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Wolfgang Reitzle: Linde-Aufsichtsratschef kämpft um Mega-Fusion mit US-Konkurrent Praxair

Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle will die Fusion mit dem US-Gasekonzern Praxair mit aller Macht durchsetzen.
Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle muss kämpfen. Foto: Peter Kneffel (dpa) Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle muss kämpfen.
München. 

Wolfgang Reitzles Biografie würde eigentlich für drei Manager-Karrieren ausreichen. Doch ausgerechnet nach dem Ende seiner Vorstandszeit steht ihm der größte Konflikt seiner Laufbahn bevor. Gestern kam es im Linde-Aufsichtsrat zum Showdown, der über die Zukunft des Konzerns und Reitzles Schicksal als sein oberster Aufseher entschied. Erwartet wurde, dass die Arbeitnehmervertreter in dem paritätisch besetzten Gremium geschlossen gegen die rund 60 Milliarden Euro schwere Fusion mit dem US-Rivalen Praxair stimmten. Reitzle wollte sein Prestigeprojekt dagegen unbedingt durchsetzen – und kam am Ende damit auch durch.

Dabei passt dieser eskalierende Konflikt überhaupt nicht zu Reitzle. Der 68-Jährige ist kein Freund der Konfrontation und der lauten Töne. Über seine lange Dienstzeit erst bei BMW und dann bei Linde wurde er von anderen Spitzenmanagern für sein Fingerspitzengefühl im Umgang mit der Belegschaft beneidet. Dabei hat er gerade bei Linde viel bewegt und umgebaut: Bereits kurz nach Amtsantritt trennte er sich von der traditionsreichen Kältetechnik und übernahm den größeren britischen Konkurrenten BOC. Er spaltete das Gabelstablergeschäft ab und verkaufte es an einen Finanzinvestor. Er verlegte die Konzernzentrale von Wiesbaden nach München und stieg ins US-Medizingasegeschäft ein.

Und jedes Mal gelang es Reitzle, nötige Einschnitte so zu gestalten, dass kaum ein öffentlicher Aufschrei oder Kritik an seiner Unternehmensführung laut wurden. Sein ausgleichendes Talent ist so populär, dass er zeitweise überall gebraucht wurde. „Deutschlands gefragtester Manager – Alle wollen Wolfgang Reitzle“ titelte seinerzeit das „Manager Magazin“. Für die Schaefflers sollte er im Continental-Aufsichtsrat die Wogen glätten, die Zementfirmen Lafarge und Holcim zusammenführen. Als Siemens von der Korruptionsaffäre erschüttert wurde, war er als Retter im Gespräch. Doch erst kurz zuvor hatte er bei Linde verlängert.

Dort, in der modernen Zentrale im Herzen Münchens, nahm der stets fein gekleidete Schwabe nur äußerst ungern seinen Hut als Vorstandschef. Er schimpfte über die dort geltende Altersgrenze und kehrte erwartungsgemäß nach der obligatorischen Abkühlphase an die Aufsichtsratsspitze des Industriegaseriesen zurück. Reitzle ist der Prototyp des dynamischen Managers. Er sei jemand, der immer in Bewegung sei, einer, der es nicht langsam angehen lasse, wird er von ehemaligen Kollegen beschrieben. Dem Manager mit dem markanten Oberlippenbärtchen, der in zweiter Ehe mit der TV-Moderatorin Nina Ruge verheiratet ist, wird eine Ähnlichkeit mit Hollywood-Legende Erol Flynn nachgesagt.

Gespür verloren?

Seinen Nachfolger als CEO hatte Reitzle selbst mit ausgesucht. Doch dem einstigen BASF-Manager Wolfgang Büchele war in dem Amt wenig Glück beschieden. Nach einigen Reibereien trat er mit eigenen Strategie- und Renditeplänen aus dem Schatten seines Vorgängers. Doch verpatzte Prognosen handelten ihm schnell Kritik ein. Und dann kam letztlich jenes Projekt ins Rollen, das erst Büchele die Karriere kostete und nun der Prüfstein für Reitzle wird. In einem ersten Anlauf scheiterte der Fusionsversuch mit Praxair im Sommer letzten Jahres. Ränkespiele im Top-Management und die Bedenken einiger Aufsichtsräte kippten den Plan.

Doch nach einer Personalrochade kamen Reitzle und die Amerikaner dann überraschend schnell wieder zusammen. Noch vor Weihnachten einigten sie sich, den größten Industriegaseanbieter der Welt zu schmieden. Größer als den französischen Erzrivalen Air Liquide, der mittels Übernahmen an Linde vorbeigezogen war. „Da will sich einer ein Denkmal setzen“, wird der Plan im Aufsichtsrat kommentiert. Vor Weihnachten kommt es auch zu dem folgenschweren Missverständnis zwischen der Kapital- und Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat. Die Betriebsräte und Gewerkschafter stimmen zu, eine Fusion mit Praxair zu prüfen. Reitzle und das Management interpretieren das als grundsätzliche Zustimmung. Doch dabei scheint Reitzle sein Gespür abhanden gekommen zu sein.

Die Belegschaftsvertreter fühlen sich vorgeführt, vor allem die IG Metall ist sauer, weil sie lediglich einer Prüfung der Fusion zugestimmt und keinen Freibrief für die ganze Transaktion erteilt haben will. Sie fürchtet um Arbeitsplätze und die Mitbestimmungsrechte, wenn wie geplant der Hauptsitz von München ins Ausland verlegt wird. Die Gewerkschafter eskalieren den Streit immer mehr, Bayerns kampferprobter IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler zog öffentlich Reitzles Eignung als Linde-Aufsichtsratschef infrage.

Der Karriereknick

Der Zwist dürfte bei Reitzle böse Erinnerungen wecken. Seinen einzigen Karriereknick musste er 1999 nach 13 Jahren als Entwicklungsvorstand bei BMW verkraften. Im Streit um den Umgang mit dem Rover-Debakel geriet er in die Schusslinie von Chefaufseher Eberhard von Kuenheim und wurde letztlich im Aufsichtsrat abgesägt.

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