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Offenbar tricksen Autobauer auch bei Grenzwerten in Sachen Lautstärke: Lizenz zum Lärmen

Von Folgt auf den Abgas-Skandal der Lärm-Skandal? Einem Bericht zufolge nutzen Autobauer nicht nur Gesetzeslücken, um ihren Fahrzeugen einen kernigen Sound zu verpassen – sie manipulieren auch die Messverfahren, so dass die Pkw mehr Lärm verursachen als erlaubt. Dabei hatte die Branche ohnehin ihren guten Draht zur deutschen Politik genutzt, um die Grenzwerte hoch zu halten.
Gelegentlich zieht die Polizei – wie hier in Mannheim – getunte, deutlich zu laute Autos aus dem Verkehr. Foto: Uwe Anspach (dpa) Gelegentlich zieht die Polizei – wie hier in Mannheim – getunte, deutlich zu laute Autos aus dem Verkehr.
Frankfurt. 

Die Sportwagen-Ikone Porsche 911 hat das schönste Motorgeräusch der Welt – er sägt, schwärmen die Fans. Ja, aber nur an den Nerven, sagen die Kritiker. Und von denen gibt es sehr viele: Einer repräsentativen Umfrage des Umweltbundesamtes zufolge fühlt sich mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung durch Straßenverkehrslärm belästigt. Demnach sind 2,5 Millionen Menschen in Deutschland ganztags Pegeln von mehr als 65 Dezibel ausgesetzt – der Wert, ab dem Dauerlärm krank macht. Und damit sind die Bundesbürger nicht allein. Mehr als 50 000 tödliche Herzinfarkte und rund 200 000 Herz-Kreislauf-Erkrankungen pro Jahr gehen EU-weit auf das Konto von dröhnenden Motoren, so eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Aber die Klagen darüber, dass Pkw nicht nur stinken, sondern auch sehr laut sein können, sind in der nun fast zweijährigen Debatte um den Diesel untergegangen. Gehör verschaffen könnten sich die Lärm-Gegner wieder, wenn sich bestätigen sollte, was das ARD-Magazin „Plusminus“ gestern Abend berichtet hat. Demnach tricksen die Fahrzeug-Hersteller seit Jahren nicht nur beim Verbrauch und Schadstoffausstoß, sondern auch bei den ausgewiesenen Lärmwerten.

Dem Bericht zufolge weichen die Werte des offiziellen Messverfahrens ganz erheblich vom tatsächlichen Lärm auf der Straße ab. Bei der Typenzulassung von Autos komme es trotz aufwändiger Berechnungen und Tests allein auf die Geräuschentwicklung bei 50 km/h an, berichtete Plusminus in der Sendung. Jenseits dieses engen Messwert-Fensters seien Fahrzeuge bewusst so konstruiert, dass die Emission um ein Vielfaches lauter sei. „Zwar hat die EU 2014 einen Stufenplan für eine leichte Senkung der Grenzwerte beschlossen, aber eben nur für diesen kleinen Mess-Korridor“, erklärt Autor Hermann Abmeyr im Gespräch mit dieser Zeitung. Hinzu kommt, dass es kein unabhängiges Testverfahren gibt – die Anforderungen gelten als erfüllt, wenn der Hersteller technische Unterlagen vorlegt, aus denen hervorgeht, dass sein Fahrzeug die Lärm-Norm erfüllt.

Polizeichef meldet Verstoß

Dass sich nun auch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) des Themas Lärm annimmt, ist dem Leiter der Verkehrspolizei-Direktion Mannheim, Dieter Schäfer, zu verdanken. Er hat beim KBA Verstöße gegen den Grenzwert einiger Fahrzeuge gemeldet. Der Polizeichef fordert eine rasche Nachprüfung dieser zugelassenen Serienfahrzeuge, denn das extrem laute Fahrgeräusch sei in diesen Fällen zu offenkundig. „Es kann nicht sein, dass etwas am grünen Tisch serienmäßig genehmigt wird, das im Realbetrieb dann aber großen Lärm verursacht“, beklagt Schäfer. Die Industrie-Werbung verspreche einen „hochemotionalen Fahrgenuss“, doch tatsächlich gehe es um ein „Krachszenario, das die Leute krank macht“.

„Folterinstrumente“

Laut Schäfer geht es bei den von ihm kritisierten Fahrzeugen vor allem um serienmäßig verbaute Klappenauspuff-Anlagen, die einen Lärm von mehr als 100 Dezibel erzeugen können. Im „Race-Betrieb“ hätten einige Modelle sogar die Einstellung „Missfire“ programmiert, also bewusste Fehlzündungen. In den Händen von sogenannten Auto-Posern seien „die hochgezüchteten Mittelklassefahrzeuge regelrechte Folterinstrumente“.

Holger Siegel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sieht hier eine Parallele zum Dieselskandal: Manches Fahrzeug könne erkennen, dass es in einer Prüfungssituation ist, und mache dann die Auspuffklappe zu. Auf der Straße und bei anderen Geschwindigkeiten sei es aber erheblich lauter. Der BUND fordert deshalb einen Grenzwert, „der für das gesamte Drehzahlband eines Fahrzeuges gilt“.

Porsche schreibt Gesetz

Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, würde das erneut von einer gehörigen Portion Chuzpe der Autobauer zeugen. Denn das Thema Lärm-Grenzwerte reiht sich ein in eine lange Liste von Beispielen, die den Einfluss der deutschen Automobilindustrie auf die deutsche Politik belegen – einen Einfluss, der jüngst mit der Regierungserklärung des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil zum VW-Skandal in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist.

So nutzten die deutschen Autobauer ihren guten Draht zur Bundesregierung auch in den Jahren 2012 bis 2014 sehr erfolgreich. Da ging in Brüssel darum, nach 16jähriger Tatenlosigkeit die Lärm-Grenzwerte für Pkw auf Europas Straßen schrittweise zu verschärfen. Inzwischen ist herausgekommen, dass damals Passagen eines Gesetzestextes für schärfere Lärm-Grenzwerte von Porsche stammten – genauer gesagt, aus dem Rechner des damaligen Leiters der Akustik-Abteilung von Porsche. Da verwundert es nicht, dass gemäß dem Ende 2014 verabschiedeten Gesetz Premiumfahrzeuge und Sportwagen – die viele PS haben – deutlich lauter sein dürfen als Autos mit weniger Leistung. Sportwagen ab einer Motorleistung von mehr als 272 PS je Tonne beispielsweise können vier Dezibel lauter sein als ein Durchschnittsauto – dabei wird diese Steigerung vom Menschen als doppelt so laut empfinden. Aber der Schutz der heimischen Autokonzerne gilt in Deutschland offenbar als Staatsräson.

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