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Thyssenkrupp: Konzern-Umbau nach Großfusion?

Durchbruch für Thyssenkrupp-Chef Hiesinger nach über zweijährigen Verhandlungen: Nach der Unterzeichnung der Verträge mit Tata geht der Umbau des Konzerns in die heiße Phase.
Dem Konzern Thyssenkrupp, hier die Zentrale in Essen, steht ein weiterer Umbau bevor. Foto: Marius Becker (dpa) Dem Konzern Thyssenkrupp, hier die Zentrale in Essen, steht ein weiterer Umbau bevor.
Essen. 

Vor dem Hintergrund von weltweiten Überkapazitäten beim Stahl schließen sich die Konkurrenten Thyssenkrupp und Tata zusammen und gründen gemeinsam den zweitgrößten Stahlkonzern Europas. Nach über zweijährigen Verhandlungen unterzeichneten beide Unternehmen die Verträge für ein Stahl-Gemeinschaftsunternehmen. Damit ist auch der Weg frei für einen weiteren Umbau bei Thyssenkrupp. Die Strategie solle bis Mitte Juli vorgelegt werden, kündigte das Unternehmen an.

Entstehen soll Europas zweitgrößter Stahlkonzern nach Arcelor-Mittal mit 48 000 Mitarbeitern, einem Umsatz von 17 Milliarden Euro und Werken in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden. Thyssenkrupp soll mit einem Anteil von 50 Prozent beteiligt sein. Erwartet werden jährliche Synergien von 400 bis 500 Millionen Euro. Die Transaktion steht unter dem Vorbehalt der Freigabe durch die Wettbewerbsbehörden.

Das Gemeinschaftsunternehmen Thyssenkrupp Tata Steel soll seinen Sitz in den Niederlanden haben. „Mit dem Joint Venture sichern wir uns langfristig eine wettbewerbsfähige Position in der europäischen Stahlindustrie – mit einem überzeugenden industriellen Konzept und auf Basis einer klaren strategischen Logik“, sagte Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger. „Damit erhalten wir langfristig Arbeitsplätze und Wertschöpfungsketten in europäischen Schlüsselindustrien.“

Für den seit sieben Jahren an der Konzernspitze stehenden Manager ist die nun erzielte Vereinbarung ein lang erwarteteter Befreiungsschlag. Zuletzt war er unter Druck geraten, weil Anteilseigner mehr Tempo beim Umbau des Ruhrkonzerns gefordert hatten. Einzelne Investoren wie etwa der als aktivistisch geltende US-Investor Paul Singer und sein Hedgefonds Elliott hatten dabei vor allem den Thyssenkrupp-Chef scharf attackiert.

„Hiesinger sitzt jetzt wieder deutlich fester im Sattel“, stellte Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpaperbesitz (DSW) fest. Auch die Bilanz des Konzerns sehe deutlich besser aus. Nun werde die Strategie mit Spannung erwartet. „Jetzt wollen alle wissen, wie es weitergeht“, sagte Hechtfischer.

Großaktionär drängt

Thyssenkrupp-Großaktionär Cevian drängt auf einen weiteren Umbau des Mischkonzerns. „Die Gründung des Stahl-Joint-Ventures und die Ausgliederung des Stahlgeschäfts aus der Thyssenkrupp AG ist ein Schritt, um die hohe Komplexität der Konglomeratsstruktur zu reduzieren“, teilte Cevian-Gründer Lars Förberg mit. „Jetzt muss für jede der Sparten konsequent geprüft werden, welche Struktur und welche Eigentumsverhältnisse am besten geeignet sind.“ Die Geschäftsbereiche der Gruppe könnten nur dann überleben und erfolgreich sein, wenn sie schlank und effizient aufgestellt seien.

Cevian, nach der Krupp-Stiftung zweitgrößter Aktionär bei Thyssenkrupp, drängt zur Eile: „Das Joint Venture muss nun zügig und mit der nötigen Konsequenz realisiert werden, damit dessen volles Potential ausgeschöpft werden kann“, betonte Förberg. Branchenexperten gehen davon aus, dass Thyssenkrupp nach der Stahlsparte auch die Werkstofftochter Materials Services zur Disposition stellt und eine komplette oder teilweise Trennung von seiner Werftentochter Marine Systems auslotet.

Nach heftigen Protesten hatten zuletzt auch die Arbeitnehmervertreter Zustimmung zur Stahlfusion signalisiert. „Ich bin froh, dass wir Klarheit haben und die Beschäftigten nach einer ewig langen Zeit der Unsicherheit nun wissen, wohin die Reise geht“, sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Thyssenkrupp-Stahlsparte, Tekin Nasikkol. „Wir erwarten, dass die Belegschaft mitgenommen und offen kommuniziert wird. Wir erwarten auch vom Vorstand, dass die Mitbestimmung im Joint Venture von Anfang an eingebunden wird.“ Die deutschen Stahlkocher hatten zuvor eine Beschäftigungsgarantie bis zum 30. September 2026 sowie eine langfristige Standortsicherung erhalten. Geplant ist aber der Abbau von bis zu 4000 Stellen, davon etwa die Hälfte in Deutschland.

Weitere Einschnitte

Zuletzt hatten Bewertungsfragen im Mittelpunkt der komplizierten Gespräche gestanden. Im Fall eines Börsengangs soll Thyssenkrupp einen höheren Anteil von 55 Prozent am Erlös erhalten, Tata 45 Prozent.

Experten wie Professor Roland Döhrn vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung schließen Einschnitte beim Stahl auch künftig nicht aus. „Solche Fusionen sind häufig der erste Schritt für Bereinigungen“, sagte Döhrn. Er ist aber überzeugt, dass die ausgehandelten Garantien verlässlich seien. „Das größte Problem der Stahlindustrie ist, dass die Nachfrage durch den Strukturwandel abnimmt“, so Döhrn. Viele Produkte wie Autos enthielten immer weniger Stahl, weil sie immer leichter würden. „Das sind Entwicklungen, denen kann sich die Branche nicht entziehen“, sagte Döhrn. Weltweit stehe die Stahlbranche daher vor weiteren Kapazitätsanpassungen.

(dpa,rtr)

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