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Früheres Engagement: Landgericht Frankfurt verurteilt Hasseröder-Investor

Von Ein Urteil des Landgerichts Frankfurt gewährt interessante Einblicke in Praktiken des Kronberger Finanzinvestors Daniel Deistler. Unterdessen organisiert der Hasseröder- und Diebels-Käufer sein künftiges Bierimperium.
Hasseröder-Käufer Daniel Deistler bei seinem Antrittsbesuch in der Brauerei in Wernigerode Foto: Z5023 Matthias Bein (dpa-Zentralbild) Hasseröder-Käufer Daniel Deistler bei seinem Antrittsbesuch in der Brauerei in Wernigerode
Kronberg. 

Der Kronberger Finanzinvestor Daniel Deistler, der mit dem Kauf der Bierproduzenten Hasseröder und Diebels in die Schlagzeilen gekommen ist, reagiert auf die Berichterstattung dieser Zeitung über seine früheren Engagements – mit rechtlichen Schritten. Unter anderem will die Berliner Anwalts-Boutique IrleMoser, Sitz in der Prachtstraße Unter den Linden, – bisher ohne Erfolg – die Aussagen untersagen lassen, dass Deistlers Kronberger Kleinfirma CK Corporate Finance keinerlei Eigenkapital, aber hohe Schulden habe. Das erwecke den unzutreffenden Eindruck, dass sie nicht in der Lage sei, den Kaufpreis für die beiden Brauereien zu leisten. Es handle sich bei der CK Corporate Finance um ein „Vehikel“, dessen eigene Finanzkraft keine Rolle spiele, da „die eigentlich den Kaufpreis zahlenden Akquisitionsgesellschaften selbstverständlich mit entsprechenden Mitteln ausgestattet werden.“

Wie er diese Mittel verdient und wie er es in der Vergangenheit mit Kaufpreisen hielt, zeigt zum Beispiel die Geschichte eines seiner letzten Engagements. Der Stuttgarter Automobilzulieferer Mahle hatte einen Käufer für seine Tochterfirma Behr mit 60 Beschäftigten im westsächsischen Mylau gesucht. Deistler war Anfang 2014 zur Stelle, eine seiner Zweckgesellschaften kaufte die Firma, die Felgen für Motorräder herstellte und die er postwendend in IAM Components umtaufte. Die in der Hans-Thoma-Straße 4 in Kronberg ansässige Zweckgesellschaft im alleinigen Eigentum Deistlers firmierte anschließend um und heißt bis heute „saxess Holding“.

Zynische Namenswahl

Das Kunstwort „saxess“ setzt sich offenbar aus dem Bundesland des Standorts und der englischen Vokabel für „Erfolg“ zusammen – eine Wortwahl, die angesichts der folgenden Ereignisse nur als zynisch zu bezeichnen ist. Denn nicht einmal ein Jahr später war das Unternehmen insolvent – und der Insolvenzverwalter Andreas Schenk (Zwickau) streitet bis heute mit Deistlers „saxess“ um Vermögenswerte. Deren Übertragung stellte eine anfechtbare Rechtshandlung dar, wie ein Urteil des Landgerichts Frankfurt vom 22. Juli 2016 besagt.

Danach wird Deistlers Firma verurteilt, Patente, Patentanmeldungen und Marken wieder an Insolvenzverwalter Schenk zu übertragen. Die vorherige Übertragung hat laut Urteil zu einer Gläubigerbenachteiligung geführt: „Von dem Vorsatz der Beklagten, die Gläubiger der Insolvenzschuldnerin zu benachteiligen, kann hier ausgegangen werden.“ Die Beweisaufnahme habe die Angabe, es sei vor November 2014 ein wirksamer Kaufvertrag geschlossen worden, nicht bestätigt. Auch sei die Übertragung ohne Gegenleistung erfolgt – die Beweisaufnahme habe ergeben, dass eine (zuvor erfolgte) Zahlung nicht als Kaufpreis für die Patente und Markenrechte angesehen werden könne.

Auch zitiert das Urteil die Feststellung des Insolvenzverwalters, dass ein Kaufpreis für den Anteilserwerb an der Firma Behr nicht geflossen ist. Im Gegenteil: Ein Mittelabfluss von 500 000 Euro sei im Rahmen des Kaufvertrags mit Mahle genehmigt worden, sagte ein Zeuge aus. Als sich die Mylauer aber kurz nach dem Verkauf mit der Bitte um „Liquiditätsgewährung“ (also frisches Geld) an Mahle wandten, weigerte sich der Konzern, laut Aussage des Zeugen, weil es weitere „Mittelabflüsse aus dem Vermögen gegeben habe, die nicht plausibel erschienen“ seien.

Auch die „Wirtschaftswoche“ zitiert einen ehemaligen Mitarbeiter mit der Aussage, Deistler sei nur daran interessiert gewesen, das Unternehmen auszuschlachten. Im Urteil ist von einem rückdatierten Vertrag die Rede; daneben auch von häufigen Geschäftsführer-Wechseln – zeitnah im Handelsregister bekanntgemacht worden seien diese zumindest zum Teil nicht.

Die Berufung läuft

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig; vor dem Oberlandesgericht Frankfurt läuft die Berufung, eine Verhandlung ist nach Aussage einer Sprecherin noch nicht terminiert. Auswirkungen auf das politische Klima hatten die Jobverluste aber möglicherweise schon: In der Stadt Reichenbach, zu der Mylau mittlerweile gehört, bekam die AfD bei der Bundestagswahl 25,5 Prozent der Erst- und Zweitstimmen.

Interessant ist im übrigen, dass Deistlers Anwälte sich nicht nur für jenen in die Bresche werfen, sondern auch für den Schweizer Firmensammler Hans-Dieter Fuchs, der heute in Südafrika lebt und den Deistler beim Kauf der Firma Betam beriet – ein Engagement, das ebenfalls in der Insolvenz endete. Falsch sei die Aussage, dieser sei in Südafrika ebenfalls in Betrugs- und Schadenersatzklagen verstrickt, so die Anwälte: Die Gerichtsverfahren seien sämtlich zugunsten von Fuchs rechtskräftig entschieden, in Straftaten sei er nicht verwickelt gewesen.

Ein Automobil-Manager

Bis Mitte des Jahres soll der Kauf von Hasseröder und Diebels abgeschlossen sein. Eine Sprecherin des Verkäufers Anheuser-Busch Inbev hatte auf unsere Frage, wie ernsthaft der Käufer geprüft worden sei, nur auf die Investmentbank verwiesen: Das habe alles die Deutsche Bank geregelt. Ein Sprecher der Bank wiederum wollte zu der Angelegenheit nicht Stellung nehmen.

Die zeitliche Abfolge spricht dafür, dass die anfangs in Berlin und nun auch unter Deistlers Kronberger Adresse registrierte „Blitz B16-218 GmbH“ bei der Übernahme von Hasseröder und Diebels eine Rolle spielen wird. Solche Gesellschaften richtet ein einschlägiger Dienstleister aus München auf Vorrat ein; seit dem 27. Dezember vorigen Jahres leitet sie der Interim-Manager Thomas Buchholz als Geschäftsführer. Dieser bestätigte der „Wirtschaftswoche“, dass die „Blitz“-Firma umbenannt und als Holding-Gesellschaft für Deistlers Bier-Beteiligungen in Erscheinung treten werde. Interessanterweise arbeitete der Ingenieur, der ebenso wie Deistler keinerlei Erfahrung in der Bierbranche hat, früher als Manager bei Mahle – womit sich der Bogen zu IAM schließt. Ein Vorschlag, analog zu „saxess“, für die Umbenennung dieser Firma: „Ex und hopp GmbH“.

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