E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 28°C

Landwirtschaft: Milchpreis fährt Achterbahn

Von Nur noch selten sieht man Milchkühe genüsslich auf der Weide grasen. Sie sind ebenso im Stall verschwunden wie von den Etiketten der Milchtüten und -flaschen im Kühlregal. Vom Melkstand auf dem Hof bis hin zur Abfüllung in den Molkereien ist die Milchproduktion wirtschaftlich optimiert.
Nur noch selten sieht man wie hier bei einem Landwirt in Wehrheim (Hochtaunuskreis) die Milchkühe auf der Weide stehen. Foto: Pieren Nur noch selten sieht man wie hier bei einem Landwirt in Wehrheim (Hochtaunuskreis) die Milchkühe auf der Weide stehen.
Frankfurt. 

Das gern gezeichnete Idyll von der Landwirtschaft ist längst überholt. Sogar das Grundnahrungsmittel Milch wird längst auf dem Weltmarkt gehandelt, folgt im globalen Handel vielfach den gleichen Regeln wie etwa Erdöl. Mit allen Risiken und Hoffnungen auf bessere Preise. Das wurde jüngst auch zahlreichen hessischen Milchbauern schmerzhaft bewusst.

Statt wie üblich direkt mit hessischen Molkereien Liefer- und Abnahmeverträge für ihre Milch abzuschließen, hatten die heimischen Milchbauern gehofft, über einen Zwischenhändler bessere Preise zu erzielen. Deutschlands größter Milch-Zwischenhändler BMG (Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft) hatte als „Global Player“ enorme Milchmengen auf einem (virtuellen) Spotmarkt für Milch zu tagesaktuellen Preisen angeboten.

Über diesen wird auch der weltweite Bedarf – zum Beispiel über den Verkauf von Milchpulver nach China – abgedeckt. Doch die Preise für den Liter Milch sackten am Spotmarkt zuletzt ins Bodenlose ab. Das wurden der BMG und den bundesweit angeschlossenen 900 Milchbauern zum Verhängnis.

„Wir Milcherzeuger agieren in zunehmend offenen Märkten und konkurrieren dementsprechend mit unseren Produkten auch mit internationalen Konkurrenten. Das bietet neue Chancen, schafft aber auch neue Herausforderungen“, kommentierte Karsten Schmal, Präsident des Hessischen Bauernverbandes und zugleich Vorsitzender der Landesvereinigung Milch in Hessen, die schlimmen Folgen der BMG-Pleite.

Molkereien: Schwälbchen ist die Nummer eins in Hessen

Der Riese in der deutschen Milchwirtschaft ist das Deutsche Milchkontor DMK mit der Hauptmarke Milram. Deutschlands größter Molkerei-Konzern betreibt 23 Standorte in zehn Bundesländern – alle außerhalb Hessens.

clearing

Für gewöhnlich bekommen Milchbauern über ihre lang laufenden Molkerei-Verträge die Menge der abgenommenen Milch garantiert. Der ausgezahlte Literpreis schwankt aber während der Vertragslaufzeit zum Teil erheblich – je nachdem wie gut der von den Molkereien mit dem Lebensmittel-Einzelhandel ausgehandelte Milchpreis ist.

Diese Unsicherheit für die Milchbauern bei der Ertragslage – der Milchpreis fuhr seit dem Wegfall der EU-Milchquote im April 2015 bekanntlich Achterbahn – machte sich die BMG zunutze. Sie garantierte ihren Milchbauern für die Vertragslaufzeit nämlich feste Preise.

Mit der schieren Milchmenge von bundesweit 900 Vertrags-Bauern hoffte die BMG, auf dem Spotmarkt satte Gewinne erzielen zu können. Als der Milchpreis auf dem Welt- und Spotmarkt jedoch massiv absackte, brachen die Einnahmen weg. Die BMG konnte ihre Lieferanten nicht mehr ausbezahlen und musste jüngst Insolvenz anmelden.

Pleite traf Großbetriebe

Nach Brancheninformationen waren davon rund 70 der laut Statistischem Landesamt in Wiesbaden insgesamt 2855 Milcherzeugerbetriebe in Hessen angesiedelt. „Die BMG wurde in den vergangenen zehn Jahren zum Sammelbecken für ’Abtrünnige’“, formuliert es ein Branchenkenner im Gespräch mit dieser Zeitung. „Betroffen sind keine Kleinbauern. Es waren auch in Hessen vor allem große, moderne und meist von jungen Landwirten geführte Betriebe, die einen Vertrag mit dem Zwischenhändler BMG abgeschlossen hatten.“

Mit der Zahlungsunfähigkeit des Zwischenhändlers erwies sich aber genau das Vertragskonstrukt als Bumerang. Die Dimension des Desasters: Von einem Tag auf den anderen standen deutschlandweit 900 Milchbauern ohne Abnehmer da. Deren Jahresproduktion von 950 Millionen Kilogramm entspricht nach Angaben des Hessischen Bauernverbandes in etwa der Gesamtleistung aller hessischen Milchbauern von rund einer Milliarde Kilogramm Milch.

Nach Branchen-Informationen ist der prozentuale Anteil der über Zwischenhändler an die Molkereien verkauften Milch aus Hessen gemessen an der gesamten hessischen Milchproduktion bundesweit am höchsten. „Große Mengen Milch wird so von hessischen Höfen über Zwischenhändler an ostdeutsche Molkereien geliefert“, so der Insider gegenüber dieser Zeitung.

Die bekanntesten Milchmarken aus dem Hessenland aufgereiht im Regal eines Lebensmittelmarktes. Bild-Zoom Foto: Pieren
Die bekanntesten Milchmarken aus dem Hessenland aufgereiht im Regal eines Lebensmittelmarktes.

Über Nacht mussten die betroffenen Landwirte neue Abnehmer finden. Das Dilemma: Kühe müssen nun einmal zwei Mal täglich gemolken werden. Wer nicht umgehend eine Molkerei fand, die einen der klassischen längerfristigen Liefer- und Abnahmevertrag anbot, stand vor der Wahl: Entweder musste die Milch weggekippt werden, oder sie konnte nur in kleinen Mengen kurzfristig über den Spotmarkt feilgeboten werden – zu den dann der geringen Menge entsprechenden noch niedrigeren tagesaktuellen Preisen. Und diese lagen kurz nach der BMG-Insolvenz bei gerade einmal 17 Cent pro Liter.

Preistrend nach unten

Die Schwälbchen Molkerei zahlt aktuell nach Angaben von Geschäftsführer Günter Berz-List einen Netto-Milchpreis von 36 Cent pro Kilogramm an ihre Vertrags-Bauern aus. Deutlich mehr – doch auch hier erwartet die Branche wieder fallende Preise.

Bei Bio-Milch sieht das anders aus: Die Upländer Bauernmolkerei im nordhessischen Usseln kann ihren Bauern sogar 47 Cent pro Kilogramm Bio-Milch auszahlen. „Wir müssen in Deutschland wieder zu einer vernünftigen Mengenregulierung kommen, um die Preise langfristig zu stabilisieren“, sagt Karin Artzt-Steinbrink, Geschäftsführerin der Upländer Bauernmolkerei im nordhessischen Usseln. „Bei der Bio-Milch ist uns das gelungen. In der konventionellen Milchwirtschaft sind die Preisschwankungen weiterhin extrem, eine Katastrophe für die Landwirte.“

Weltmarkt birgt Risiken

Wie es weitergehen muss, erklärte Hessens Bauernpräsident Schmal so: „In einem zunehmend offenen Markt ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Milchsektors auszubauen. Unsere Molkereien müssen dementsprechend die zum Teil noch brachliegenden Potenziale sowohl auf den heimischen Märkten, aber auch auf Drittlandsmärkten heben. Die europäischen und nationalen politischen Institutionen sollten diesen Prozess unterstützend begleiten.“ Doch wer sich mehr und mehr auf den globalen Markt einlässt und für seinen Betrieb neue Absatzchancen und Erlöspotenziale ausnutzen will, dem schreibt Schmal auch die Risiken ins Stammbuch: „In einem zunehmend offenen Markt sind starke Preisschwankungen ein wachsendes Phänomen und ziehen regelmäßig Preiskrisen nach sich. Bestehende staatliche Leitplanken für dieses Phänomen gilt es dementsprechend zu erhalten und auszubauen.“

Zur Startseite Mehr aus Wirtschaft

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse