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Wingcopter: Mischding aus Drohne und Flugzeug wird zum Überflieger

Von Abheben wie ein Hubschrauber, elegant fliegen wie ein Flugzeug. Und das viel schneller, deutlich weiter und stabiler als jede andere Drohne: der Wingcopter.
Jonathan Hesselbarth (links) und Tom Plümmer präsentieren im Frankfurter „House of Logistics & Mobility“ (Holm) die jüngste Version ihres Wingcopters. Zwei Jahre lang dürfen die beiden Jungunternehmer das neue Start-up-Zentrum des Holm nutzen. Foto: Maik Reuß Jonathan Hesselbarth (links) und Tom Plümmer präsentieren im Frankfurter „House of Logistics & Mobility“ (Holm) die jüngste Version ihres Wingcopters. Zwei Jahre lang dürfen die beiden Jungunternehmer das neue Start-up-Zentrum des Holm nutzen.
Frankfurt. 

Alle Achtung! Gerade mal sechs Einzelteile haben Jonathan Hesselbarth und Tom Plümmer aus der kompakten Transportkiste mit der Aufschrift „South African Airways“ geholt. Und nicht einmal fünf Minuten brauchen die beiden, um diese Teile aus Kohlenstofffaser- und Glasfaser-Verbundwerkstoffen mittels Steckrohren zusammenbauen. Fertig ist die neuartige Hybrid-Drohne.

Bemerkenswert, denn das glänzend weiße Fluggerät, das Hesselbarth und Plümmer im Frankfurter „House of Logistics & Mobility“ (Holm) präsentieren, hat so gut wie nichts gemein mit den Multicoptern, die in den vergangenen Jahren auch hierzulande von ’zigtausenden Hobby-Piloten für den privaten Gebrauch gekauft worden sind. Dieses 1,32 Meter lange und 16 Kilogramm leichte Fluggerät mit einer Flügel-Spannweite von 1,78 Metern und vier Schwenk-Rotoren ist einzigartig. „Wingcopter“ heißt er – und der Name ist Programm: Er ist eine Mischung aus Multicopter und Flächenflieger. Mit Hilfe seiner vor und hinter den Flügeln angeordneten vier Rotoren, von denen die zwei vorderen zunächst senkrecht nach oben und die zwei hinteren nach unten zeigen, kann er auf jedem Gelände problemlos wie ein Hubschrauber senkrecht starten und landen. Nach dem senkrechten Start schwenken die beiden vorderen Rotoren um 90 Grad nach vorne und die beiden hinteren Rotoren um 90 Grad nach hinten. Nun fliegt der Wingcopter elegant wie ein Flugzeug durch die Lüfte. Und das mit einer Geschwindigkeit von bis zu 180 km/h – unvorstellbar für einen herkömmlichen Quadrocopter.

100 Kilometer Reichweite

Dank des patentierten Schwenkrotor-Mechanismus samt einer entsprechend ausgefuchsten Software kann die autonom fliegende Maschine innerhalb weniger Sekunden zwischen den beiden Flugzuständen hin- und herwechseln. Dieser schnelle Wechsel trägt entscheidend dazu bei, dass der „Wingcopter 178 Heavy Lift“ deutlich stabiler und länger unterwegs sein kann als normale Drohnen. „Bei der maximalen Zuladung von sechs Kilogramm ist immer noch eine Einsatzdauer von über einer Stunden möglich“, sagt der 31-jährige Hesselbarth. Dabei sei der Wingcopter bei einer Geschwindigkeit von circa 70km/h am effizientesten. Mit einem Tablet, das als Bodenstation funktioniere, könne das Fluggerät über GPS auf einer Strecke von bis zu 100 Kilometern, gesteuert werden. Solche technischen Leistungen sind nicht günstig zu haben: Die Preise für einen Wingcopter liegen im fünfstelligen Bereich – je nach Konfiguration und Sensorik, die der jeweilige Kunde wünscht. Produziert wird der Copter in Hessen, und zwar in Handarbeit, wie Hesselbarth betont.

Kongeniales Team

Der Maschinenbau-Ingenieur ist der Erfinder des Wingcopter-Konzepts. Bereits neben seinem Studium an der TU Darmstadt begann Hesselbarth, solche Flugobjekte zu entwickeln, halb Quadcopter, halb Flugzeug. Sein erstes Patent meldete er 2012 an, damals bestand sein zwei Kilo schwerer Wingcopter noch aus Kunststoffschaum. Im selben Jahr gründete er die Firma „Hesselbarth Flugsysteme“. Während der eher ruhige Ingenieur in der Modellbauwerkstatt der Hochschulgruppe „Akaflieg“ die innovative Technologie entwickele, verdiente der studierte Medien-Designer Plümmer sein Geld mit professionellen Luftaufnahmen, die er mit Hilfe von Multicoptern machte. „Ich war damals sehr unzufrieden mit der geringen Leistung der Copter“, erinnert sich der heute 27-Jährige, „schon nach 10 bis 20 Minuten Flugzeit waren deren Batterien leer. Damit kam ich höchstens einen Kilometer weit.“ Im Frühjahr 2015 habe er dann den Tipp bekommen, dass ein Student der TU Darmstadt an der Fortentwicklung von Drohnen arbeitete. „Und so lernten wir und damals kennen.“

Die beiden verstanden sich auf Anhieb und beschlossen, das Projekt als Vollzeitjob gemeinsam voranzutreiben, um den Wingcopter als professionelles Fluggerät in der kommerziellen Premiumklasse zu etablieren. „Um unsere gesamte Zeit darauf verwende zu können, brachen Tom und ich unseren jeweiligen Master-Studiengang ab“, erzählt Hesselbarth. Das Startkapital – eine sechsstellige Summe – liehen sie sich von der Familie und von Freunden. Dass Hesselbarth mit seiner Erfindung eine Marktlücke entdeckt hatte, war damals schon deutlich geworden. „Vom kleinen Prototypen hatte ich in Kleinserie 15 Exemplare hergestellt und alle verkauft.“

Im Einsatz gegen Wilderer

Inzwischen ist die Vision der beiden auf dem besten Weg, Realität zu werden. Die „Dubai Electricity and Water Authority“ (DEWA) hat bereits ein Exemplar gekauft. Mit einem hochwertigen Kamera-System ausgestattet, das seine Aufnahmen live übermittelt, inspiziert er eigenständig aus der Luft Hochspannungsleitungen in dem arabischen Land. Auch die „Zoological Society London“ gehört inzwischen zu den Kunden der Darmstädter. Die britische Gesellschaft möchte mit dem Wingcopter samt Multispektral-Kamera und Laser-Scanner weite Teile des indonesischen Regenwaldes vermessen und dreidimensional einscannen. Auch der Zustand der dortigen Pflanzen soll erfasst werden. Und sogar Wilderer wollen sie aufspüren, indem sie als dritten Sensor eine Wärmebildkamera am Copter anbringen lassen.

Im südlichen Afrika, wo Hesselbarth den Wingcopter kürzlich mit Erfolg präsentiert hat, soll das Fluggerät mit ähnlicher Ausstattung Karten von landwirtschaftlichen Flächen erstellen, damit die dortigen Bauern ihre Felder effizienter bewirtschaften können.

Im östlichen Afrika hingegen absolviert der Wingcopter bald Testflüge als Lieferdrohne: In Kooperation mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und anderen Partnern könnte er Impfstoffe, Blutkonserven und andere Medikamente sicher und schnell in entlegene Gegenden oder zwischen verschiedenen Städten transportieren.

Den Einsatzmöglichkeiten des Wingcopter-Prinzips scheinen kaum Grenzen gesetzt. „Denn unsere Technik lässt sich beliebig skalieren“, sagt Plümmer. „Nach und nach werden wir immer größere Spannweiten haben und zunehmend größere Nutzlasten transportieren können.“

Die größten Geldsorgen nahm ihnen im vergangenen Jahr das Bundesministerium für Wirtschaft ab: Es gewährte ihnen das „Exist-Gründerstipendium“ über 120 000 Euro, so dass sie sich ganz auf die Geschäftsentwicklung konzentrieren konnten. „Die Hybrid-Drohne Wingcopter ist ein Fluggerät der Zukunft“, zeigte sich Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries überzeugt. Der gleichen Meinung ist der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie: Er verlieh Plümmer und Hesselbarth im vergangenen Sommer den „Innovationspreis der Deutschen Luftfahrt“.

Um mit ihrem Start-up den nächsten Schritt in die industrielle Großserien-Produktion zu gehen und damit richtig abzuheben, sind sie nun auf der Suche nach einem passenden Investor. „Wir sind für Venture Capital ebenso offen wie für strategische Investoren, die neben Geld auch Know-how einbringen – dafür sind wir auch bereit, Anteile an unserem Unternehmen abzugeben.“

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