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Arbeitsmarkt: Langzeitarbeitslosigkeit: "Keiner darf verloren gehen"

Von Die Konjunktur brummt, der Arbeitsmarkt in Hessen ist in blendender Verfassung. Im Kreis Fulda, im Hochtaunus- und Main-Taunus-Kreis herrscht beinahe Vollbeschäftigung. Doch 54 000 Menschen im Land sind als Langzeitarbeitslose registriert. Ist das der Club der Hoffnungslosen, oder lohnt es sich, für deren Aufnahme bzw. Rückkehr in den Arbeitsmarkt zu kämpfen?
<span></span> Foto: Oleg Iandubaev (72859641)
Wiesbaden. 

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist deutschlandweit von 1,7 Millionen im Jahr 2010 auf unter eine Million im Jahr 2017 gefallen. Auch in Hessen setzte sich dieser positive Trend fort: So waren im Juni 2018 nur noch knapp 54 000 Personen langzeitarbeitslos (2010: 74 000), was etwa einem Drittel aller Arbeitslosen entsprach. Somit konnten auch Personen mit schwierigeren Ausgangsbedingungen am Arbeitsmarkt von der guten Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre profitieren, wie die Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) aufzeigt.

Frank Martin hat sich auf die Fahne geschrieben, mit seinen 4000 Mitarbeitern in den Jobcentern dafür zu kämpfen, dass Langzeitarbeitslose wieder oder erstmals eine bezahlte Arbeit finden. „Die Arbeitsaufnahme ist schwer, aber nicht unmöglich“, sagte der Leiter der BA-Regionaldirektion Hessen gestern in Wiesbaden. Dabei kann er sich auf eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stützen.

Zu Langzeitarbeitslosen zählen jene, die länger als ein Jahr auf Arbeitssuche sind. Viele der Betroffenen haben keine Berufsausbildung. Foto: Jens Büttner/dpa
Langzeitarbeitslose Kommentar: Niemanden abschreiben

Noch nie hatten so viele Menschen in Deutschland einen Arbeitsplatz. Derzeit sind nur noch halb so viele Menschen arbeitslos wie 2005. Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist gesunken.

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Die Arbeitsmarktforscher skizzieren anhand der amtlichen Statistiken Hessens „typischen“ Langzeitarbeitslosen so: „Er ist männlich, deutsch und zwischen 45 und 55 Jahre alt. Er ist geringqualifiziert, hat einen Hauptschulabschluss, aber keine Berufsausbildung. Zusätzlich ist davon auszugehen, dass er am Anfang seines Berufslebens zeitweise arbeitslos war. Seine Arbeitslosigkeit dauert im Schnitt zwischen 12 und 24 Monaten, er ist nicht verheiratet, nicht alleinerziehend und ebenfalls nicht schwerbehindert.“

Etwa 15 000 der in Hessen lebenden Langzeitarbeitslosen hält Martin für kaum vermittelbar. Deren Handikaps seien vielschichtig. In der Regel treten gleich mehrere Hemmnisse auf, die eine Vermittlung scheitern lassen. Dazu zählt Martin eine fehlende Schul- oder Berufsausbildung, psychische Störungen, Suchterkrankungen oder Alleinerzieher. Für den Behördenchef gibt es aber keine hoffnungslosen Fälle – egal ob Schulabbrecher oder Suchtkranke.

„Der hessische Arbeitsmarkt ist immer noch sehr aufnahmefähig. Auch wenn die Chancen für diese Personengruppe nachweislich geringer sind, gibt es dennoch Aussichten auf einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt.“ Dabei nennt er vor allem den Dienstleistungsbereich für Reinigungs- und Sicherheitskräfte, den Garten- und Landschaftsbau, die Gastronomie, den Handel und die Kfz-Branche. Kritisch merkt er allerdings an, dass in diesen Bereichen meist unterdurchschnittliche Löhne gezahlt würden und der Anteil prekärerer Arbeitsverhältnisse hoch sei.

Mehr Betriebspraktika

Daher zielt Frank Martin mit seiner Strategie vor allem auf Prävention und gezielte Förderung als wesentliche Bestandteile zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit: „Ein Schulabschluss und eine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung bleiben eine Versicherung vor Arbeitslosigkeit.“ Die Mitarbeiter der Arbeitsagentur verstärkten die Berufsberatung und Berufsorientierung in den Schulen. Doch das müsse durch mehr Werkunterricht und betriebliche Praktika untermauert werden. Die hessischen Handwerkskammern haben ihre Unterstützung bereits zugesagt. Ein Dorn im Auge ist dem Leiter der Regionaldirektion die nach wie vor hohe Quote an Schulabbrechern und Lehrlingen, die ihre Ausbildung hinwerfen. „Keiner darf verloren gehen“, so Martin. In diesem Lebensabschnitt dürften die Weichen nicht in Richtung Hartz IV und Langzeitarbeitslosigkeit gestellt werden.

 

Schnell handeln

 

Im Fall der Arbeitslosigkeit sei es entscheidend, diese Menschen möglichst schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren, um eine dauerhafte Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Gezielte Förderung und Qualifizierung blieben daher ein wesentliches Ziel bei der Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit. „Es ist nie zu spät, gemeinsam mit den Betroffenen Perspektiven zu entwickeln.“ Denn der Blick in die Statistiken belege, dass die Chance auf eine Rückkehr in bezahlte Arbeit mit der Dauer der Arbeitslosigkeit rapide sinke.

Der gegenwärtig blendende Zustand des Arbeitsmarktes habe aber auch eine Kehrseite. Denn ein 30-jähriger Arbeitsloser ohne Berufsausbildung sei kaum bereit, für monatlich 700 Euro die Lehrbank zu drücken, um damit langfristig seine Berufschancen zu steigern, wenn er als Aushilfsarbeiter leicht das dreifache Geld verdienen kann. Um diesen Missstand zu beheben, fordert Martin von der Bundesregierung ein finanzielles Ausgleichssystem für solche Menschen.

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