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Höhere Sphären: Lufthansa will ein Drittel des europäischen Marktes auf sich vereinen

Von Für Carsten Spohr läuft’s prima: Der Lufthansa-Chef eilt von Erfolg zu Erfolg und will noch viel höher hinaus. Was die Aktionäre erfreut, könnte für die Verbraucher aber teuer werden.
Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr ist auch an Teilen der insolventen Alitalia interessiert. Foto: Daniel Bockwoldt (dpa) Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr ist auch an Teilen der insolventen Alitalia interessiert.
Frankfurt. 

Angesichts der breiten Brust, mit der Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr derzeit durch die Luftfahrt-Branche stolziert, dürfte er eigentlich kaum noch durch eine Flugzeug-Tür passen. „Die Lufthansa-Gruppe ist nun endlich wieder in der Offensive“, zeigte sich der 51-Jährige gestern in Frankfurt überzeugt. „Haben wir lange Zeit darum gekämpft, wettbewerbs- und investitionsfähig zu bleiben, so können wir jetzt – viel schneller als absehbar war –, aus einer Position der Stärke heraus eine aktive Rolle in der Konsolidierung der europäischen Luftfahrtbranche spielen.“ Soll heißen: große Konkurrenten sollen ausgestochen und weitere schwächelnde Fluggesellschaften übernommen werden.

Erfolgsserie

Spohr hat allen Grund, zufrieden mit sich zu sein. Was der Ex-Pilot vor allem in den vergangenen zwölf Monaten geschafft hat, versetzt den deutschen Branchenprimus tatsächlich in die Lage, im weltweiten Konkurrenzkampf ganz vorne mitzufliegen: Nach jahrelangen und von zahlreichen Streiks begleiteten Streitigkeiten mit den Flugbegleitern und Piloten der Kernmarke Lufthansa hat sich der Vorstand mit deren Gewerkschaften auf neue Tarifverträge geeinigt, die die Personalkosten deutlich senken und dabei auch die Aufwendungen für die Altersversorgung entscheidend reduzieren; den Angriff des Erzfeindes Ryanair am Heimatflughafen Frankfurt hat Spohr zum Anlass genommen, dem Flughafen-Betreiber Fraport kurz- und langfristige Zugeständnisse abzuringen; mit Airlines aus den USA und Asien hat der studierte Wirtschaftsingenieur aus Wanne-Eickel wichtige Allianzen geschlossen; Ausstattung und Service der Kernmarke Lufthansa sind soweit verbessert worden, dass nun der in der Branche ebenso begehrte wie seltene fünfte Stern der Beratungsgesellschaft Skytrax zum Greifen nahe ist; und die krachend gescheiterte Europa-Strategie der einst verfeindeten arabischen Fluggesellschaft Etihad hat Spohr für seinen bislang größten Coup genutzt: die Übernahme weiter Teile von Air Berlin – der zweitgrößten, aber verlustreichen deutschen Airline, die der Großaktionär Etihad nicht mehr bezuschussen wollte und deshalb pleite ging. Eine Übernahme, die die von Spohr gegen viele interne Widerstände aufgebaute Billigtochter Eurowings in einen ernsthaften Gegner von Ryanair, Easyjet &Co. verwandelt. Nachdem diese dem deutschen Platzhirsch in Europa mit Kampfpreisen Kunden abgejagt haben, kann der nun kontern.

Angst vor hohen Preisen

Spohr rechnet damit, dass die EU-Kommission, die das Geschäft kartellrechtlich überprüft, bis Jahresende grünes Licht für die Übernahme gibt. Im kommenden Jahr würde dann die Flotte von Eurowings von 130 auf 210 Flugzeuge wachsen, die Zahl der Mitarbeiter von 7000 auf 10 000 steigen. 40 Millionen Passagiere soll Eurowings 2018 transportieren, nach voraussichtlich 32 Millionen in diesem Jahr – und damit den Umsatz von circa 3,5 auf 5,0 Milliarden Euro erhöhen. Damit steigt Spohrs Vorzeige-Projekt hinter Ryanair und Easyjet zur drittgrößten Billig-Airline in Europa auf. 1,5 Milliarden Euro lässt sich der Lufthansa-Vorstand diese Expansion kosten. Dafür erhält er vor allem auf vielen innerdeutschen Strecken ein Monopol, das er sich in Form höherer Ticketpreise versilbern lassen kann, wie Wettbewerber und Verbraucherschützer beklagen. Vor allem für Flüge vom ehemaligen Air-Berlin-Drehkreuz Düsseldorf gehen Beobachter von höheren Preisen aus. Dort werde die Lufthansa-Gruppe nach derzeitigem Stand künftig 90 Prozents aller Slots bedienen,m heißt es. Der Verband Deutsches Reisemanagement (VDR), der die Interessen deutscher Wirtschaftsunternehmen vertritt, warnt bereits, dass die Preise bei der Lufthansa anziehen. Auf Strecken, die Air Berlin aufgegeben habe, habe es teils massive Preissprünge gegeben. So hätten sich vorige Woche Hin- und Rückflüge zwischen Stuttgart und Berlin für Mitte November bei Eurowings von einem Tag auf den anderen von 200 auf mehr als 400 Euro verteuert. Die Lufthansa räumt selbst ein, dass die Preise auf einzelnen Strecken steigen werden. „Die nicht kostendeckenden Preise einer Air Berlin, die über Jahre der Großaktionär Etihad finanziert hat, sind mit der Pleite der Airline verschwunden“, heißt es da.

Üppiger Rekordgewinn

Derweil kann der im Mai 2014 angetretene Lufthansa-Vorstandschef auch mit der betriebswirtschaftlichen Entwicklung von Europas größtem Luftfahrt-Konzern glänzen: Die Lufthansa steuert in diesem Jahr auf einen neuen Rekordgewinn zu, der wohl viel höher ausfallen wird als der vergangene. Offiziell gibt sich der Vorstand zwar immer noch vorsichtig, erwartet er lediglich, dass 2017 der um Sondereffekte bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern Ebit über dem Vorjahresniveau von 1,75 Milliarden Euro liegen wird. Aber der Konzern hat da nach neun Monaten bereits 2,6 Milliarden Euro eingeflogen – knapp 53 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Und nichts deutet daraufhin, dass im letzten Quartal aus dem bisherigen Steilflug ein rasanter Sinkflug werden wird. Wie Finanzvorstand Ulrik Svensson gestern ausführte, werden im dominierenden Passagiergeschäft der Airline-Gruppe die Stückerlöse – der Umsatz je angebotenem Sitz und geflogenem Kilometer – auch von Oktober bis Dezember über dem Vorjahreszeitraum liegen. Und das obwohl die Konzern-Fluggesellschaften Lufthansa, Swiss, Austrian Airlines und Eurowings ihre Kapazitäten weiter erhöhen werden. Zugleich sagte der Schwede voraus, dass die Stückkosten auch im letzten Quartal leicht sinken werden.

„Nachdem wir die Tarifstreitigkeiten mit dem Kabinen- und Cockpit-Personal beigelegt haben, kehren die Kunden wieder verstärkt zurück“, so Spohr, „Verlässlichkeit ist bei den Kunden nun mal gefragt.“ Zusätzlichen Auftrieb geben die gute globale Konjunktur und die relativ geringen Ölpreise, aber auch die von Spohr vorangetriebenen Restrukturierungen und Sparprogramme. Die haben nicht nur dazu beigetragen, dass das Passagiergeschäft deutlich profitabler geworden ist. Sie haben auch dazu geführt, dass die 2016 noch defizitäre Frachtsparte Lufthansa Cargo dieses Jahr mit einem Gewinn abschließen wird. Gleiches gilt für Eurowings, die ursprünglich erst 2018 die Gewinnzone erreichen sollte. Die Billigflug-Tochter ist schon in diesem Jahr durch die Eingliederung der übernommenen Brussels Airlines und 30 gemieteter Air-Berlin-Flieger samt Crews gewachsen.

Angesichts dieser guten Entwicklung sollen auch die Aktionäre des Dax-Konzerns Grund zur Freude haben: „Die Dividende wird deutlich steigen“, so der Finanzchef. Zahlen wollte er nicht nennen, aber die Aussage reichte, um die Lufthansa-Aktie um weitere 3,67 Prozent auf 27,15 Euro nach oben zu treiben. Vor einem Jahr hatte das Papier bei gerade mal 11,48 Euro notiert. Keine andere Aktie im Dax-30 hat einen solchen Höhenflug hingelegt. Auch das Ausdruck der Erfolgsserie von Carsten Spohr.

Nächster Coup in Arbeit

Und die könnte bald schon um ein weiteres Kapital reicher werden: der Übernahme von Teilen der insolventen Alitalia. Spohr bekräftigte gestern, dass er an einem Kauf der Alitalia in heutiger Form kein Interesse habe. „Aber wenn sich die Chance bietet, eine neue Alitalia zu kreieren – dann wäre die Lufthansa mit ihrer Erfahrung daran interessiert“, so der Lufthansa-Chef. Das Modell dafür sei die Wandlung von der Swissair zur Swiss. Die haben die Frankfurter mit harten Schnitten bei Personal und Verwaltung zur profitabelsten Airline des Konzerns gemacht.

2008 hatte sich die Lufthansa gegen einen Einstieg bei den Italienern entschieden, die schon damals vor dem Aus gestanden hatten. Die hohen Schulden sowie der starke Einfluss von Gewerkschaften und Politik hätten damals dagegen gesprochen, sagte der Lufthansa-Chef. „Außerdem hatten wir damals keine Eurowings und auch keine Erfahrung mit der Führung mehrerer Drehkreuze.“ Inzwischen betreibt der Lufthansa-Konzern Drehkreuze in Frankfurt und München sowie bei seinen Töchtern Austrian Airlines in Wien und Swiss in Zürich. Nun denkt Spohr darüber nach, mit einer neu aufgestellten Alitalia ein fünftes Drehkreuz aufzubauen. Dem Vernehmen nach ist der Lufthansa-Vorstand bereit, 500 Millionen Euro zu zahlen: für Teile des weltweiten Netzverkehrs – mit der die Kernmarke Lufthansa gestärkt werden würde–, sowie für Direktverbindungen innerhalb Europas, die dann an Eurowings gehen würden.

US-Markt als Vorbild

Für Spohr kein Problem: „Unsere Gewinn-Margen reichen inzwischen aus, um bei der Konsolidierung der Branche weiter aktiv mitzumachen.“ Wie sich der Lufthansa-Chef diese vorstellt, lässt er durchblicken, wenn er vom US-Markt schwärmt: „Während Lufthansa als Europas größte Airline hier nur auf einen Marktanteil von 14 Prozent kommt, vereinen in den USA inzwischen drei Airlines 90 Prozent des Marktes auf sich“, betont er. Dieses Oligopol, das Spohr neidisch werden lässt, macht die dortigen Verbraucher aber zu Verlierern: Auf auffallend vielen Strecken vermeiden es die großen drei – American Airlines, Delta Airlines und United Airlines – sich Konkurrenz zu machen. Die Folge: Lange Wartezeiten, Verspätungen, alte Flugzeuge, unbequeme Sitze und immer weniger Beinfreiheit sind nun Standard in den USA – und das bei höheren Ticketpreisen als früher. Kein Wunder, dass in der Liste der profitabelsten Airlines der Welt die ersten drei Plätze mit US-Gesellschaften belegt sind – und sich Spohr das gleiche Marktmodell für Europa wünscht: „Wir brauchen auch drei starke Europäer.“ Nur dann sei sichergesellt, dass Europa weltweit bedeutende Airlines hat, meint der Lufthansa-Chef. Geht sein Wunsch in Erfüllung, könnten dann die Ticket Preise im gesamten Europa-Verkehr deutlich anziehen.

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