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Energiewende: Klimaschutz setzt Ölgiganten unter Druck

Von Klimaziele, Umwälzungen auf den Energiemärkten und die Elektrifizierung der Mobilität bedrohen das Geschäftsmodell der Mineralölkonzerne. Auf Druck ihrer Investoren ziehen sie sich nun verstärkt aus langfristigen Förderprojekten zurück und beginnen, sich den erneuerbaren Energien zuzuwenden. Zu früh, sagen Kritiker.
Der abendliche Verkehr rauscht in Frankfurt an einer Shell-Tankstelle an der Friedberger Landstraße vorbei. Noch verdienen die Ölmultis Milliarden mit Kraftstoffen wie Benzin und Diesel. Aber für das Zeitalter der Elektro-Mobilität müssen sie sich jetzt schon rüsten. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Der abendliche Verkehr rauscht in Frankfurt an einer Shell-Tankstelle an der Friedberger Landstraße vorbei. Noch verdienen die Ölmultis Milliarden mit Kraftstoffen wie Benzin und Diesel. Aber für das Zeitalter der Elektro-Mobilität müssen sie sich jetzt schon rüsten.
Frankfurt. 

„Die Zivilisation benötigt Energie; aber Energie darf nicht die Zivilisation zerstören“, mahnte vergangene Woche Papst Franziskus im Vatikan. Dass sich der Papst mit dem Klimawandel auseinandersetzt, ist nicht verwunderlich – darauf deutet schon der Name hin, den er als Pontifex Maximus für sich ausgesucht hat. Denn der heilige Franz von Assisi wurde 1979 zum Schutzpatron der Ökologie ernannt.

Ungewöhnlich war jedoch das Publikum, dem die Gardinenpredigt des Papstes galt: Im Vatikan versammelt waren Chefs von Erdöl-Konzernen wie Exxon Mobil aus den USA, BP aus Großbritannien oder der italienischen Eni sowie Investoren wie Larry Fink, der an der Spitze von Blackrock steht – der weltweit größten Fondsgesellschaft. Dem Vernehmen nach zeigte sich der Papst vor allem darüber beunruhigt, dass immer noch nach neuen Quellen fossiler Brennstoffe gesucht wird, während das Pariser Klima-Abkommen darauf drängt, den Großteil von Kohle, Öl und Gas in Mutter Erde zu belassen.

Ganz gleich wie gottesfürchtig die Konzernbosse von „Big Oil“ sind – noch vor wenigen Jahren wäre der Papst mit seinen Bedenken bei ihnen auf taube Ohren gestoßen. Aber nun scheint er da offene Türen einzurennen. Nicht, weil das Geschäft mit dem schwarzen Gold keine satten Gewinne abwirft. Nein, die schlechten Jahre, die im Sommer 2014 ihren Anfang nahmen, sind erst einmal vorbei. Mehr als 110 Dollar hatte damals ein Barrel Öl gekostet – dann schmierte der Ölpreis bis Mitte 2016 um mehr als 70 Prozent ab, auf zeitweise unter 30 Dollar. Die Gewinne der Rohstoff-Riesen zerbröselten.

Gewinne sprudeln kräftig

Aber im Sommer 2017 folgte die große Wende: Angetrieben vom globalen Wirtschaftswachstum, von geopolitischen Risiken und einer bis dato restriktiven Förderung der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) hat der Ölpreis im Mai sogar die 80-Dollar-Marke überschritten. Aufgrund des eskalierenden Handelskonflikts zwischen den USA und China ist der Preis seitdem zwar auf circa 74 Dollar gesunken – und ein weiterer Rückgang erscheint nach dem heute beginnenden Opec-Treffen wahrscheinlich. Aber inzwischen erwirtschaften die Öl-Multis nach Berechnungen von Analysten auch bei 70 Dollar satte Gewinne. Denn während der mageren Jahre haben die Ölkonzerne ihre Kosten kräftig nach unten gefahren. So haben die fünf unabhängigen Branchenriesen Shell, BP, Exxon Mobil, Chevron und Total im vergangenen Jahr ihre Gewinne beinahe verdreifacht – auf zusammengerechnet 53,6 Milliarden Dollar. Und wie die Berichte zum ersten Quartal zeigen, sprudeln die Gewinne der Fossil-Giganten in diesem Jahr kräftig weiter.

Das Ölgeschäft läuft derzeit also wie geschmiert. Wenn die Konzerne trotzdem ihr Geschäftsmodell überdenken, ist das nicht der Kritik höchster apostolischer Amtsgewalt geschuldet, sondern vor allem dem Druck der Investoren, die um ihre Renditen fürchten. Wodurch sehen sie die gefährdet? Zum einen durch das Pariser Klima-Abkommen, wonach die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius im Vergleich zum Niveau vor Beginn der Industrialisierung begrenzt werden soll. Die Folge sind strengere Umweltvorgaben, die auch die Ölindustrie einschränken werden. Denn 18 von 25 Unternehmen, die für mehr als die Hälfte der industriellen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sein sollen, sind Ölkonzerne. Zum anderen sehen die Investoren ihre Renditen durch die steigende Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren Energien sowie den Siegeszug der Elektroautos gefährdet. Und nun will die EU-Kommission auch noch ein Plastikverbot für Einwegprodukte auf den Weg bringen. Entsprechend deutlich haben Klimaziele und Marktveränderungen das Umweltbewusstsein der Öl-Investoren geschärft.

Da ist zum Beispiel der Allianz-Konzern: „Der Klimawandel birgt enorme ökonomische und soziale Risiken“, sagt Vorstandschef Oliver Bäte. Die Allianz wolle deshalb den Übergang zu einer klimafreundlichen Wirtschaft vorantreiben. Alle Unternehmen, die in den nächsten Jahrzehnten ihre Treibhausgas-Emissionen nicht an das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Abkommens anpassten, würden schrittweise aus dem Portfolio genommen. Ähnlich geht der schärfste Rivale der Allianz vor, der französische Versicherer Axa: Das Unternehmen will nicht mehr in Energieunternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihrer Stromerzeugung mit der klimaschädlichen Kohle bestreiten. Aus dem besonders umstrittenen Geschäft mit Ölsand zieht sich das Unternehmen ganz zurück. Zudem steigert es bis 2020 seine Investitionen in erneuerbare Energien auf zwölf Milliarden Euro. „Wir dürfen nicht nur predigen, wir müssen liefern“, sagt Konzernchef Thomas Buberl. „Sich für das Zwei-Grad-Ziel einzusetzen ist für uns keine Last, sondern eine Chance.“

So sehen das in Frankreich – wo der Anteil fossiler Energieträger an der Stromproduktion bis 2030 um 30 Prozent sinken soll – auch die Großbanken: BNP, Crédit Agricole und Société Générale haben angekündigt, die Zusammenarbeit mit Unternehmen zu stoppen, deren Kerngeschäft Schieferöl, Schiefergas und Ölsand sind. Forschungs- und Förderprojekte für Öl und Gas in der Antarktis wollen sie auch nicht mehr finanzieren.

Staatsfonds, die ihr Geld besonders langfristig anlegen, gehen ebenfalls auf Abstand zu fossilen Energieträgern. Etwa der Staatsfonds Norwegens – der größte der Welt. Ziel dieses Fonds ist es, die Geldanlagen so langfristig auszurichten, dass seine Laufzeit quasi unbegrenzt ist. Deshalb hat die norwegische Regierung nun beschlossen, dass er künftig viel mehr Geld in Wind- und Solarparks investiert. Seine Beteiligungen an internationalen Öl- und Gasunternehmen will der Fonds verkaufen.

So sehen sich die Ölkonzerne gezwungen, auf die internationalen Anstrengungen beim Klimaschutz und die Umwälzungen im Verkehrssektor zu reagieren. Ohnehin wird in der Ölindustrie längst nicht mehr über „Peak-Oil“ diskutiert – also darüber, wann der Höhepunkt der Ölproduktion eintritt –, sondern über „Peak-Demand“. Also über die Frage, wann das Ende des Wachstums bei der Nachfrage erreicht sein wird. Um auf lange Sicht zu überleben, beginnen die fossilen Dinosaurier deshalb, sich zu wandeln. Das ist auch an den Investitionen abzulesen. Wie das renommierte Analysehaus Rystad Energy errechnet hat, werden die großen Ölkonzerne nach derzeitigem Stand in der zweiten Hälfte dieser Dekade nur rund 444 Milliarden Dollar investieren. Zum Vergleich: Zwischen 2010 und 2015 waren es noch 875 Milliarden. Der Rückgang ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass die Unternehmen sich kaum noch trauen, Geld in Mega-Projekte zu stecken – beispielsweise in die Erkundung von Ölvorkommen in der Arktis oder in die ausgesprochen umwelt- und klimaschädliche Verarbeitung von Ölsand in Kanada. „Die Unsicherheit in den Führungsetagen der Konzerne ist so groß“, bestätigt Andrew Gould, Ex-Chef des weltgrößten Ölservice-Unternehmens Schlumberger, „es wird immer schwieriger, Vorstände dazu zu bewegen, Erdöl-Projekte zu genehmigen, die sich über 15 oder mehr Jahre erstrecken.“ Dabei ist vor allem das Offshore-Geschäft mit den Bohrinseln auf hoher See unter Druck: Aktuell liegen mehr als 100 Großprojekte im Gesamtwert von rund 300 Milliarden Dollar auf Eis.

Grünes Engagement

Stattdessen bemühen sich die Unternehmen zum einen, mittels neuer Technologie mehr Öl aus den bestehenden Feldern herauszuholen; außerdem beteiligen sie sich verstärkt an der kurzfristig orientierten US-Schieferöl-Produktion. Zum anderen richten sie sich neu aus, indem sie nun Geld in erneuerbare Energien und alternative Kraftstoffe investieren – allen voran der Marktführer Royal Dutch Shell. „Da sich die Welt immer stärker in Richtung eines treibhausgasarmen Energiesystems bewegt, müssen wir neue Fähigkeiten entwickeln“, bekannte dessen Aufsichtsratschef Chad Holliday vor zwei Monaten gegenüber Investoren. „Deshalb investieren wir in neue Energiebereiche – sei es Wind- oder Solarenergie, Ladesäulen für E-Autos oder Bio-Kraftstoffe.“ Mehr als nur ein Lippenbekenntnis, mit dem sich der niederländisch-britische Konzern bloß einen grünen Anstrich geben will. Zwei Milliarden Dollar wolle Shell in diesem und im kommenden Jahr in die neuen Energien investieren, betont Vorstandschef Ben van Beurden. So hat Shell vor einem Monat für einen hohen zweistelligen Millionenbetrag, wie es heißt, den bayerischen Batterie-Hersteller Sonnen übernommen. Kurz zuvor kaufte Shell die niederländische New Motion, einen Anbieter von Ladestationen für E-Autos. Und auch die anderen Mineralöl-Riesen sind dabei, sich mit Milliarden-Investitionen für das neue Energie-Zeitalter zu rüsten. So hat sich BP gerade erst an dem Batterie-Start-up Storedot aus Israel beteiligt, das an einer Batterie forscht, die die Ladezeit für E-Autos auf unter fünf Minuten senken soll.

Angst vor hohen Preisen

Gemessen an den Gesamterträgen der großen Ölkonzerne nimmt sich deren Engagement in den Erneuerbaren zwar noch recht bescheiden aus – nach einer Studie der Unternehmensberatung Wood Mackenzie müssten sie bis 2035 mindestens 350 Milliarden Euro in grüne Energien investieren, um ihre jetzige Marktmacht zu erhalten. Aber dass die Konzerne nicht mit Höchstgeschwindigkeit ins neue Energiezeitalter starten, hat seinen Grund: Noch ist nämlich unklar, wann das alte Energiezeitalter vorüber ist, sprich: ab wann die Nachfrage nach Öl nachhaltig zurückgehen wird. Die Schätzungen darüber, wann es so weit sein wird, gehen weit auseinander: Einige Experten behaupten, schon 2023 – andere, erst 2060.

Deshalb befürchten einige Beobachter, dass sich die Öl-Konzerne – besonders angesichts des steigenden Bedarfs in den Schwellenländern Afrikas und Asiens – zu früh aus langfristigen Förderprojekten zurückziehen. Dass das Öl-Angebot deutlich sinkt, bevor die erneuerbaren Energien in der Lage sind, die Lücke entsprechend zu füllen. „Die Folge wären Versorgungsengpässe und Preissteigerungen beim schwarzen Gold, die die gesamte Weltwirtschaft in einer Rezession stürzen könnten“, warnt Chris Midgley, der früher Chef-Volkswirt bei Shell war und heute die Analyse-Abteilung bei S & P Global Platts leitet. Das sieht auch der frühere Vorstandschef von BP, Tony Hayward so: „Die Mineralöl-Konzerne werden gezwungen, wider besseren Wissens auf wichtige Förderprojekte zu verzichten“, so der Manager, der nun den Verwaltungsrat des Rohstoff- und Bergbaukonzerns Glencore führt. „Ich fürchte, dass wir schon Anfang der 2020er Jahre einen Versorgungsengpass erleben werden.“

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