E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 18°C

Finanzen: Mehr Schutz für Anleger durch "MiFID II"

Von Von heute an gelten in allen EU-Ländern neue Regeln für den Wertpapierhandel. Sie sollen mehr Schutz für Anleger bringen.
Banken müssen Anleger bei Wertpapiergeschäften von heute an besser über Kosten und Risiken aufklären. Foto: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild) Banken müssen Anleger bei Wertpapiergeschäften von heute an besser über Kosten und Risiken aufklären.
Frankfurt. 

In der Bankenbranche beginnt eine neue Zeitrechnung: Heute treten neue Vorschriften für den Anlegerschutz, im Fachjargon „MiFID II“ genannt, und die zugehörigen Ausführungsbestimmungen in Kraft. Das sind rund 10 000 Seiten juristische Texte, die alles in den Schatten stellen, was bisher an Regulierung über den Finanzinstituten niederging. Depotinhaber haben bereits dicke Post bekommen, aber viele dürften sie nicht gelesen haben. Ein Überblick, was die Neuregelungen im Detail bringen.

  Die Reform: „MiFID II“ ist die Kurzbezeichnung für eine EU-Richtlinie („Markets in Financial Instruments Directive“), die jetzt in deutsches Recht umgesetzt wird. Hauptziele sind besserer Anlegerschutz und mehr Transparenz; sie soll verhindern, dass Berater den Anlegern riskante Produkte aufschwatzen, ohne sie vor den Risiken zu warnen. Als Lehre aus der Finanzkrise soll auch der Hochgeschwindigkeitshandel an der Börse stärker überwacht werden.

  Kostentransparenz: Wertpapierkäufer haben künftig Anspruch zu erfahren, welche Kosten genau mit dem Kauf eines Finanzprodukts verbunden sind. Das betrifft nicht nur die Abschlussgebühr (beim Investment in einen Aktienfonds zum Beispiel sind es häufig fünf Prozent), sondern auch den Anteil der jeweiligen Bestandsprovisionen und Verwaltungskosten, die vom Produktanbieter an den Vertrieb zurückfließen. „Es gibt einen Paradigmenwechsel im Anlegerschutz: Der Hersteller rückt stärker in den Fokus der Regulierung, er soll Verantwortung für das Produkt während der gesamten Laufzeit übernehmen“, sagt Elisabeth Roegele, Leiterin der Wertpapieraufsicht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Um den Wegfall der versteckten Vertriebsprovisionen zu kompensieren, wollen einige Banken künftig jedoch Gebühren für ihre Beratung verlangen. Weniger vermögende Kunden dürften künftig seltener einen Anlageberater aus Fleisch und Blut zu sehen bekommen und müssen sich wohl mit einem Computer (auf Neudeutsch: „Robo-Advisor“) begnügen.

  Beratungsprotokoll: Schon seit 2010 müssen Banken jedes Beratungsgespräch zu Wertpapieren dokumentieren. Dieses Beratungsprotokoll, oft als „Bürokratiemonster“ geschmäht, wird nun wieder abgeschafft.

  Telefongespräche: Banken müssen in Zukunft jedes Telefonat eines Kunden mit einem Wertpapierberater aufzeichnen und für mindestens fünf Jahre archivieren. Bei Rechtsstreitigkeiten soll sich so leichter nachvollziehen lassen, ob ausreichend über die Risiken aufgeklärt wurde. Die Pflicht zur Aufzeichnung – im Fachjargon „Taping“ genannt – gilt auch für das Gespräch in der Filiale – dort kann der Berater aber auch einen schriftlichen Vermerk anfertigen.

  Geeignetheitserklärung: Sie ersetzt das Beratungsprotokoll. Darin hält der Berater fest, warum er einem Kunden ein bestimmtes Produkt – sei es eine Aktie, ein Rohstoffzertifikat oder einen Fondssparplan – empfohlen hat und warum er dieses angesichts der Anlagedauer, des persönlichen Risikoappetits des Kunden und von dessen Kapitalmarkterfahrung her für geeignet hält. Maßgeblicher Unterschied zu früher: Den Verlauf des Gesprächs muss der Berater nicht mehr dokumentieren.

  Zielgruppen und Kundenkategorien: Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch ein zweites mit „MiFID II“ eingeführtes Dokument, in dem ein Produktanbieter darlegen muss, für welchen Anlegertyp ein Wertpapier oder ein anderes Investmentkonstrukt geeignet ist. Die Branchenverbände von Banken, Fondsgesellschaften und Derivateanbietern haben sich auf einheitliche Merkmale wie zum Beispiel die finanzielle Lage, die Risikotoleranz des Anlegers und die von ihm verfolgten Ziele bei dem Investment geeinigt.

  Basisinformationsblätter: Die zeitgleich eingeführten „KIDs“ sollen auf höchstens drei DIN-A4-Seiten Kleinanlegern durch einen Gesamtkostenindikator und einen Gesamtrisikoindikator (als Ziffern zwischen 1 und 7) Vergleiche erleichtern. Der Unterschied zum bisherigen Produktinformationsblatt: Sie umschreiben Kosten und Risiken nicht nur verbal. Und sie betreffen alle „PRIIPs“ – strukturierte Finanzprodukte (zum Beispiel Optionsscheine, die in andere Wertpapiere, Versicherungen oder Bankprodukte verpackt sind), Derivate (Produkte, deren Wert sich von Aktien oder Wechselkursen ableitet), offene oder geschlossene Immobilienfonds und Versicherungsprodukte mit Anlagecharakter. Ausgenommen sind Aktien und Anleihen, Risikolebensversicherungen, Schaden- und Unfallversicherungen, die betriebliche Altersvorsorge und Riester-Produkte. Und der Emittent haftet unter Umständen für die Angaben im Basisinformationsblatt, wenn dem Anleger durch Nichterfüllung der Vorgaben ein Schaden entsteht.

  Börsenkurse: Die europäische Aufsichtsbehörde ESMA hat auch eine Anpassung vorgegeben bei den Schritten, in denen Aktien gehandelt werden. Das hört sich recht technisch an, hat zum Jahresstart an den Börsen aber für Diskussionsstoff gesorgt und so manche Order ins Leere laufen lassen. So sind für die Dax-Werte Commerzbank, Deutsche Bank und Telekom nun Kursbewegungen von 0,2 Cent möglich – bislang lag die Mindestschwankung bei 0,5 Cent. Bei Allianz, Bayer, Siemens und VW sind es 2 statt 5 Cent. Die Audi-Aktie dagegen (aktueller Kurs: 726 Euro) kann künftig nur noch in Schritten von 2 Euro gehandelt werden – und nicht mehr wie bisher in Abständen von 5 Cent.

  Kosten der Reform: Der Privatbankenverband BdB rechnet mit einmaligen Umstellungskosten von bis zu einer Milliarde Euro für die deutschen Banken. Ein Kostenfaktor: Die Technik zur telefonischen Aufzeichnung von Beratungsgesprächen muss in jeder Filiale vorhanden sein, außerdem muss die Archivierung des Datenmaterials sichergestellt werden.

Zur Startseite Mehr aus Wirtschaft

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen