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Börse: Konjunktur-Optimismus: Angst vor hoher Inflation schwächt Aktien

Es erscheint paradox: Aber es sind vor allem gute Konjunktur-Daten, die in den vergangenen Tagen die Kursabstürze diesseits und jenseits des Atlantiks ausgelöst haben.
Zum Handelsauftakt ging es gestern mit dem Leitindex Dax erneut deutlich nach unten – später konnte er sich etwas erholen. Foto: Boris Roessler (dpa) Zum Handelsauftakt ging es gestern mit dem Leitindex Dax erneut deutlich nach unten – später konnte er sich etwas erholen.
Frankfurt. 

Ganz so schlimm wie zuvor für die Aktienmärkte in den USA und dann in Asien ist es gestern für den Dax nicht gekommen. Aber man hat gespürt: Vielen Anlegern war am Dienstag der Schrecken über einen fast fünfprozentigen Absturz an der Wall Street tief in die Glieder gefahren. Bei einem äußerst regen Aktienhandel ging der Dax mit einem Minus von 2,3 Prozent bei einem Fünf-Monats-Tief von 12 392 Zählern aus dem Handel. Dabei hatte er bereits in den Vortagen die gesamten Kursgewinne dieses Jahres eingebüßt. Kein Zweifel: An den Börsen herrscht große Unsicherheit. Die „Angstbarometer“ – sie messen die Nervosität der Anleger – schlugen dies- und jenseits des Atlantiks heftig aus: In Europa schoss der entsprechende Index „VStoxx“ um 71 Prozent nach oben und notierte zeitweise so hoch wie noch nie. Das New Yorker Pendant notierte zeitweise so hoch wie seit dem Crash an den chinesischen Börsen im August 2015 nicht mehr.

Was hat die Anleger dazu gebracht, ihre Aktien in so großer Zahl zu verkaufen?

Auslöser der jüngsten Verkaufswellen sind vor allem die Spekulationen auf schneller steigende Zinsen, zumindest in den USA. Die machen Anleihen von Staaten und Unternehmen deutlich attraktiver gegenüber Aktien, die in den vergangenen Jahren von der Niedrigzins-Politik der großen Notenbanken profitiert hatten. Schließlich mussten die Investoren ja irgendwo hin mit ihrem Geld. Und da beispielsweise die als äußerst sicher geltenden Bundesanleihen nichts einbrachten, setzten die Investoren daher verstärkt auf Aktien.

Das jähe Ende der Trump-Rally?

Die Börse zählt zu den Lieblingsthemen von Donald Trump – kein Wunder, seine Präsidentschaft war bislang von steten Kursanstiegen begleitet.

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Woher rührt die Erwartung schneller steigender Zinsen?

Anlass zu dieser Erwartung gibt in erster Linie die gute wirtschaftliche Lage. Vor allem in den USA herrscht seit längerem großer Konjunktur-Optimismus. Und der ist am Freitag weiter angeheizt worden von sehr guten Arbeitsmarkt-Daten, die die US-Notenbank Fed bei ihren Zinsentscheidungen mit berücksichtigt. Zusätzlichen Auftrieb erwarten die Märkte von der milliardenschweren Steuerreform von US-Präsident Donald Trump. Sollte die US-Volkswirtschaft tatsächlich heißlaufen, würde aber die Inflation stärker ansteigen als erwartet. Und dann müsste die Fed die US-Leitzinsen schneller anheben als bislang von ihr avisiert. Das schadet dem Aktienkurs. Und dass die Zinsen relativ schnell weiter steigen werden, gilt als sicher. Hatte die US-Notenbank Fed deutliche Signale gegeben, dass eine nächste Leitzinserhöhung im März folgen wird und zwei weitere im Laufe des Jahres anstehen, rechnen nach den starken US-Arbeitsmarktdaten viele Beobachter mit vier Zinserhöhungen der Fed.

Aber die Europäische Zentralbank (EZB) hat doch klargestellt, dass sie die Zinsen im Euroraum frühestens 2019 anheben wird?

Das stimmt. Und im Euro-Raum ist die Inflation auch bei weitem nicht so hoch wie in den USA: Liegt dort die Teuerungsrate bei 2,1 Prozent, beträgt sie in der Eurozone gerade mal 1,3 Prozent. Und wie die Fed sieht auch die EZB erst bei knapp zwei Prozent die Preisstabilität als gewährleistet an. Aber zum einen hat die EZB ihr Anleihen-Kaufprogramm zu Beginn des Jahres halbiert und signalisiert, dass sie dieses im September ganz auslaufen lassen könnte. Zum anderen ziehen die marktbeherrschenden US-Anleihen die Papiere im Euroraum üblicherweise mit.

Ist das denn jetzt schon zu beobachten?

Ja. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe ist auf den höchsten Stand seit vier Jahren gestiegen. Allein seit Januar kletterte die Verzinsung um einen halben Prozentpunkt auf bis zu 2,88 Prozent. Die durchschnittlich prognostizierte Jahresend-Rendite von 2,9 Prozent ist damit schon fast erreicht. Die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe hat sich seit Jahresanfang auf 0,78 Prozent fast verdoppelt. Damit liegt sie so hoch wie seit zweieinhalb Jahren nicht. Und die an der Börse gehandelte fünfjährige Bundesanleihe rentiert erstmals seit gut zwei Jahren über der Null-Prozent-Schwelle.

Aber taugt diese „Zinsangst“ allein als Erklärung für den Kurs-Absturz an der Wall Street?

Nicht ganz. Auch der automatisierte Handel hat zu den teils extremen Börsen-Reaktionen beigetragen: Ein Großteil der Finanzmärkte ist inzwischen durch Computer-Programme gesteuert und quasi auf Autopilot. Werden bestimmte Kursmarken durchbrochen, werfen die „Algo-Trader“ weitere Papiere auf den Markt und verstärken so den Kursverfall. Dieses „Flash Crash“ genannte Phänomen ist am Montag auch an der Wall Street zu beobachten gewesen.

Und wie geht es nun weiter?

Beobachter rechnen vorerst nicht mit einem langanhaltenden Absturz an den Börsen. „Korrektur ja, Crash und Bärenmarkt nein“, sagt auch Deka-Bank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. „Die Korrektur muss morgen nicht gleich wieder vorbei sein, sie wird aber wieder Käufer anlocken, die vorher aus dem Markt ausgestiegen waren.“ Experten der Berenberg Bank sehen die Finanzmärkte auf dem Weg zur Normalisierung. Der Kurseinbruch sei bislang nicht mehr als eine Korrektur nach der Übertreibung der letzten Monate: „Der Anstieg der Anleiherenditen spiegelt eine Rückkehr zur Normalität bei Wirtschaftswachstum und Inflation wider“, sagen sie. Die Deutsche Bank empfiehlt Anlegern, die Füße stillzuhalten. „Ich gehe zwar davon aus, dass die wichtigsten Aktienindizes am Jahresende höher stehen werden als heute“, erläutert Chef-Anlagestratege Ulrich Stephan. „Die Schwankungsbreite dürfte jedoch hoch bleiben.“ Und auch Andrew Milligan von Aberdeen Standard Investments warnt: „Das Schlimmste, was man jetzt tun könnte, ist in Kurzschlussreaktionen zu verfallen.“

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