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Dieselgate: Milliardenklagen gegen VW: 2000 Aktionäre verlangen Schadenersatz für Kursverluste

Von Dieselgate wird für Volkswagen zur unendlichen Geschichte. Nun rückt ein deutsches Gericht in den Fokus: Vor dem Braunschweiger OLG fordern Aktionäre Schadenersatz in Milliardenhöhe. Das Musterverfahren beginnt kommende Woche.
Nebenkläger bringen zusammen mit der US-Kanzlei Hausfeld und Internetplattform myright die Klagen im VW-Abgasskandal zum Landgericht in Braunschweig. Foto: Peter Steffen (dpa) Nebenkläger bringen zusammen mit der US-Kanzlei Hausfeld und Internetplattform myright die Klagen im VW-Abgasskandal zum Landgericht in Braunschweig.
Frankfurt. 

Für die Wolfsburger Volkswagen AG wird der Dieselskandal zum Dauer-Ärgernis. Der 2015 in den USA aufgeflogene Betrug wird Europas größten Automobilkonzern noch Jahre in Atem halten. Der nächste Akt in diesem Drama spielt allerdings nicht mehr in Nordamerika, sondern in der deutschen Provinz. Am kommenden Montag wird mit der mündlichen Verhandlung das mit Spannung erwartete Kapitalanlage-Musterverfahren vor dem Oberlandesgericht (OLG) in Braunschweig eröffnet. Mehr als 2000 Kläger machen Schadenersatzansprüche von rund 9,5 Milliarden Euro gegen VW geltend. Sie sind der Überzeugung, dass sie angesichts des in den USA zugegebenen Betrugs VW-Aktien – Stämme wie Vorzugsaktien – zu deutlich überhöhten Kursen gekauft haben. Dafür wollen sie nun entschädigt werden.

Unerschrockener Kläger

Bei dieser sich anbahnenden juristischen Schlacht geht es im Kern um die Frage: Wer wusste was und vor allem wann im VW-Konzern? Hat der damalige Konzernchef Martin Winterkorn tatsächlich erst 2015 Kenntnis über die manipulierten Abgassysteme erlangt? Wussten andere Vorstandsmitglieder oder Manager der zweiten und dritten Führungsebene Bescheid? Und daraus abgeleitet: Muss Volkswagen für die durch den Diesel-Betrug entstandenen Kursverluste entschädigen? Und wenn ja, in welcher Höhe?

Andreas Tilp ist als Anwalt der Musterklägerin Deka Investment einer der Hauptakteure vor Gericht. Er macht einen selbstbewussten Eindruck, scheint ein detailversessener Jurist zu sein, der sich auch durch hochkomplizierte Verfahrensfragen nicht abschrecken lässt. Und trotz der zu erwartenden Armada juristischer Hochkaräter, die VW verteidigen werden, ist Tilp zuversichtlich, dass seine Argumente das hohe Gericht überzeugen werden und VW am Ende zu Schadenersatzzahlungen verdonnert wird. „Was wir an Argumenten hören, schreckt uns überhaupt nicht“, betont er. Der Kapitalmarktrechtler bläst kurz vor Prozessauftakt zur Attacke und bescheinigt VW „einen schweren Stand“ in dem Musterverfahren.

Pötsch als Zeuge?

Mit der Ende Februar eingereichten Klageerwiderung im Musterverfahren stellt Volkswagen vor allem klar: Es gab aus der Sicht des Konzerns keine konkreten Anhaltspunkte für eine Kursrelevanz der Affäre, bis die US-Umweltbehörden am 18. September 2015 unerwartet mit ihren Anschuldigungen an die Öffentlichkeit gingen. Demnach ging der heutige Volkswagen-Aufsichtsratschef und frühere Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch noch kurz vor Bekanntwerden des Abgasskandals in den USA von Risiken von höchstens 150 Millionen Euro aus.

In dem Braunschweiger Verfahren soll jetzt geklärt werden, ob VW seinen Pflichten gegenüber Investoren nachgekommen ist. Und dem Vernehmen nach ist Pötsch auch bereit, in dem Verfahren auszusagen.

Tilp betont, spätestens im Juni 2008 hätte Volkswagen zum Thema Diesel-Abgasreinigung und geltenden US-Stickoxidnormen eine Pflichtmitteilung über den Fehlschlag einer Schlüsseltechnologie veröffentlichen müssen. Tilp beharrt auf der Position: „VW hätte seinen Anteilseignern das Scheitern einer Schlüsseltechnologie mitteilen müssen: Wir schaffen das nicht!“

Dies sei jedoch nicht geschehen. Stattdessen habe Volkswagen sich die Zulassung für den Dieselmotor EA 189 in den USA erschlichen und damit Anleger betrogen. Weil die Investoren das zu diesem Zeitpunkt aber nicht wussten, hätten sie Aktien zu teuer gekauft, so Tilp.

Kurseinbruch

Für die Berechnung der durch den Betrug ausgelösten Kursverluste gebe es in Deutschland keine Formel, erklärt Tilp. Er rechnet so: Im Zeitraum vom 17. September bis zum 22. September 2015, in dem der Skandal aufflog, habe der Verlust bei 56,20 Euro je VW-Stammaktie gelegen, für Vorzugsaktien gar bei 61,80 Euro, listet der Anwalt auf. Auf dieser Grundlage seien auch die Schadenersatzansprüche berechnet worden. Er verweist darauf, dass das Gericht aber auch einen längeren Zeitraum für die Kursverluste zugrundelegen könnte; bis Anfang Oktober 2015 waren die Wertpapiere von Volkswagen zeitweise um mehr als 40 Prozent eingebrochen.

Sollte Tilp sich vor dem Oberlandesgericht in Braunschweig durchsetzen, könnte dies den Volkswagen-Konzern weitere Milliardensummen kosten.

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