächste Stufe, das sogenannte „Ride Sharing“: „Viele Autos sind schlecht ausgelastet und stehen oft nutzlos rum. Das ist, als würde ich einen Wein kaufen und davon nur eine Viertelflasche trinken“, erklärt Patri. Schon bald werde das Kerngeschäft von Autobauern nicht mehr darin bestehen, Autos zu verkaufen, sondern Mobilität anzubieten. Um diese Entwicklung nicht zu verschlafen, lohnen sich gezielte Kooperationen mit Startups wie Flinc, die mit überschaubarem unternehmerischen Risiko die Grundlagen für den Mobilitätsmarkt der Zukunft schaffen.

Bis das Team von Flinc sein Ziel erreicht hat, das von ihnen entwickelte Verkehrskonzept der Zukunft in den Alltag zu überführen, wird es wohl noch etwas dauern. „Wir haben die kritische Masse noch nicht erreicht. Aber wir wollen uns als gleichrangiges Verkehrsmittel auf großem Raum etablieren“, sagt Moritz Keck.

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