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Wirtschaftskriminalität: Mehr Betrugsfälle in deutschen Firmen

Von Ob Dieselskandal, Zinsmanipulation oder Schmiergeldfall: Betrugsfälle in deutschen Unternehmen haben einer Studie zufolge zuletzt wieder zugenommen.
Bargeldzahlungen zur Anbahnung von Geschäften gelten in deutschen Unternehmen als tabu, die Finanzbehörden kontrollieren genau. Foto: Peter Steffen (dpa) Bargeldzahlungen zur Anbahnung von Geschäften gelten in deutschen Unternehmen als tabu, die Finanzbehörden kontrollieren genau.
Frankfurt. 

Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Kein einziger der von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY befragten Manager hält korrupte Methoden im deutschen Geschäftsleben für weit verbreitet. Dagegen sind es weltweit 38 Prozent, in Italien sogar 68 Prozent und auch in Großbritannien 34 Prozent der Befragten – ganz zu schweigen von Staaten wie Brasilien (96 Prozent), Kolumbien (94 Prozent) oder Nigeria (90 Prozent). Und doch ist die Zahl der entdeckten Betrugsfälle seit 2016 wieder gestiegen, statt damals 14 wurde nun in 18 Prozent der deutschen Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren ein bedeutsamer Betrugsfall entdeckt. Damit lag der Anteil höher als im weltweiten Schnitt (elf Prozent) und sogar über Ländern wie Brasilien (zehn Prozent), Italien (vier Prozent) oder der Türkei (zwei Prozent). Schlimmer war die Lage nur in Russland (20 Prozent). Für den „Global Fraud Survey“ von EY wurden weltweit Vorstände und Manger von 2550 Unternehmen befragt.

Weltweit tätig

Als Erklärung führt der frühere Frankfurter Kriminalbeamte Stefan Heißner, Leiter Forensik bei EY, mehrere Faktoren an. Dass in Ländern wie Brasilien oder Nigeria Korruption weit verbreitet sei, wisse dort jeder: „Aber wenn Sie nicht kontrollieren, stellen Sie’s auch nicht fest.“ Zudem habe zwar Deutschland kein Korruptionsproblem, aber deutsche Firmen seien weltweit tätig, also auch in solch problematischen Ländern – und hierzulande werde mittlerweile eben schärfer kontrolliert, auch durch die Finanzbehörden.

Dem war nicht immer so. Doch die Betrugsfälle am Neuen Markt, die Bilanzskandale der 2000er Jahre, die Schmiergeldaffären und Zinsmanipulationen im Zuge der Finanzkrise hätten zu einem Wandel in Deutschland geführt, hält Heißner fest: „Wir sind da schon sehr gewissenhaft und reagieren auf die Themen, die kommen.“ Neuerdings stehe das Thema Umwelt immer mehr im Fokus (etwa beim VW-Abgasbetrug).

Hoher Schaden durch Wirtschaftskriminelle

Heute werten deutsche Manager Betrug und Korruption nach Cyber-Attacken als größtes Risiko für den Unternehmenserfolg – und damit als ebenso gefährlich wie Konjunkturkrisen. Mehr als jeder dritte Befragte stuft Betrug und Korruption als größte Gefahr ein – in Deutschland und weltweit; in Japan sind es sogar zwei Drittel der Manager.

Wobei die Einschätzungen, was grenzwertig und was kriminell ist, nicht immer eindeutig ausfallen: Jeder sechste Manager in Deutschland (und jeder fünfte weltweit) hält Einladungen zum Essen oder zu Sportveranstaltungen für gerechtfertigt; persönliche Geschenke sind hierzulande hingegen tabu (während sie weltweit immerhin jedem neunten Befragten akzeptabel erscheinen). Nur bei Barzahlungen und der absichtlichen Falschdarstellung von Finanzergebnissen fällt die Ablehnung unter deutschen Chefs einhellig aus. Wobei Barzahlungen weltweit jedem fünften Manager unter 35 Jahren als ein geeignetes Mittel erscheinen, ihr Unternehmen über einen Wirtschaftsabschwung zu retten; bei den Älteren über 35 trifft das nur auf jeden achten zu. Offensichtlich hätten nicht einmal die medienwirksamen Skandale der zurückliegenden Jahre zu einem nachhaltigen Bewusstseinswandel geführt, meint Heißner: „Sonst müsste die jüngere Generation deutlich sensibler auf das Thema reagieren.“ Hier sei Hilfe und nicht nur Druck nötig, um nicht junge Führungskräfte mit überzogenen Zielvorgaben zu unethischem Verhalten zu verleiten.

In die Zukunft blicken

Klare Sanktionen bei Verstößen gegen die Compliance-Regeln gibt es in sieben von zehn deutschen Firmen, doch wurden nur in der Hälfte aller Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich Mitarbeiter bestraft. In Japan, den USA, Brasilien oder China traf das auf drei Viertel aller Firmen zu. Hier für ein schärferes Vorgehen zu sorgen, ist nach Heißners Worten „letztlich Sache des Aufsichtsrats“.

Die „Risiko-Landschaft“ werde aber, so der EY-Experte, immer komplizierter. Denn die Regulierung nehme zu, unterscheide sich aber von Land zu Land: „Die Amerikaner sind da sehr aggressiv.“ Es sei ratsam, sich an deren schärferen Regeln zu orientierten – wobei die Europäer stärker zusammenarbeiten sollten. Denn mit dem Vorwurf der Geldwäsche oder von Sanktionsverstößen könne durchaus, wie aktuell im Fall Iran, Industriepolitik gemacht werden.

Wegen der Komplexität der Materie, wenn es beispielsweise um Kartelle oder Datenschutz geht, lagerten mittlerweile manche Mittelständler das gesamte Thema Compliance – also das Einhalten aller Gesetze, Vorschriften und freiwilliger Regeln – an Experten aus: „Das liegt im Trend.“ Selbst Dax-Konzerne, verrät Heißner, vertrauten da in Teilbereichen schon auf EY.

Nach Übernahmen werde EY immer häufiger – sowohl von Käufern als auch übernommenen Firmen – eingeschaltet, um nachzurechnen oder Dokumente zu prüfen, sagt Heißner. Ohnehin reiche es nicht mehr aus, „sich nichts zuschulden kommen zu lassen“. Ein Manager tue gut daran, schon heute Dinge in den Blick zu nehmen, die zwar als kritisch angesehen werden, aber noch nicht als strafbar gelten. Ein Beispiel: die Arbeitsbedingungen bei der Fertigung in Asien.

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